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Nachruf auf Leo Kirch : Macht und Grenzen eines Medienimperiums

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Über Jahrzehnte einer der einflussreichsten Medienmanager des Landes: Leo Kirch starb mit 84 Jahren Bild: dapd

Leo Kirch wurde zum Inbegriff all dessen, was einen Medienmogul ausmacht. Er gab dem abstrakten Vorgang der Medienkonzentration ein konkretes Gesicht. Bis zu seinem Tod jagte er das Monopol wie einen verlorenen Schatz.

          Was könnte sich ein junger Privatsender in einem ganz neuen Markt mehr wünschen als einen Mann im Hintergrund wie Leo Kirch? Sat.1 hatte 1984, als das kommerzielle Fernsehen in Deutschland begann, scheinbar beste Voraussetzungen, RTL plus sofort abzuhängen. Der Sender hieß zwar noch PKS und Kirch beteuerte noch, daran gar nicht beteiligt zu sein. Aber Sat.1 konnte sich nicht nur auf seine Beziehungen verlassen, sondern auch auf den riesigen Fundus aus Spielfilmen und Serien zurückgreifen, deren Rechte sich Kirch über Jahrzehnte gesichert hatte. RTL musste unerfahren und mit überschaubaren Mitteln eigene Sendungen produzieren, um das Programm zu füllen.

          Diese Not sollte sich als entscheidender Vorteil herausstellen. RTL war gezwungen, kreativ und originell zu sein. RTL wurde frecher Herausforderer des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und dann schnell Marktführer, Sat.1 eine Abspielstation. Schon kurz nach dem Sendestart beklagten sich andere Gesellschafter, es handele sich bei dem Sender um eine Konstruktion, um den Filmvorrat Kirchs zu refinanzieren.

          Eine Geschichte der Gier

          Jahre später sollte sich die Geschichte ähnlich wiederholen. Kirch besaß die Rechte an der Übertragung der Fußball-Bundesliga und beschloss, sie möglichst gewinnbringend im frei empfangbaren und im Bezahlfernsehen einzusetzen: Die Berichterstattung in „ran“ auf Sat.1 sollte nur gerade so attraktiv sein, dass sie als Werbung für das kostenpflichtige Premiere funktionierte. Die Sat.1-Quoten waren entsprechend mies, aber die Menschen kauften auch keine Premiere-Abos. Sie wandten sich vom Fernsehfußball insgesamt ab, Kirch musste zurückrudern.

          Die Geschichte vom Aufstieg und Fall Leo Kirchs ist voll solcher ironischer Wendungen: Gerade in den Momenten, in denen sich alles zu fügen schien und sich die verschiedenen, oft im Verborgenen und über Strohmänner erworbenen Beteiligungen so ergänzten, dass seine Machtfülle riesig war, überreizte Kirch. Es ist eine Geschichte der Gier; darüber, wie weit sie einen bringen kann, der mit allen Tricks versucht, ein Monopol zu erobern, und darüber, wie sie ihn wegen seiner Unersättlichkeit abstürzen lässt.

          Kirch wurde zum Inbegriff all dessen, was einen Medienmogul ausmacht: Skrupellosigkeit, Intransparenz, eine politische Agenda, Machtgier. Er weigerte sich anzuerkennen, dass mit der Macht über die Öffentlichkeit auch die Pflicht einhergeht, öffentlich Rechenschaft abzulegen, und wurde das perfekte Feindbild – zu recht und als Überhöhung. Investigative Reporter versuchten, die kunstvollen Verschachtelungen zu durchdringen, durch die Kirch über Jahrzehnte das wahre Ausmaß seines Einflusses zu verschleiern versuchte. Die abstrakte Gefahr großer Medienkonzentration bekam durch ihn ein konkretes Gesicht. Vor allem durch seine Machtübernahme beim Springer-Konzerns wurde offenbar, welche Möglichkeiten ein publizistischer Riese hätte, der alle Ebenen der Verwertungskette beherrschte: die Produktion der Inhalte, den Vertrieb, die Synchronisation, die Vermarktung, die Ausstrahlung – bis hin zur Promotion in anderen Medien des Konzerns.

          Programmzeitschriften und Tageszeitungen, die für jede ProSieben- und Sat.1-Sendung trommelten und alles, was bei der Konkurrenz lief, vernachlässigten – das war einer von vielen Alpträumen, die Kirchs Riesenreich auslöste. Es gab solche Versuche, aber auch viele Beweise dafür, dass ein Medium im Zweifel die Interessen seines Publikums über die seines Gesellschafters stellen muss, wenn es auf Dauer erfolgreich sein will und nicht beiden schaden soll. Leo Kirch ist ein Beispiel dafür, wie gefährlich die Zusammenballung von Medienmacht ist, aber auch, was ihre Grenzen sind – jedenfalls solange das Monopol nicht vollständig ist.

          Die fast perfekte Verbindung

          Gleich eine ganze Handvoll ehemalige Regierungsmitglieder aus der Union standen nach ihrer Amtszeit in bezahlten Diensten Kirchs. Bis zuletzt hielten die bayerische Landesregierung und Landesmedienanstalt zu Kirch – unvergessen der Satz des damaligen Staatskanzleichefs Erwin Huber, der im März 2002 prognostizierte, dass das Imperium „blühen wird, wenn über die vielen Zeitungsartikel heute längst der Wind des Vergessens weht“. Wenige Wochen später kam die Pleite. Die Nähe zur Politik hat Kirch vor allem gesucht, um noch bessere Geschäfte machen zu können; um gesetzliche Schranken zu verhindern, attraktive Lizenzen und vielfältige Rückendeckung zu bekommen. Aber er nutzte seine publizistische Macht auch, um Politik zu machen. 1992 holte er etwa den Parteigänger Heinz Klaus Mertes vom BR als Chefredakteur zu Sat.1. Von dessen Amtszeit bleibt vor allem eine Talksimulation namens „Zur Sache, Kanzler“ in Erinnerung, die in einem Maße der im Titel behauptete Tugend des Nachhakens widersprach, dass sich ihre beabsichtigte propagandistische Wirkung eher ins Gegenteil verkehrte.

          Einer der Journalisten, die an der Sendung mitwirkten, war Kai Diekmann, damals noch stellvertretender Chefredakteur bei „Bild“. Man kann, wenn man will, in der zweiten Hochzeit von Helmut Kohl im Jahr 2008 ein Symbol für die fast perfekte Verbindung zwischen Politik und Medien sehen: Diekmann und Kirch waren Kohls Trauzeugen. Zu diesem Zeitpunkt hatte aber längst nur noch einer von den dreien Macht: Diekmann. Von den Netzwerken, die Kirch und Kohl aufgebaut hatten, war sonst nichts mehr übrig geblieben.

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