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Nachrichtensatire in Amerika : So ernsthaft haben wir uns selten amüsiert

  • -Aktualisiert am

John Oliver (links) und Stephen Colbert Bild: AFP

Wie nimmt man Politik auf unterhaltsame Weise auseinander? Stephen Colbert und John Oliver machen es im amerikanischen Fernsehen jede Woche vor – mit Netzthemen, Schimpfwörtern und Picasso.

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          Nein, Trevor Noah kann Jon Stewart bei der „Daily Show“ nicht ersetzen. Aber seit dem Abgang des Mannes, dessen Satire das ernsthafteste Forum der Selbstverständigung im amerikanischen Fernsehen war, sind zwei seiner Lehrlinge aus dem Schatten getreten, um seine Sache fortzuführen: Stephen Colbert und John Oliver.

          Zu erwarten war das nicht unbedingt. Der wöchentliche Nachrichtenrückblick „Last Week Tonight“, mit dem Stewarts einstiger „Senior British Correspondent“ John Oliver vor anderthalb Jahren bei HBO debütierte, nahm sich zuerst aus wie ein Abklatsch der „Daily Show“. Aber inzwischen zeigt Oliver, dass er nicht nur ein leidenschaftliches Interesse für das tägliche Geschehen hat. Er liefert Hintergrundgeschichten zur politischen und unternehmerischen Landschaft der Vereinigten Staaten und hat sich als Stimme in der öffentlichen Debatte etabliert.

          Im Fall von Stephen Colbert war zu befürchten, dass er als Nachfolger des Talkmasters David Letterman und dessen braver „Late Show“, zahm, angepasst und vor allem unterhaltsam daherkommen könnte. Doch das ist nicht der Fall. Colbert hat aus Lettermans biederem Plaudertreff ein über die Unterhaltungsbranche weit hinaus relevantes Programm gemacht. Bei ihm geht es um Politik, um Amerikas gesellschaftliche Verwerfungen.

          Elegant zwischen Unterhaltung und Politik

          John Oliver mag auf dem Abosender HBO einem größeren Publikum verborgen bleiben, aber Clips seiner Sendung bescheren ihm im Internet größte Aufmerksamkeit. Wie kein Zweiter kann er erklären, was es mit „Netzneutralität“ auf sich hat und warum diese notwendig ist, um den Machthunger der Megakonzerne zu zügeln. Mehr als zwölf Millionen Mal wurden Olivers Ausführungen über die Fifa („eine lachhaft groteske Organisation“) auf Youtube angeklickt, die er vom Stapel ließ, noch bevor der Korruptionsskandal an der Spitze des Fußballverbandes so richtig ins Rollen kam. Olivers Hinweis auf die Netzneutralität wiederum dürfte dazu beigetragen haben, dass Barack Obama die Medienbehörde FCC aufforderte, sich klar hinter das Prinzip zu stellen.

          Colbert wirkt jetzt beim Network-Kanal CBS geradezu entfesselt. Mit bemerkenswerter Eleganz bewegt er sich zwischen Unterhaltung und Politik. Er macht Donald Trumps surreale Kraftmeierei ebenso kenntlich wie Hillary Clintons inszenierte Herzlichkeit. Den Verkauf des Modigliani-Gemäldes „Nu Couché“ für 170 Millionen Dollar nahm Colbert zum Anlass für eine brillante Analyse der Zensurwut amerikanischer Networks, die auch vor den Werken Modiglianis oder Picassos nicht haltmacht. Colbert legte haarklein dar, was ihm CBS zu zeigen erlaubt und was nicht.

          Colbert und Oliver sind wie ihr Vorgänger Stewart bei allem Witz ernsthaft engagiert, und das verleiht ihnen eine Autorität, die über die Latenight-Unterhaltung hinausreicht. Zuletzt zeigte sich das in der Reaktion auf die Terroranschläge von Paris. Colbert nahm gerade seine Sendung auf, als ihn die Nachricht erreichte. „Wir beenden die heutige Sendung mit schweren Herzen“, sagte Colbert in die Kamera, bevor er knapp die Fakten und die Reaktionen der Präsidenten Hollande und Obama skizzierte. „Wir fügen dem unsere Gedanken und Gebete hinzu, und jetzt ...“ Kurz versagte ihm die Stimme. „Wir sehen uns Montag“, fuhr er fort, wandte den Blick hilflos suchend ab und holte tief Luft. „Gute Nacht.“ John Oliver ging nach den Attacken mit einer über Facebook, Twitter und Youtube verbreiteten Tirade gegen die Terroristen auf Sendung. „Vieles ist noch unbekannt, aber einiges können wir schon sagen“, tat er kund und überzog die Terroristen und ihre Ideologie mit einer Salve von Schimpfwörtern. „Frankreich wird überdauern“, meinte Oliver, „und ich sage Ihnen, warum: Wenn man sich mit Frankreich in einen Krieg über Kultur und Lebensart wagt, viel Glück. Bringt sie ruhig, eure bankrotte Ideologie. Sie werden Sartre, Piaf, guten Wein, Gauloises, Camus, Camembert, Madeleines, Macarons, Marcel Proust und den verdammten Croquembouche bringen. Ihr habt eine Philosophie rigoroser Selbstentsagung zu einer Feingebäckschlacht gebracht, meine Freunde. Ihr seid am Arsch.“

          Es sieht ganz danach aus, als könnten Stephen Colbert und John Oliver das amerikanische Fernsehen und die gesellschaftliche Debatte des Landes ähnlich nachhaltig prägen, wie Jon Stewart das sechzehn Jahre lang tat. Im politischen Unterhaltungs- oder im unterhaltenden Politikfernsehen der Vereinigten Staaten hat eine neue Ära begonnen.

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