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Nachrichtenkanal Megaphone : Mit Instagram gegen die Korruption

  • -Aktualisiert am

Screenshots der libanesischen Nachrichtenseite Megaphone auf Instagram Bild: Megaphonenews/Instagram

In Libanon gehen die Behörden immer schärfer gegen kritische Stimmen vor. Der Nachrichtenkanal Megaphone ist eines der wenigen unabhängigen Medien.

          5 Min.

          In Libanon geht alles den Bach runter, aber mit Megaphone geht es bergauf. Nur wenigen war der Name des Nachrichtenkanals ein Begriff, als ein paar Studenten der American University of Beirut ihn 2017 ins Leben riefen. Aber als die Libanesen nur zwei Jahre später in Scharen auf die Straßen gingen und ein neues, von konfessionalistischen Zwängen befreites Regierungssystem forderten, avancierte Megaphone in kurzer Zeit zum wichtigsten Medium des Aufstandes. Es gab Abende, an denen seine Social-Media-Kanäle fast die einzige Möglichkeit boten, die Demonstrationen in Downtown Beirut überhaupt zu verfolgen. Während die meisten Fernsehsender es nicht für nötig hielten, ihr Programm zu unterbrechen.

          Lena Bopp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Zu ungewöhnlich war, was auf den Straßen geschah, wo, wenigstens ein paar Tage lang, Menschen unterschiedlichen Glaubens ihrem Überdruss gemeinsam Ausdruck verliehen. In Libanon bleiben Christen, Schiiten, Sunniten und Drusen meist unter sich. Und viele bestärken einander in ihren jeweiligen Deutungen des politischen Geschehens, was maßgeblich dadurch gefördert wird, dass so gut wie jede gesellschaftliche Gruppe über eigene Radiosender, Zeitungen und vor allem eigene Fernsehsender verfügt: Für seine Sunniten hält sich der ehemalige Premierminister Saad Hariri den Sender Future TV. Die Hizbullah verbreitet ihre Propaganda über Al Manar, und den Christen steht mit Orange TV (OTV) ein Kanal bereit, der der Partei des Präsidenten Michel Aoun nahesteht. Nicht in jeder Region des kleinen Landes sind alle Sender zu empfangen. Al Manar beispielsweise ist im Norden des Landes blockiert. So setzt sich die Segregation der Gesellschaft in den Sendefrequenzen des Fernsehens fort.

          Erst seit kurzem zeigt die Redaktion Gesicht

          Für kurze Zeit waren diese Sender im Herbst 2019 überrumpelt von den Protesten, die auf ein System zielten, dessen inhärenter Teil sie sind. Anders als unabhängige Medien wie Megaphone, das unter Demonstranten rasch große Glaubwürdigkeit genoss. Auf traditionellen Kommunikationskanälen ist Megaphone nicht zu finden. Die Redaktion betreibt keinen Fernsehsender, druckt keine Zeitung und hatte anfangs nicht mal eine Website. Die Idee der Studenten um den Mitbegründer Jean Kassir war, vor allem junge Libanesen dort anzusprechen, wo sie zu finden sind – an ihren Telefonen. „Als wir anfingen, wurde Instagram in Libanon noch für normale Fotos benutzt“, sagt Kassir, der per Sprachnachricht kommuniziert. Lange äußerten er und seine Kollegen sich gar nicht öffentlich. Alle arbeiteten anonym. Wo sich die Büros der Redaktion in Beirut befinden, ist bis heute nicht bekannt. Erst seit Kurzem zeigt Jean Kassir, neben wenigen anderen, sein Gesicht.

          Jean Kassir (rechts) und seine Kolleginnen bei Megaphone
          Jean Kassir (rechts) und seine Kolleginnen bei Megaphone : Bild: Megaphone

          Seinen Job bei Amnesty International hat er mittlerweile an den Nagel gehängt. Er widmet sich nur noch Megaphone, dem es, ähnlich wie die Portale Brut in Frankreich und Vox in den Vereinigten Staaten, gelungen ist, die Bildsprache von Instagram für seine Zwecke zu nutzen und politische Nachrichten in die Feeds der Nutzer zu schleusen. Statt Fotos posten Kassir und seine Kollegen unter @megaphonenews Grafiken, Videos, Bilderfolgen und immer wieder Collagen von den Köpfen der wichtigsten Politiker und deren jüngsten Einlassungen. Der Ton ist scharf und zuweilen zynisch. Aufgegriffen werden oft Geschichten von Menschen, die in anderen Medien wenig oder gar nicht repräsentiert sind – Gastarbeiter, syrische Flüchtlinge, Palästinenser. Erzählt wird stets aus der Perspektive derer, die unter dem Niedergang des Landes am meisten leiden.

          Polizeiaktionen gegen kritische Stimmen

          Vor ein paar Wochen beispielsweise, als im Norden des Landes ein Tank mit gehortetem Benzin explodierte, fünfunddreißig Menschen getötet und Dutzend weitere verletzt wurden, sah man in einer Collage den Präsidenten Aoun und dessen Schwiegersohn Gebran Bassil. Daneben die Schlagzeile „Aoun and Bassil blame Akkar’s residents after killing them“. Tatsächlich hatten sich nach der Explosion sunnitische und christliche Politiker rasch gegenseitig der Mitschuld an der Katastrophe bezichtigt, was den Schwiegersohn des Präsidenten dazu veranlasste, Akkar als eine quasi extraterritoriale Region zu bezeichnen, die man zur „militärischen Zone“ deklarieren könnte. Megaphone fasste das Geschehen in vier Sätzen zusammen. Es versah sie mit den Hashtags #akkar, #corruption, #lebanon und suggerierte, dass die Schwarzmarkthändler, die das Benzin horteten, von Politikern geschützt wurden. Das liegt auf der Hand. Aber es ist schwer zu beweisen.

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