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Nachrichtenkanal Megaphone : Mit Instagram gegen die Korruption

  • -Aktualisiert am

Und mit Vorwürfen dieser Art müssen Journalisten in Libanon inzwischen vorsichtiger sein. Nach wir vor gilt der Libanon in der arabischen Welt zwar als das Land, in dem die größte Meinungsfreiheit herrscht. Aber gerade in den vergangenen Jahren gehen die Behörden immer schärfer gegen kritische Stimmen vor, insbesondere wenn es um Korruptionsvorwürfe geht, vor allem im Internet. Die Organisation „Human Rights Watch“ hat recherchiert, dass zwischen Januar 2015 und Mai 2019 rund 3600 Fälle von angeblicher Diffamierung, übler Nachrede oder Rufmord untersucht worden sind, wobei die Zahl kontinuierlich stieg. Allein im Jahr 2018 ist das eigens zu diesem Zweck gegründete „Cybercrimes Bureau“ 1452 Mal dem Verdacht vermeintlicher Schmähungen nachgegangen – fast fünf Mal häufiger als noch 2015.

Das Land kollabiert

Immer wieder sorgten in den vergangenen Jahren außerdem spektakuläre Übergriffe der Sicherheitskräfte für Aufsehen. Im Dezember 2018 stürmten gleich zehn Polizisten in die Redaktion der unabhängigen Onlinezeitung Daraj und nahmen deren Mitbegründer Hazem Al-Amin mit (der zwei Stunden später wieder freikam). Zu Beginn dieses Jahres umstellte der Militärgeheimdienst das Gelände des Fernsehsenders Al-Jadeed. In herausfahrenden Autos suchten die Sicherheitskräfte nach dem Journalisten Radwan Mortada, dem vorgeworfen wurde, in seinen Berichten über die Explosion im Hafen von Beirut das Militär beleidigt zu haben. Der Vorwurf wurde schließlich vor einem zivilen Gericht verhandelt und fallen gelassen. In beiden Fällen aber war die Botschaft der Sicherheitskräfte an die Journalisten unmissverständlich.

Die Redaktion von Megaphone hat dergleichen noch nicht erlebt. „Wir wissen, dass Drohungen unglücklicherweise zum Spiel gehören und dass unsere Arbeit wahrscheinlich schwieriger wird, je weiter das Land politisch und wirtschaftlich kollabiert“, sagt Jean Kassir. Doch bislang macht sich die Vorsicht der Redaktion bezahlt. Natürlich gebe es Anfeindungen, auch öffentliche, zuweilen von Menschen, die dem Establishment nahestünden, sagt Kassir. „Diese Anfeindungen könnten auch der Versuch sein, uns auf eine mögliche Attacke von Behörden vorzubereiten.“ Aber noch sei niemand von ihnen verhört oder vorgeladen worden.

Ästhetik des Straßenkampfs

Mittlerweile ist aus der Handvoll junger Leute, die sich abends nach getaner Arbeit Megaphone widmeten und anfangs zwei, drei Mal monatlich ihre Beiträge veröffentlichten, eine Redaktion von fünfzehn festen und genauso vielen freien Mitarbeitern geworden. Sie finanziert sich durch Förderprogramme, unter anderem von der Europäischen Union. Ihre Nachrichten erscheinen jetzt mehrmals täglich. Ihre Reichweite auf Facebook und Instagram ist seit dem Beginn der Proteste auf etwa vier Millionen Menschen gewachsen. Besonders ihre Videos sind stets mittendrin und zuweilen so geschnitten, dass sie das Geschehen nicht nur dokumentieren, sondern ästhetisieren – die Straßenkämpfe in Tripoli sehen bei Megaphone aus wie ein Tanz, zu dem der Straßenverkäufer mit seinen klappernden Kaffeetassen den Takt schlägt. Da ist es nicht verwunderlich, dass libanesische Politiker immer wieder auf die Berichterstattung reagieren. Doch anders als im Journalismus gemeinhin üblich, vermeiden die Redakteure von Megaphone den direkten Kontakt mit den öffentlichen Figuren, über die sie schreiben. „Wir glauben, dass diese Leute über ausreichende Plattformen verfügen, über die sie sich äußern können“, sagt Kassir.

Natürlich gebe man ihnen die Gelegenheit zu antworten. Häufig werden die Antworten auch veröffentlicht. „Aber wir erwarten nichts von diesen Leuten“, sagt er und verweist auf die besonders brenzlige Lage in Libanon. „Wir bewegen uns nicht in einem normalen politischen Setting. Wir leben in einem kollabierenden Land mit einer skrupellosen politischen Klasse, die trotz des Kollapses einfach weitermacht wie bisher. Wir können darüber nicht einfach berichten, als wäre es business as usual.“ Von einer klaren Trennung zwischen Journalismus und Aktivismus hält er nichts. „Neutralität und Objektivität sind Illusionen. Jeder hat ideologische Vorlieben.“ Die Redaktion halte sich an journalistische Prinzipien, man prüfe Fakten und Quellen und lege Wert auf Integrität. „Aber wir glauben erstens, dass auch wir natürlich direkt von dem beeinflusst sind, was um uns herum geschieht. Und zweitens, dass unsere Arbeit inhärent politisch ist. Sie hat eine politische Dimension, und vor der schrecken wir nicht zurück.“

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