https://www.faz.net/-gqz-10q0y

Nachgespielt : Schmidt, Pocher, Playmobil und große Geschichte

Historiker Schmidt und Schüler Pocher: „Die meisten schalten ab” Bild: ddp

Playmobilkönige in vollem Ornat und ineinander verkeilte Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren: Harald Schmidt und Oliver Pocher spielten gestern in ihrer Show den fünften Band von Hans-Ulrich Wehlers „Deutscher Gesellschaftsgeschichte“ nach. Eine Kritik von Patrick Bahners.

          Jugend im Leistungsstress, Jugend im Leistungsrausch, Jugend im Leistungsglück! Und zwar akademische Jugend! Wer hätte das gedacht? Wir nicht, wir haben gedacht: Unsere Studenten bringen's nicht mehr. Für uns Feuilletonredakteure der F.A.Z., die wir mit Hans-Ulrich Wehler aufgewachsen sind wie mit der Mengenlehre und Wim Thoelke, war der Lesesaal zu Wehlers Gesellschaftsgeschichte, in den wir unsere Leser sechs Wochen lang gebeten haben, ein melancholisches Ritual, ein Abschied nicht ohne Wehmut, wie seinerzeit bei Marcel Reich-Ranicki und Heinrich Mann oder vor kurzem bei Elke Heidenreich und dem ZDF.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Denn im fünften Band, auf den vorletzten Metern ist plötzlich zu spüren, dass die deutsche Geschichte, wie Wehler sie erzählt, nachdem sie sich gerade erst und mit welcher Wucht in eine Erfolgsgeschichte verwandelt hat, doch kein gutes Ende nehmen wird. Von wegen, Wehler der wiedergeborene Heinrich von Treitschke, der die gesamte Geschichte der Deutschen siegesbundesrepublikanisch anstreichen will! Er weiß ja selbst nicht, und macht in seiner erfrischenden Art daraus gar keinen Hehl, was nun werden soll, nachdem man den 530 Seiten dicken Band aus der Hand gelegt hat. Die deutsche Geschichte geht weiter: Richard von Weizsäcker konnte sich herausnehmen, ein Buch so zu nennen; aus dieser metaphysischen Zukunftsgewissheit spricht das Selbstgefühl des Adels, der durch alle Regimewechsel hindurch obenauf bleibt. Aber geht die deutsche Gesellschaftsgeschichte weiter? Wer soll den sechsten Band denn schreiben?

          Wehler will es nicht tun. Jüngere müssten ran, hat er gesagt. Doch woher sollen sie kommen? Die meisten seiner Doktoranden werden noch über Jahre damit beschäftigt sein, den Datenmüll der Statistikanhänge ihrer Doktorarbeiten zu trennen. Wehlers Lieblingsschüler Paul Nolte möchte lieber Geschichte machen als Geschichte schreiben und spekuliert darauf, dass Ursula von der Leyen sich irgendwann ihr Omageld auszahlen lässt und für ihn ihren Ministersessel räumt.

          Ein Ruck ging durch die Gelehrtenrepublik

          Gestern abend aber ging ein Ruck durch die Gelehrtenrepublik. Kein bloßer Paradigmenwechsel ist zu vermelden, ein wahrer Paradigmenwirbelsturm fegte durch Sonderforschungstreibhäuser und Exzellenzgebüsche, ausgehend von Köln, dem Ort, wo Hans-Ulrich Wehler sich vor fünfzig Jahren seine ersten Leistungsnachweise verdiente, nachdem er aus dem reaktionären, nur scheinbundesrepublikanischen Bonn geflohen war - Historiker der Geschichtswissenschaft vergleichen diese Rheinuferbahnfahrt schon mit der Flucht des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina. Harald Schmidt hat, mit Oliver Pocher als etatmäßigem Assistenten wie weiland Wehler bei Theodor Schieder, den fünften Band der „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ illustriert, mit Playmobilfiguren in Puppenhausszenarien, die zusammenführten, was im Methodenstreit zwischen Wehler und seinem verstorbenen Münchner Kollegen Thomas Nipperdey auf ewig unverbunden zu bleiben drohte: Modellhaftigkeit und Anschaulichkeit.

          Die Deutschen sind eigentlich ein Supervolk mit tadellosen Laktatwerten, so griffig fasste Schmidt Wehlers Botschaft zusammen, die in diesen Krisentagen Kraft spenden sollte. Der Superhistoriker, von Schmidt als Supersportler gewürdigt, der noch mit siebenundsiebzig Jahren jeden Tag ins Freibad geht, hat seinen Superinterpreten gefunden. Wir sehen die deutsche Geschichte jetzt mit anderen Augen und den sechsten Band schon vor uns, der von der Phantasie unserer Zeit geprägt sein wird wie die ersten fünf von den Perspektiven der siebziger Jahre.

          Weitere Themen

          Ihr habt mehr Zeit für das Museum der Moderne!

          F.A.S. exklusiv : Ihr habt mehr Zeit für das Museum der Moderne!

          Wenn wir jetzt nicht bauen, verlieren wir die Sammler! So drohen die Verantwortlichen für das Berliner Museum der Moderne. Stimmt nicht, sagt die Sammlung Marx gegenüber der F.A.S. Was treibt die Politik zur Eile? Schaut sie nicht auf die Kosten?

          Topmeldungen

          Vorwürfe im Vorwahlkampf : Trumps zwielichtiges Telefonat

          Donald Trump soll den ukrainischen Präsidenten aufgefordert haben, Ermittlungen gegen den Sohn seines möglichen Konkurrenten Joe Biden anzuschieben. Ging es auch um die Erpressung mit amerikanischen Finanzhilfen?
          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.