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Nach den Fälschungsskandalen : BBC will „Das Vertrauen sichern“

  • -Aktualisiert am

Wäre es, wie versprochen, nach den Zuschauern gegangen, hätte die Katze „Cookie” geheißen Bild:

Am Anfang war ein Studiogast, der in einer Sendung mit Anruf-Gewinnspiel zum Sieger erklärt wurde. Dann wurden Fälschungen in Serie bei der britischen Rundfunkanstalt aufgedeckt. Jetzt gibt es „Umerziehungskurse“ für 16.500 Mitarbeiter.

          Von T.S. Eliot wissen wir, wie heikel die Namensgebung von Katzen ist. „Wie heißen die Katzen? Gehört zu den kniffligsten Fragen / Und nicht in die Rätselecke für jumperstrickende Damen“, heißt es in Erich Kästners Übersetzung der Verse aus Eliots „Old Possums Katzenbuch“. Wer hätte jedoch gedacht, dass die Karriere eines leitenden BBC-Redakteurs an dieser Frage scheitern könnte? Richard Marson, der ehemalige Chefredakteur der beliebten Kindersendung „Blue Peter“, gehört zu den Ersten, die von der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt entlassen werden wegen einer Serie von „Fälschungsskandalen“ insbesondere im Zusammenhang mit Call-in-Gewinnspielen. Die Aufsichtsbehörde hatte „Blue Peter“ bereits mit einer Geldstrafe von 50.000 Pfund belegt, nachdem bekanntgeworden war, dass ein Studiogast wegen eines technischen Versagens als Sieger eines Call-in-Wettbewerbs ausgegeben wurde.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Just als die BBC glaubte, einen Schlussstrich unter die Affäre ziehen zu können, die alle Kanäle in Mitleidenschaft gezogen hat, traten bei einer internen Untersuchung zusätzlich zu den sechs bis dahin aufgeflogenen Täuschungen weitere vier Fälle zutage. So stellte sich heraus, dass „Blue Peter“ das Ergebnis eines Call-in-Aufrufs manipuliert hatte, durch den der Name des neuen Kätzchens ermittelt werden sollte, das der Sendung als Maskottchen dient. Die Zuschauer hatten sich für „Cookie“ entschieden. Das gefiel der Redaktion nicht. Sie erklärte stattdessen, dass der Name „Socks“ am meisten Anklang gefunden habe. Nun, da der Betrug aufgeflogen ist und der BBC-Generaldirektor Mark Thompson es für „wahrlich schrecklich“ erklärt hat, junge Zuschauer auf diese Weise zu täuschen und zu enttäuschen, soll Ordnung und Harmonie hergestellt werden, indem „Socks“ einen Gefährten bekommt in der Gestalt eines neuen Kätzchens namens „Cookie“.

          Sogar der Chef hat den Zuschauer betrogen

          Innerhalb der BBC herrscht allerdings alles andere als Harmonie. Dort wird als ungerecht empfunden, dass mindere Chargen den Kopf hinhalten müssen für die Täuschungsskandale, während Führungskräfte verschont geblieben sind. Beim Radiosender BBC 6 Music ist eine Produzentin wegen groben Fehlverhaltens ihres Postens enthoben worden. Eine von ihr betreute Live-Sendung hat regelmäßig Mitarbeiter oder deren Freunde als Sieger von Call-in-Wettbewerben ausgegeben. Der Programmdirektor von 6 Music hat seinen Rücktritt erklärt.

          Hingegen scheint Alan Yentob, Kreativdirektor mit Zuständigkeit für den gesamten Sendebereich, ungeschoren davongekommen zu sein, obwohl er auch eine Art Betrug an den Zuschauern begangen hat. Einstellungen, die zeigen, wie er bei Interviews nickend reagiert auf die Aussagen seines Gesprächspartners, sind nicht nur wie branchenüblich nachträglich hineingeschnitten worden, Yentob hat diese Gespräche nicht einmal selber geführt, sondern ließ das von Untergebenen machen.

          „Umerziehungskurse“ für 16.500 Mitarbeiter

          Unmut macht sich auch über das mancherorts mit stalinistischen Umerziehungskursen verglichene Ausbildungsprogramm mit dem Titel „Das Vertrauen sichern“ breit, dem sich sämtliche 16.500 Produktions- und Redaktionsmitarbeiter der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt unterziehen müssen.

          Die Täuschungen der Zuschauer, so Thompson, betreffen zwar bloß zehn Stunden des sich auf eine Million Stunden belaufenden Sendeangebots. Gleichwohl ist die öffentliche Selbstkasteiung am Platz, durch die Thompson hofft das Vertrauen wiederherzustellen. Sie geht einher mit heftigen internen Auseinandersetzungen über die Sparmaßnahmen, die durch geringere Gebühreneinnahmen notwendig geworden sind. Die BBC wird in den nächsten sechs Jahren zwei Milliarden Pfund weniger erhalten als erhofft. Einige prominente BBC-Mitarbeiter, darunter auch die Moderatoren der politischen Flaggschiffsendungen „Newsnight“ im Fernsehen und „Today“, des wichtigsten Nachrichtenmagazins im Radio, haben verlangt, dass die digitalen Kanäle BBC3 und BBC4 eingestellt werden, um zusätzliche „untragbare“ Kürzungen bei der Abteilung Tagesgeschehen zu vermeiden. Jeremy Paxman, einer der bekanntesten britischen Moderatoren, warnte, dass die BBC ihre Seele zu verlieren drohe, wenn weitere Einsparungen beim Dokumentarfilm und bei den Nachrichten gemacht würden.

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