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HR-„Tatort“ : Nach dem Streifschuss geht es erst richtig los

Diese beiden Kommissare sehen weiter als andere: Margarita Broich und Paul Brix am Rande des blutigen Geschehens Bild: HR/Benjamin Knabe

Schock, Normalität und Gedankenreisen durch fremde Erinnerungen - wohin führt uns das neue „Tatort“-Team aus Frankfurt? Dahin, wo es Krimis zu sehen gibt, die den Rahmen des Gewohnten sprengen.

          3 Min.

          Zeit zur Orientierung nimmt sich der neue „Tatort“ des Hessischen Rundfunks nicht. Es beginnt mit dem maximalen Schock, in Sekunde eins, in Nahaufnahme. Ein Mann liegt in seinem Blut, daneben seine Frau, aus einem halb geöffneten Schrank ragt der Fuß eines Kindes. Schnitt auf eine Traueranzeige inmitten einer Fotowand mit Familienbildern. Im Hintergrund läuft ein Popsong. Schnitt. In einem dunklen Kellerverlies erwacht eine junge Frau. Sie ist verletzt, sie tastet sich vor, da langt eine Hand nach ihr.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Szene zwei von „Kälter als der Tod“: Die Kommissarin Anna Janneke (Margarita Broich) steigt aus dem Taxi. Sie will ihren neuen Kollegen Paul Brix (Wolfram Koch) zu Hause beehren, bevor beide ihren ersten gemeinsamen Tag im Büro verbringen. Sie kommt offensichtlich ungelegen. Brixens Vermieterin, die Gärtnerin Fanny (Zazie de Paris), die gerade in ihrem Gewächshaus herumfuhrwerkt, muss ihn jedenfalls mit dem Megaphon aus dem Bett brüllen. Brix steht auf, latscht in Unterwäsche wie im Halbkoma durch die Küche und holt sich seinen Kaffee. Seine Kollegin, die am Küchentisch sitzt und gerade ein Foto von den chaotischen Stillleben um sie herum machen wollte, bemerkt er nicht einmal. Die zwei stellen sich einander erst richtig vor, als sie am Auto stehen.

          Blutiges Mittagsmahl: Lydia Sanders (Olga Lisitsyna) wird von den Kommissaren entdeckt
          Blutiges Mittagsmahl: Lydia Sanders (Olga Lisitsyna) wird von den Kommissaren entdeckt : Bild: HR/Benjamin Knabe

          Eine Psychologin, die als Quereinsteigerin bei der Polizei gelandet ist, und ein „räudiger Straßenköter von der Sitte“, der unbedingt ins Morddezernat wollte, die Jüngsten sind sie auch nicht gerade: Der Kommissariatsleiter Henning Riefenstahl (Roeland Wiesnekker), der auch gerade erst anfängt, ist rechtschaffen begeistert. „Nein“, sagt er missmutig, noch bevor die Frage ausgesprochen ist. „Ich bin nicht verwandt mit“ - Sie wissen schon: nicht mit Leni, der Propagandabraut des NS-Reiches. Und nein - es gibt keine Schonzeit für die neuen Kommissare. Ab ins Büro - das sich erwartungsgemäß als Müllhaufen erweist - und dann sofort zum Tatort, an dem die Familie Sanders ermordet worden ist; zu dem Ort, an dem eine Hinrichtung stattfand.

          Wer jetzt befürchtet, mit der nächsten Chaos-Kombo von „Tatort“-Kommissaren Bekanntschaft zu machen, darf sich entspannen. Denn Anna Janneke und Paul Brix wirken auf geradezu herausfordernde Weise normal. Sie arbeiten auf Anhieb gut zusammen, harmonieren bei der Recherche und beim Verhör. Sie ziehen keine Show ab, sind nicht auf dem Egotrip und leisten sich auch keinen Geschlechterkampf. Sie haben Humor, zollen dem Chef nicht allzu viel Respekt („Haben Sie einen Toaster auf der Schallplatte?“), legen los und zeigen, dass sie mehr können, als die Telefon-Hotline für sachdienliche Hinweise zum Verbrechen zu besetzen.

          Filmtrailer : Tatort: „Kälter als der Tod“

          Das wirkt im aktuellen Fernseh-Panoptikum schon revolutionär. Keine Superpsychomacke? Kein privater Beziehungsterror? Keine Freund-Feind-und-dann-vergucken-wir-uns-doch-ineinander-Kollegen? Kann alles noch kommen, im nächsten „Tatort“ mit Margarita Broich und Wolfram Koch. Doch zunächst lassen uns der Drehbuchautor Michael Proehl und der Regisseur Florian Schwarz damit in Ruhe. Sie inszenieren ein Familien-Melodram, stellen das Kriminalteam vor, leuchten die Figuren vermeintlicher Opfer aus (Charleen Deetz als überlebende Tochter und Emily Cox als Nachhilfelehrerin), treiben einen potentiellen Täter (Roman Knizka als Onkel der Familie) in die Enge, vermeiden peinliche Dialoge und steuern auf einen beachtlichen Showdown zu.

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          Sie tun das im Verein mit einem versierten Kameramann (Philipp Haberlandt) und einem ebenso profund wirkenden Schnittmeister (Stefan Blau), die inszenieren, was sie „Erinnerungsreise“ nennen: Die Charaktere treten in die Gedankenwelt, in die Erinnerungen ihres jeweiligen Gegenübers ein. Hinter dem potentiellen Täter sitzt plötzlich dessen ermordete Frau, die Kommissare begleiten das vermeintliche Opfer zurück in seine Kindheit. Das gibt dem Film einen ganz besonderen Look und sorgt für Intensität. Um die ist das Duo Proehl/Schwarz nie verlegen. Die beiden haben für ihren gelungenen Erstling „Katze im Sack“ vor zehn Jahren reihenweise Preise kassiert, und sie haben zuletzt das große „Tatort“-Theaterstück „Im Schmerz geboren“ mit Ulrich Tukur und Ulrich Matthes inszeniert, an dem ebenfalls keine Fernsehpreisjury vorbeikam. Proehl und Schwarz spielen mit den Genres, zerlegen einen Film und setzen ihn wieder zusammen und schaffen ein um das andere Mal etwas Einzigartiges.

          Margarita Broich und Wolfram Koch nutzen das für einen gelungenen Start. Die Bedingungen waren ja nicht eben rosig. Der HR hat seit geraumer Zeit Probleme mit seinen Krimi-Paaren. Das Duo Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf brach auseinander, dann warf Nina Kunzendorf ihre Rolle weg, und schließlich ging Joachim Król stiften. Und man könnte nicht sagen, dass die „Tatort“-Redaktion des HR und die Fernsehspielchefin Liane Jessen das verdient hätten. Sie zeigen Durchhaltevermögen, die Krimis schwächeln nicht, jede neue Besetzung - das gilt hier für alle Haupt- und Nebenrollen - leuchtet ein.

          Am Ende haben sich die neuen Kommissare gesammelt. Die aus Berlin umgesiedelte Anna Janneke skypt mit ihrem Sohn in Australien, und Paul Brix schüttelt den Stress der finalen Schießerei ab. „Geht’s Ihnen gut?“, fragt Anna Janneke. Dabei hat sie den Streifschuss abbekommen. „Ja, klar“, sagt Brix und grinst. Wir wissen: So wird das natürlich nicht bleiben. Aber ein guter Anfang ist es. Dann müssen die beiden Kommissare erst mal zum Renovieren. Schließlich wurde die Wohnung von Brixens Vermieterin Fanny aus einschlägigen Gründen verwüstet.

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