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Ermordete Journalistin : Ihre Botschaft könnt ihr nicht töten

Demonstranten gedenken der ermordeten Journalistin Daphne Caruana Galizia vor dem Gerichtsgebäude in der Hauptstadt Valletta. Bild: AFP

Vor einem halben Jahr wurde Daphne Caruana Galizia auf Malta ermordet: Die Reporterin hatte dem Regierungschef Korruption vorgehalten. Die Hintermänner des Verbrechens sind weiter unbekannt.

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          Ein halbes Jahr nach dem Mord an der maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galizia sind die Ermittlungen zur Aufklärung der Bluttat kaum vorangekommen. Die damals 53 Jahre alte investigative Journalistin und Bloggerin war am 16. Oktober 2017 in Bidnija im Norden der Insel bei der Explosion einer ferngezündeten Bombe unter ihrem Auto getötet worden. Am Ort des Verbrechens gibt es bis heute keine offizielle Gedenktafel für die prominenteste Journalistin des Landes. Nur ein weißes Banner mit der Aufschrift „Justice“ (Gerechtigkeit) wurde zwischen zwei Stangen gespannt. Darunter Blumengestecke sowie Fotos der Ermordeten, daneben die maltesische Flagge.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Zwar haben die maltesischen Behörden, die bei ihren Ermittlungen auch von der amerikanischen Bundespolizei FBI sowie von Europol und von Ermittlern verschiedener EU-Staaten unterstützt werden, Anfang Dezember 2017 die Festnahme von zehn Verdächtigen an verschiedenen Orten der Mittelmeerinsel melden können; anschließend wurde Mordanklage gegen drei der Verhafteten erhoben. Aber über die Hintermänner des Auftragsmordes ist bisher so gut wie nichts bekannt.

          Schriftsteller und Journalisten aus aller Welt sowie Autorenverbände haben jetzt, sechs Monate nach dem Mord an Caruana Galizia, die schleppende Aufklärung des Verbrechens angeprangert. In einem offenen Brief unter anderem an die EU-Kommission beklagt der Autorenverband PEN International, die Ermittlungen genügten nicht den internationalen Ansprüchen „von Unabhängigkeit, Unbefangenheit und Effektivität“. Die Regierung und die Behörden in La Valletta würden auch nichts gegen die regelmäßige „Beseitigung“ des improvisierten Mahnmals für die Bloggerin in der Hauptstadt unternehmen. Achtmal wurde das von Blumen umrahmte und mit einer Gedenkinschrift versehene Foto Caruana Galizias auf dem Platz vor dem Justizpalast schon abgeräumt.

          Mit ihren Berichten hatte Daphne Caruana Galizia erreicht, dass der maltesische Regierungschef Muscat wegen der Vorwürfe im Zusammenhang mit den „Panama Papers“ vorgezogene Neuwahlen ansetzte

          Die drei Söhne der ermordeten Journalistin – Matthew, Andrew und Paul Caruana Galizia – haben schon bald nach der Bluttat das Haus der Familie in Bidnija verlassen und sind später ganz aus Malta weggezogen. Sie sind überzeugt, dass ihre Mutter Opfer eines politischen Auftragsmordes wurde. „Unser Elternhaus, in das unsere Mutter so viel Energie und Liebe gesteckt hat, ist für uns zu einem Ort des Traumas geworden“, sagte Andrew dieser Tage der Deutschen Presse-Agentur: „Und unser Land ist zu einem Paradies der Straflosigkeit für die Menschen geworden, die sich zusammengetan haben, um sie zu töten.“ Er appellierte an die maltesischen Behörden, auch den Enthüllungen seiner Mutter nachzugehen, statt sich mit der ohnedies schleppenden Aufklärung des Mordes an ihr zu begnügen.

          Doch dass es dazu kommt, ist wenig wahrscheinlich. In ihrem letzten Blogeintrag, wenige Minuten vor ihrem Tod veröffentlicht, hatte Caruana Galizia in der für sie typischen Diktion geklagt: „Wo du auch hinschaust, überall sind Gauner. Die Lage ist hoffnungslos.“ Mehr als zehn Jahre lang hatte sie ihren kontroversen Blog „Running Commentary“ mit Enthüllungen über Misswirtschaft und Korruption, aber auch mit polemischen Kommentaren unterhalten. Was Caruana Galizia schrieb, war Pflichtlektüre und Gegenstand heftiger Debatten.

          Das meiste Aufsehen aber erregten ihre Enthüllungen im Zusammenhang mit den „Panama Papers“ vom April 2017. Caruana Galizia behauptet unter anderem, Ministerpräsident Joseph Muscat habe auf Konten seiner Ehefrau Michelle und enger Vertrauter bei Banken in Panama Bestechungsgeld von rund einer Million Dollar überweisen lassen. Das Geld soll von der aserbaidschanischen Herrscherfamilie als Gegenleistung für umfangreiche Regierungsaufträge zur Energieversorgung Maltas an die panamaische Briefkastenfirma Egrant Inc. – im Besitz von Michelle Muscat – bezahlt worden sein.

          Der Regierungschef und seine Frau wiesen – und weisen – die Vorwürfe kategorisch zurück. Sie und andere von Caruana Galizia beschuldigte Regierungsvertreter strengten mehr als drei Dutzend Verleumdungsklagen gegen die Journalistin an, die zu Lebzeiten keine stichhaltigen Beweise für ihre Beschuldigungen vorlegen konnte. Viele ihrer Informationen hatte Caruana Galizia offenbar von der Russin Maria Efimowa erhalten, einer Angestellten der privaten Pilatus-Bank in La Valletta, über welche die Transaktionen nach Panama offenbar abgewickelt wurden. Nach der Ermordung der Journalistin gab Efimowa ihre Insider-Informationen auch an die Geldwäsche-Ermittler der Europäischen Zentralbank und des Europäischen Parlaments weiter. Im Dezember 2017 verließ Efimowa Malta, weil sie nach eigenen Angaben bedroht wurde und um ihr Leben fürchtete. Sie suchte mit ihrer Familie Zuflucht auf Kreta. Ende März stellte sich die russische Whistleblowerin jedoch der griechischen Polizei, denn aus Malta liegt ein internationaler Haftbefehl gegen sie vor: In Malta wirft man Efimowa Veruntreuung vor, es soll um zweitausend Euro gehen. Bisher hat der EU-Staat Griechenland noch nicht über den Auslieferungsantrag des EU-Staates Malta entschieden.

          Ob die Informantin Efimowa hinter Gittern in Malta zum Schweigen gebracht wird oder weitere Informationen zur Aufklärung eines mutmaßlichen Korruptions- und Geldwäscheskandals in Malta liefern kann, ist ungewiss. Die Recherchen der ermordeten maltesischen Journalistin hat jedenfalls seit Monaten das – nach Caruana Galizia benannte – Daphne-Projekt des Medienkonsortiums „Forbidden Stories“ fortgesetzt. Das Konsortium von 45 Journalisten, die achtzehn Medienorganisationen aus fünfzehn Ländern vertreten, wurde im Oktober 2017 von „Reporter ohne Grenzen“ und vom „Freedom Voices Network“ mit dem Ziel gegründet, die Informationen und Daten bedrohter, verhafteter oder ermordeter Journalisten zu sichern und weiter auszuwerten. Im Rahmen des Daphne-Projekts wurden nach Angaben von „Forbidden Stories“ mehr als 750.000 Seiten Dokumente – wohl vor allem aus dem Fundus der „Panama Papers“ – durchforstet. In den kommenden Wochen werden die am Konsortium beteiligten Medien – in Deutschland sind es die „Süddeutsche Zeitung“, die „Zeit“ sowie die Sender NDR und WDR – ihre Rechercheergebnisse in der Nachfolge von Daphne Caruana Galizia veröffentlichen. „Ziel von ,Forbidden Stories‘ ist es, die Arbeiten anderer Journalisten fortzuführen und zu veröffentlichen, weil diese bedroht, verhaftet oder getötet wurden“, sagt Laurent Richard vom „Freedom Voices Network“: „Ihr habt die Überbringerin der Botschaft getötet, aber die Botschaft werdet ihr nicht töten können.“

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