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Nach dem letzten Triell : Endspurt um die Botschaft

  • -Aktualisiert am

Ausgeleuchtet: Kanzlerkandidat Scholz auf dem Weg zum letzten Triell Bild: Sean Gallup/Getty Images

Angesichts überschaubarer Gesamtzuschauerzahl waren die Marktanteilswerte bei der Zielgruppe im Alter bis 49 Jahre bemerkenswert. Nach dem dritten Triell ringen die Deuter um das Ergebnis.

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          Viele Journalisten sehen Debatten wie das Triell der Kanzlerkandidaten aus der Perspektive eines Boxkampf. Sie warten auf den „lucky punch“, der den Kampf entscheidet. Der bleibt aber leider immer aus, so müssen sich die Beobachter anderweitig behelfen. Sie verteilen Haltungsnoten. Entsprechend subjektiv fällt die Analyse aus.

          Die Journalistin Birgit Marschall gibt dafür ein gutes Beispiel. Sie wunderte sich über die Umfragen nach den drei Diskussionsrunden mit den Kanzlerkandidaten. Diese gewann, folgt man den „Blitzumfragen“, ausnahmslos Olaf Scholz. Die Berlin-Korrespondentin der Rheinischen Post hatte aber Annalena Baerbock „in allen Triellen deutlich stärker gesehen“. Sie habe auch niemanden getroffen, der das anders sehe, merkte sie selbstironisch an.

          Journalisten und Spin-Doktoren agieren in der Rolle von Kampfrichtern. Nur gibt es für den politischen Fernsehschaukampf keine festgelegten Regeln wie beim Boxen, wie unzulänglich selbst diese sein mögen. So versuchen es die Damen und Herren am Ring mit der Schilderung ihrer Eindrücke, die letztlich aber mehr über die Autoren als über die Kanzlerkandidaten aussagen. Zudem haben wir bei der Bundestagswahl 60,4 Millionen Kampfrichter, dazu gehören auch alle jene, die keinen einzigen Kampf gesehen haben. Sie entscheiden über den Ausgang der Wahl. Das letzte Triell an diesem, dem vergangenen Sonntag bei Pro Sieben und Sat.1 sahen rund vier Millionen Menschen, also 6,7 Prozent der Wahlberechtigten. Darin kann dessen Bedeutung für den Wahlausgang nicht zu finden sein. Bei den Journalisten auch nicht, trotz aller Bemühungen um die Deutungshoheit.

          Ein Schaulaufen der Eitelkeit

          Gleichwohl war diese Sendung ein wichtiges Teilchen in dem Mosaik namens Wahlkampfs. Das lag nicht zuletzt an den Moderatorinnen Claudia von Brauchitsch und Linda Zervakis, die mit ihren pointierten Fragen erst eine Debatte um die zentralen Botschaften ermöglichten. Für Olaf Scholz geht es um „Respekt und Würde“, Annalena Baerbock setzt auf den „Neuanfang“ zur Rettung der Welt vor dem Klimakollaps. Armin Laschet sieht die Wahl als „Richtungsentscheidung“ an. Die CDU musste allerdings auf den letzten Metern ihre Strategie radikal ändern: Statt auf die aus den Merkel-Jahren gewohnte Beschwörung des Konsenses setzt sie jetzt auf den Dissens.

          Derweil verabschiedeten sich die Grünen von der Idee, als eigenständige Kraft zwischen Union und SPD zu erscheinen. Bemerkenswert waren angesichts der überschaubaren Gesamtzuschauerzahl die guten zweistelligen Marktanteilswerte, welche die Senderfamilie von Pro Sieben und Sat.1 bei der Zielgruppe der Zuseher im Alter bis 49 Jahre erzielte. Das könnte ein Hinweis auf die hohe Zahl von Unentschiedenen sein, die die Parteien mit ihren Botschaften bis zum Wahltag noch erreichen müssen. Welche Botschaft sich am Ende durchsetzt, kann niemand seriös prognostizieren.

          Dieses letzte Triell dokumentierte die Dynamik eines Wahlkampfs, der lauter Überraschungen produziert. Damals gingen (fast) alle vom Knockout von Scholz aus, und das noch vor der ersten Runde. Die Grünen schienen obenauf, die Union gut im Rennen, dann so gut wie verloren. Auf die Journalisten wird es im Ringen um die Deutungshoheit am Ende nicht ankommen. In einem so ausdifferenzierten Mediensystem, wie wir es inzwischen haben, fehlt es ihnen an der Durchschlagskraft früherer Jahre. In der von Journalisten mitgeprägten Twitter-Blase erleben wir ein Schaulaufen der Eitelkeit. Am kommenden Sonntag kurz nach achtzehn Uhr kann dann wieder alles von Neuem interpretiert werden.

          Nachtrag: In einer früheren Version des Artikels war der Prozentsatz der Wahlberechtigten, die das Triell gesehen haben, zu niedrig angesetzt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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