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Märchenfilme in der ARD : Mut fällt nicht vom Himmel

Maren (Janina Fautz) weckt die Regentrude (Ina Weisse). Bild: NDR/Manju Sawhney

Hallo, aufwachen! Die Märchenfilme im Ersten gehen kein Risiko mehr ein. Aber dass heute noch ein Fernsehredakteur Sätze wie „Fürwahr, das glaub ich“ durchgehen lässt, ist ein Weihnachtswunder.

          Was es bedeutet, wenn einem der sehnlichste Wunsch erfüllt wird, lässt sich in Hans Christian Andersens Märchen „Die Galoschen des Glücks“ nachlesen: Diejenigen, die sich nostalgisch bewegt in vergangene Zeiten wünschen, nach Italien oder zum glücklichsten Ort überhaupt, die landen in Gestank und Primitivität der frühen Neuzeit, eingezwängt in einer engen Kutsche, während draußen nur Hitze und Armut sind – oder sie gelangen tatsächlich zum glücklichsten Ziel, das ein Mensch in Andersens Vorstellung erreichen kann: dem Todesschlaf. Und am Ende sind da zwei Feen, die das Elend bemerken und die Galoschen wegräumen, bevor weiteres Unglück geschieht.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          So steht es in dem Märchen aus dem Jahr 1838, dem manches von dem fehlt, was Andersens Texte sonst auszeichnet, nicht zuletzt Leichtigkeit der Erzählung und liebevolles Ausmalen, und das vor allem von einer tiefen Skepsis gegenüber jeglicher Glücksverheißung durchzogen ist. Dabei hätte man es belassen können, auch beim Fernsehsender rbb, wo man sich aber auf der Suche nach Stoff für die alljährlichen Weihnachtsfilme offenbar an den Feen, den Galoschen und der Wunscherfüllung freute und an dem Gedanken, daraus ließe sich doch etwas besseres basteln als es dem miesepetrigen Andersen gelungen war.

          Bloß keinem auf die Galoschen treten: Kammerzofe Lisbeth (Luise von Finckh) lernt Johann (Jonas Lauenstein) die höfischen Tänze.

          Das Ergebnis ist nun am zweiten Weihnachtstag im Ersten zu sehen, und weil das kein Tag für Trübsinn und Pessimismus ist, wird die Geschichte aus dem Kopenhagen der frühen Industrialisierung in eine höfische Umgebung der Barockzeit verlegt, für die das brandenburgische Schloss Stülpe die Fassade abgibt. Es geht auch nicht um die Neugier auf ferne Länder oder entlegene Epochen, schon gar nicht um das Glück als solches, sondern um eine fade Hochstaplergeschichte. Die wird garniert mit ein wenig unmanierlichem Ausderrollefallen bei Hof, was stets verlässlich für etwas Schmunzeln sorgt. Natürlich geht es um die wahre Liebe, für die man sich eben nicht zu verändern oder zu verstellen braucht – wer das erstmal erkannt hat, landet in den Armen der netten Kammerzofe, die eigentlich zum Theater will und immer Verse aus „Romeo und Julia“ rezitiert.

          Die 2008 begonnene Serie, innerhalb derer „Die Galoschen des Glücks“ nun zu sehen sind, heißt „Sechs auf einen Streich“, aber von sechs Neuproduktionen ist schon längst nicht mehr die Rede, auch nicht mehr von vier, wie es bis 2016 immerhin üblich war, wenn sich das Erste auf die Tradition der Weihnachtsmärchen besann. Im vergangenen Jahr kamen dann noch mit „Der Schweinehirt“ und „Das Wasser des Lebens“ zwei mäßige hinzu und ließen die Zahl der Märchenfilme der Reihe „Sechs auf einen Streich“ auf stolze 44 ansteigen.

          Taugt das was? Stine (Gabriela Maria Schmeide) prüft den Honigwein der Regentrude.

          Um die versprochene Anzahl voll zu machen, werden die neuen Filme durch alte ergänzt, und in den letzten Jahren war genau dieses Verfahren ein Segen für die Freunde von Märchenfilmen, die vor immer verquatschteren und zunehmend wohlfeilen neueren Produktionen zurückschrecken: „Hänsel und Gretel“ von 2012, „Sechse kommen um die ganze Welt“ (2014) und vor allem „Vom Fischer und seiner Frau“ lohnten das Anschauen. Und wenn man auch mit vielen Adaptionen hadern konnte, waren doch immer wieder ausgezeichnete Schauspieler zu sehen.

          Auch in diesem Jahr hat es nur für zwei neue Märchenfilme gereicht, neben den „Galoschen des Glücks“ zeigt das Erste noch „Die Regentrude“ nach Theodor Storm. Beide gehen nicht auf mündliche Traditionen, sondern auf einzelne Autoren zurück. Was im Fall von Andersens Text offenbar so hinderlich war, dass man sich nur noch an einzelnen Motiven bediente, erweist sich bei der „Regentrude“ geradewegs als Vorteil: Das Drehbuch (Leonie und Dieter Bongartz) hält sich weitgehend an die literarische Vorlage und schöpft vor allem deren Bildlichkeit (Regie Klaus Knoesel, Kamera Philipp Timme) aus, setzt aber auch eigene Akzente, die organisch aus dem Text erwachsen.

          Prinzessin Aurora (Josefine Voss) freut sich in „Die Galoschen des Glücks“ außerordentlich über Prinz Lazlos (Moritz Lehmann) Geschenk.

          Da ist etwa Axel Prahl, der den Wiesenbauern spielt, einen stämmigen Profiteur der großen Dürre, die das Dorf und die Umgebung heimgesucht hat. An die Regentrude, (Ina Weisse) auf deren Eingreifen seine verarmte Nachbarin Stine (Gabriela Maria Schmeide) hofft, glaubt er nicht, und als er hört, dass die Fruchtbarkeitsgöttin unter der Erde schlafen soll, weswegen auch der Regen ausbleibt, hüpft Prahl herrlich bösartig auf dem dürren Boden herum und ruft „Hallo! Aufwachen“ – dann verspricht er Stine, dass deren Sohn Andrees (Rafael Gareisen) seine Tochter Maren (Janina Fautz) heiraten dürfe, falls die Göttin es tatsächlich regnen lasse.

          Die Bilder von Dürre und Staub sind ansprechend, die Sprache der Figuren unangestrengt altmodisch, und dass heute noch ein Fernsehredakteur den Drehbuchautoren Sätze wie „Fürwahr, das glaub ich“ durchgehen lässt, ist ein mittleres Wunder. Zudem vertrauen die Urheber auf die Kraft des dezenten Wahnsinns, der den bösen Feuerkobold Eckeneckepen (Jörn Knebel) so auszeichnet und dessen Rolle gegenüber der Vorlage mit geschickter Hand kräftig ausgebaut worden ist. „Sogar dich wird sie erlösen, Wiesenbauer!“, heißt es einmal über Marens Mission, die Regentrude zu wecken. Der Satz zielt nicht nur auf die Landwirtschaft. Man möchte ihn auf die Märchenfilmreihe beziehen.

          Das Märchen von der Regentrude läuft am 1. Weihnachtstag, 25. Dezember, um 14.50 Uhr; Die Galoschen des Glücks am 2. Weihnachtstag, 26. Dezember, um 13.15 Uhr, im Ersten.

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