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Der Papst und die Satire : Mit der Faust zuschlagen

Papst Franziskus und Ahmad Muhammed al Tayyeb bei einem Treffen im Februar 2019 in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Bild: dpa

Der Muslimische Ältestenrat will das Magazin „Charlie Hebdo“ wegen der Mohammed-Karikaturen verklagen. Zeichnungen wie diese gefallen auch Papst Franziskus nicht. Da gibt es einen gefährlichen Schulterschluss.

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          Der „Muslim Council of Elders“ mit Sitz in Abu Dhabi will die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ wegen des neuerlichen Abdrucks der Mohammed-Karikaturen verklagen. Der Muslimische Ältestenrat wurde 2014 in den Vereinigten Arabischen Emiraten gegründet. Vorsitzender ist der Großscheich der Al-Azhar-Universität in Kairo, Ahmad Muhammad al Tayyeb. Dem Rat gehören gemäßigte sunnitische Imame aus vielen islamischen Staaten und muslimisch geprägten Ländern an.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Es ist nicht übertrieben, Muhammad al Tayyeb und Papst Franziskus als Freunde zu bezeichnen. Der Papst empfing den ägyptischen Imam im Mai 2016 im Vatikan. Im April 2017 stattete er dem Großscheich bei seiner Ägypten-Reise in Kairo den Gegenbesuch ab. Im Februar 2019 dann, beim historischen Besuch von Franziskus in den Emiraten, als zum ersten Mal ein Papst seinen Fuß auf die arabische Halbinsel setzte, waren der Pontifex und der Großscheich gemeinsam Schirmherren und Hauptredner der „Globalen Konferenz zu menschlicher Brüderlichkeit“. Thema der Konferenz war der Kampf gegen Fanatismus, Extremismus und Gewalt im Namen Gottes. Gemeinsam unterzeichneten Franziskus und Tayyeb das „Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in aller Welt“. Darin heißt es unter anderem: „Die Freiheit ist ein Recht jedes Menschen: ein jeder genießt Bekenntnis-, Gedanken-, Meinungs- und Handlungsfreiheit.“

          Doch im Zusammenhang mit dem Streit um die Mohammed-Karikaturen stellen Franziskus und Tayyeb das Grundrecht der Meinungsfreiheit unter das Gebot der interreligiösen Brüderlichkeit. In seiner Presseerklärung nach der Dringlichkeitssitzung vom Montag verurteilt der Muslimische Ältestenrat zwar abermals die Enthauptung des französischen Lehrers Samuel Paty durch einen aus Tschetschenien stammenden Islamisten als „abscheulichen Terrorismus“. Es wird aber auch die „jüngste systematische Kampagne gegen den Islam“ beklagt, namentlich die „Beleidigung des heiligen Propheten unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit“. Denn „wirkliche Meinungsfreiheit“ gehe mit „einer gewissen sozialen Verantwortung“ einher, wonach die Religion „nicht für politische Zwecke missbraucht“ werden dürfe. Deshalb habe der Ältestenrat ein internationales Team von Rechtsexperten beauftragt, rechtliche Schritte nicht nur gegen „Charlie Hebdo“ einzuleiten, sondern „gegen alle, die den Islam beleidigen“. Auch der muslimische Dachverband in Frankreich hat die Ermordung des Lehrers wiederholt als „Entweihung und Verrat an der Botschaft des Propheten“ gegeißelt. Er fordert aber eine Einschränkung der Meinungsfreiheit „im Dienst der öffentlichen Ordnung und der Brüderlichkeit“.

          Diese Haltung teilt auch Papst Franziskus. Schon Mitte Januar 2015, wenige Tage nach dem islamistischen Terroranschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ in Paris mit zwölf Todesopfern, hatte Franziskus bei seiner SüdostasienReise auf dem Flug von Sri Lanka nach Manila auf den Philippinen gesagt: „Jede Religion hat ihre Würde, es gibt Grenzen für die Meinungsfreiheit. Man darf nicht provozieren, man darf anderer Menschen Glauben nicht beleidigen, sich nicht über den Glauben lustig machen.“ Und zur Erklärung möglicherweise erboster Reaktionen auf solcherlei Provokationen fuhr Franziskus fort: wenn jemand „meine Mutter mit einem Schimpfwort beleidigt, dann muss er mit einem Faustschlag rechnen. Das ist ganz normal. Man darf den Glauben anderer nicht beleidigen.“

          Problematisch ist die von den beiden Religionsführern vorgenommene Verknüpfung des Brüderlichkeitskonzepts mit der Forderung zur Einschränkung der Meinungsfreiheit deshalb, weil es unter den Geschwistern verschiedener Religionen unterschiedliche Toleranzschwellen gibt: Was für den Muslim unerträglich ist, mag bei einem vergleichbaren Vorfall dessen christlichen „Bruder“ nicht kratzen. In den säkularisierten Gesellschaften des Westens wird die Verhöhnung von Zentralgestalten des Christentums weithin als legitimer Ausdruck der Meinungsfreiheit akzeptiert. Doch selbst gemäßigte Muslime wollen nicht hinnehmen, dass in Ländern des Westens dieses Maß an Meinungsfreiheit auch auf den Islam und den Propheten Mohammed Anwendung findet.

          Der Rekurs auf das westliche Rechtssystem, wie ihn der Kairoer Großscheich Tayyeb und sein Ältestenrat vornehmen, ist noch die gemäßigtere Form, gesellschaftlichen Gehorsam gegenüber dem selbstdefinierten Brüderlichkeitskonzept durchzusetzen. Die verkappte Verharmlosung von Gewaltanwendung durch das Oberhaupt der Weltkirche stellt die interreligiöse Brüderlichkeitsidee vollends über die Spielregeln aufgeklärter demokratischer Gesellschaften.

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