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MTV wird 40 : Musikfernweh

Denkmalpflege: MTV-Statue auf den MTV Video Music Awards in New York Bild: AP

Da konnte man sich auf einen Satz heiße Ohren freuen: Der Musiksender MTV ist 40 Jahre alt geworden. Soll man gratulieren oder lieber schweigen?

          2 Min.

          Der Musiksender MTV ist am Sonntag vierzig geworden. Soll man gratulieren oder schweigen? So wie über jene One-Hit-Wonder unter den MTV-Gesichtern, deren Musikvideos, seit der Kanal 1981 als Promo-Sender für allerlei Fernsehübertragungsneuerungen den Betrieb aufnahm, via Heavy-Rotation in die Bedeutungslosigkeit georgelt wurden. Da fragt man in einigen Fällen besser nicht, was die heute so treiben. Die Reality-Show-Fleischwölfe des Privatfernsehens sind da noch die Gnadenhöfe unter den möglichen Endstadien.

          Dabei war MTV wirklich mal „cool“ beziehungsweise „fett“. Zwar war MTV in der verklärten Erinnerung um das Jahr 1990 eine einzige Aerosmith-Schleife, doch dann färbten eigene Trickserien („Beavis and Butt-Head“, später das fantastische „Celebrity Deathmatch“), ein Lichtjahre überbrückender Kreativitätsschub in der Musikvideoproduktion und die seinerzeit noch fruchtbare Kommerzialisierung des amerikanischen Hip-Hop den Schirm bunter. Da konnte man sich auf einen Satz heiße Ohren freuen – so wie die Jungs der Selbstzerstörungssendung „Jackass“.

          Deutschland hatte insofern Pech, als der deutsche Ableger MTV Central sein Publikum von 1997 an vornehmlich mit Eurodance weichspülte, dem musikalischen Äquivalent zur Sesamstraße, nur mit weniger Kleidung. Hat man natürlich trotzdem geguckt. Als die Formate differenzierter wurden, sorgte MTV dafür, dass, wenn man schon kein schulhofprägender Gatekeeper in Sachen Popmusik war – kurz taucht die Shaped-CD des „Dismember“-Albums „Death Metal“ vor dem geistigen Auge auf –, immerhin mitreden konnte.

          Außerdem hat(-te) MTV Konzerte für die Ewigkeit im Programm: Nirvana mit MTV Unplugged in New York. Mit der amüsanten Reality-Show „The Os­bournes“ (2002) über den Lebensabend des Ex-Black-Sabbath-Frontmanns Ozzy Osbourne kam der Niedergang: Mitte der Nullerjahre, als die Wirtschaft begann, die Aufmerksamkeit im Internet auf und über ihre Kanäle zu lenken, wurde lineares Musikfernsehen, das in seinem Kern aus Zwei- bis Drei-Minuten-Videos besteht, überflüssig.

          Was ist geblieben? Zwischen Zahnspangenversicherungs- und Onlineversandhändlerwerbung, gut gemeinte Formate, die schnell verschwanden, eine Schwemme besorgniserregender Oberkörperfrei-Reality-Shows, B-Promis, die wie bei RTL Musikvideos kommentieren – und ein wenig Tradition: Yo! MTV Raps. Als Distinktionswerkzeug ist MTV unbrauchbar geworden, ein geschminkter Zombie, der – das Kinn in die Hände gestützt – am Grab seines deutschen Kollegen „Viva“ (1993 bis 2018) sitzt und darauf wartet, dass das Internet wieder abgestellt wird. MTV hat es nicht vermocht, dort Bedeutung zu erlangen.

          Ein Blick auf populäre Videoinhalte auf Instagram, TikTok, Reddit oder Youtube verrät, dass MTV auch durch Nachahmung keinen Blumentopf mehr gewinnt: Man-Bun-Männer, die Van-Halen-Songs auf der Gitarre klimpern, Autounfälle, Fitness-Frauen, die sich beim Atmen filmen, ein sprechender Papagei, der die Polizei durch Hilfeschreie alarmiert. In einem Beitrag auf Reddit heißt es lakonisch: „MTV ging vor 40 Jahren auf Sendung – danke für 15 Jahre Musik . . .“ Alles Gute und recht herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

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