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Musikantenstadl in Passau : Wir machen sexy, sexy Volksmusik

  • -Aktualisiert am

Wenn Marianne und Michael an den Mikrofonen Mundbewegungen machen, ist die Stimmung im „Musikantenstadl“ für gewöhnlich auf dem Höhepunkt. Bild: dpa

Dreiländerschmarrn mit Anfassen: Der quotenmüde „Musikantenstadl“ könnte bald Geschichte sein. Vor Ort aber sieht das anders aus – unser Reporter hat in Passau manches erlebt.

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          Frankreich hat das Chanson, Portugal den Fado, Spanien den Flamenco, die Angelsachsen haben Folk, Country und Blues, wir haben: Marianne und Michael. Irgendwo in der Kulturgeschichte müssen wir falsch abgebogen sein. Vielleicht ging es schon mit dem Volkslied los, diesem nationalschwülen Begriff, mit dem Herder im 18.Jahrhundert wüstes Bauerngestampfe adelte und wirklicher Kunstfertigkeit vorzog, auch wenn der Bänkelsang, den er unter dem Begriff versammelte, heute als anspruchsvolle Variante der Volksmusik gilt. Und zwar zu Recht, wenn man die populäre Variante dagegenhält, dieses fönfrisierte, trachtenselige Geschunkel, das man nur nach fünf Maß Bier erträgt.

          Der Sonderweg hat Folgen: Im Rest der Welt stiftet die traditionelle Musik Identität, vereint die Generationen, während unsere Volks-Schlagermusik die Lager trennt. Vor allem an den Volksmusik-Fernsehshows entzündet sich der Streit immer wieder aufs Neue. Die Anhänger sehen darin nichts weniger als den legitimen Ausdruck der Volksseele, die Gegner Weihefestspiele des schlechten Geschmacks.

          Der spezifische Reiz einer Volksmusikveranstaltung vermittelt sich vielleicht einfach nicht über den Bildschirm. In die Hölle, Hölle, Hölle muss man schon persönlich hinabsteigen. Besuchen wir also – den „Musikantenstadl“. Am letzten Wochenende schlug er in Passau auf. Das war treffend gewählt, denn zumindest in der historischen Altstadt herrscht ein gewisses Ü-70-Flair, woran die hordenweise einfallenden Donaukreuzfahrer ihren Anteil haben. Kreuzfahrten über die Weltmeere bietet der Stadl übrigens auch selbst an.

          Lieber Starnacht als Stadl

          Auf der Hinfahrt machte ich mich mit der „Hausordnung“ vertraut. Ich erklärte mich damit einverstanden, steht da, als „Teil der Musikantenstadlkulisse“ vermarktet zu werden. Wer hat davon nicht schon geträumt? Erschreckender ist die Passage: „Personen, die sich nach Meinung des Veranstalters ungebührend verhalten, können jederzeit ohne Angabe von Gründen aus dem Veranstaltungsbereich verwiesen werden.“ Ohne Angabe von Gründen: Nordkorea lässt grüßen!

          Seit 1981 gibt es das Scheunenspektakel unter der Regie von Kurt Pongratz, 1983 stieg die ARD ein. Ein Vierteljahrhundert lang fungierte Karl Moik als Moderator und rückte weit vor: 1999 überrumpelte eine Stadl-Ausgabe Pekings Verbotene Stadt und 2001 das staunende Dubai. Seit acht Jahren leitet Andy Borg die inzwischen letzte Eurovisions-Live-Show (also gemeinsam produziert vom deutschen, österreichischen und schweizerischen Fernsehen). Sie hat etliche Volksmusiksendungen überlebt und ist mit mehr als zweihundert Sendungen auch den mehr als hundert „Festen der Volksmusik“ (ARD) und den fünfundsechzig „Willkommen bei Carmen Nebel“-Seancen (ZDF) weit voraus.

          Doch möglicherweise ist der Fernsehstadl bald Geschichte. Meldungen über einen bevorstehenden „Showtod“ hat der Bayerische Rundfunk nicht dementiert, sondern nur darauf verwiesen, dass 2015 vier Ausgaben geplant seien. Über die Zeit danach werde auf höchster Ebene beraten. Tatsächlich enden alle Verträge im Jahre 2015, man käme leicht heraus. In der Szene heißt es, die ARD habe immer angedeutet, bei weniger als fünf Millionen Zuschauern in Deutschland den Stecker zu ziehen. Inzwischen ist man bei vier Millionen angelangt. Und noch ein Gerücht kursiert: Die ARD wolle lieber bei der österreichisch-schweizerischen „Starnacht“ einsteigen, die ein jüngeres Image besitze.

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