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Museum für Kommunikation : Das Medium ist die Massage

Reagiert auf Handysignale: Mogens Jacobsen, „Listnerlight“, 2013 Bild: Jhoeko / West Den Haag / MSPT

Das Museum für Kommunikation in Frankfurt erinnert an Marshall McLuhan. Unter anderem mit einer brisanten Installation, die sich auf den Philosophen bezieht, der noch heute so wichtig für die Medientheorie ist.

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          Texte von Jacques Derrida, Diederich Diederichsen oder gar Louis Althusser liest nicht jeder jeden Tag. Und auch ein Werk wie „Intellectual Property Rights in a Networked World“, 2005 verfasst von Richard A. Spinello und Herman T. Tavani, gehört nicht gerade zur Alltagslektüre. Wer sich für derart theoretische Abhandlungen interessiert, für eine Spielart des Marxismus, wie sie Althusser entwickelt hat, für Popdiskurse, die Diederichsen auf höchstem Niveau führt, für Derridas Dekonstruktivismus oder aber für das Thema der Urheberrechte im digitalen Zeitalter, wird womöglich erst einmal nicht vermuten, dass er auf ziemlich einfache Weise an die entsprechenden Schriften herankommt. Die Literaturrecherche könnte einige Mühe kosten. Natürlich kann man auch erst einmal googeln, aber da auf allen Werken dieser Autoren noch Rechte liegen, wird man wohl keinen Erfolg damit haben. Oder allenfalls Ausschnitte im Netz finden. Weit gefehlt.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          In den Tiefen des Internets schlummert mehr, als der noch an analogen Verhaltensweisen orientierte Babyboomer ahnt. Texte tauchen aus den Weiten des Cyberspace auf, der Weg über Suchmaschinen gestaltet sich mitunter etwas schwierig, da hilft es, den direkten Pfad zu wissen. Die amerikanische Konzeptkünstlerin Stephanie Syjuco teilt ihn gerne mit. Und nicht nur einen. Dutzende, Hunderte Wege zu komplizierten Abhandlungen, Essays, wissenschaftlichen Studien teilt sie uns mit. Ihre Arbeit „Free Texts“ besteht aus etlichen an die Wand gehefteten Zetteln mit Internetadressen zum Abreißen, als handele es sich um Inserate, solche aber, die etwas kostenlos anbieten. Wie aus der guten alten vordigitalen Zeit wirken diese gedruckten Blätter mit den zahlreichen Abschnitten, die es mitzunehmen gilt, um zu Hause auszuprobieren, was die Ankündigungen darauf verheißen. Eine brisante Installation. Und die einzig wirklich aufsehenerregende in einer kleinen Ausstellung im Frankfurter Museum für Kommunikation, die sich mit dem kanadischen Medientheoretiker und Philosophen Marshall McLuhan beschäftigt.

          Avantgarde in voller Blüte

          Vor allem mit dessen Kunstbegriff. Weshalb neben vielen Fotografien aus der Geschichte der Kommunikation nicht nur Thesen, Konzepte und Ausdrucksformen des einflussreichen Denkers vorgestellt werden, sondern auch vier künstlerische Positionen, die sich auf irgendeine, im Kern allerdings schleierhaft bleibende Art und Weise auf ihn beziehen. Mitte der sechziger Jahre formulierte er Ideen zur Kunst, die in der These gipfelten, sie sei ein Frühwarnsystem für gesellschaftliche und technische Entwicklungen. Damals freilich stand die Avantgarde noch in voller Blüte, die Kunst war per se experimentell, in unserer immer noch postmodernen Epoche beschäftigen sich Künstler zwar mit der Gegenwart, aber dass sie gleichsam erspürten, wo es langgeht, lässt sich nicht mehr generell behaupten.

          So sind die Arbeiten von Darsha Hewitt, Christof Migone und Mogens Jacobsen eher spielerischer Natur: Mit Rückkoppelungsphänomenen befasst sich Hewitt und arrangiert Babyphones aus den siebziger Jahren, und der Kopfhörer mit Glühbirnen von Jacobsen reagiert auf Handysignale, hat daher ebenfalls mit informationstheoretischem Feedback zu tun. Migone dagegen zerlegt Vinylplatten in ihre Einzelteile: Aus einem Medium, das Informationen enthält, werden ästhetische Partikel.

          McLuhans berühmte, arg strapazierte Wendung „Das Medium ist die Botschaft“ ging ihm später selbst auf die Nerven, und als auf einer Publikation wegen eines Druckfehlers „The Medium is the Massage“ stand, war er ganz begeistert und änderte es nicht. Denn schließlich sind es Fernsehen und Internet, die uns einlullen. Gleichgültig welche Inhalte sie übermitteln wollen.

          Die Ausstellung ist im Frankfurter Museum für Kommunkation zu sehen.

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