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Murdoch in Amerika : Alle warten nun auf einen Tsunami

  • -Aktualisiert am

Konnte das Thema nicht verdrängen, hat es zum Ausgleich peinlich kommentiert: Rupert Murdochs „Wall Street Journal” Bild: AFP

Die Affäre Murdoch erreicht Amerika, wo der Medienmächtige den größten Teil seiner Fernseh- und Zeitungsaktivitäten entfaltet. Ein Streitgespräch auf CNN deutet an, wie es weitergehen könnte.

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          Die Wogen gehen auch in den Vereinigten Staaten hoch, dem Hauptsitz von Rupert Murdochs weltumspannender News Corporation, aber noch gibt es keine Tsunamis, wie sie derzeit das britische Inselreich heimsuchen. Ob demnächst eine Riesenwelle von Washington aus losbrechen könnte, wissen vielleicht schon ein paar Agenten des FBI, die in der Abhöraffäre Murdoch inzwischen auf amerikanischem Boden tätig geworden sind, ansonsten muss es bei Verdächtigungen, Vermutungen, Spekulationen bleiben. Nun hat die parlamentarische Anhörung in London zumindest eine Kontroverse ins Rollen gebracht, die sich auch amerikanischen Fernsehzuschauern direkt erschließt. Ausgelöst wurde sie von Louise Mensch, der konservativen Abgeordneten im britischen Parlament, die ihrem Landsmann Piers Morgan so gar nicht nebenbei vorwarf, auch schon ein paar Telefongespräche angezapft zu haben.

          Morgan, zur Erinnerung, ist nicht nur bei CNN der Nachfolger des legendären Moderators Larry King, er stand zuvor auch in Diensten Rupert Murdochs, und zwar in den neunziger Jahren ausgerechnet als Chefredakteur des mittlerweile eingestellten Revolverblatts „News of the World“. In den vergangenen Tagen und sogar während der Anhörung hat er über seinen ehemaligen Chef manch Schmeichelhaftes getwittert. Aber als CNN wenige Stunden nach der Übertragung aus London seine Telefonstimme und Videobilder der fotogenen Abgeordneten live zusammenbrachte, flogen mehr Funken als in den doch eher ergebnislosen Nachmittagssitzungen im Parlament.

          Aufregung um einen angeblichen Medienskandal?

          Morgan schien die Argumente auf seiner Seite zu haben, stand aber dennoch auf verlorenem Posten. Nie habe er fremde Telefone illegal abgehört, beteuerte er und wollte von der Abgeordneten wissen, wo er das, wie sie mehrmals ausgeführt hatte, gestanden habe. „Dreiste Lügen!“, empörte sich Morgan, worauf Louise Mensch bloß herzlich lachte und bedauerte, sonst nichts mehr dazu sagen zu können, weil sie draußen vor dem Parlament nicht die Immunität genieße, die es ihr drinnen offenbar erlaubt, ohne jegliche juristische Konsequenzen zu behaupten, was ihr gerade einfällt oder zupasskommt. Sie sei „ganz und gar zufrieden“ mit ihrer Darstellung, teilte sie dem entrüsteten Moderator mit.

          Der Brite Piers Morgan, nun Chefmoderator bei CNN, stand einst in Diensten von Rupert Murdoch

          Das war ein Auftritt, der auch im amerikanischen Fernsehen seinesgleichen sucht und die Arroganz der Washingtoner Politikerelite in ein geradezu mildes Licht tauchte. Nicht dass das Erdbeben in Murdochs Imperium und angrenzenden Regionen bislang in Amerika noch zu keinen Verwerfungen, kuriosen wie zutiefst verstörenden, geführt hätte. Fox News, Murdochs ultrakonservativer Kampfsender, zeichnete sich nicht ganz unerwartet dadurch aus, dass seine Moderatoren und Interviewer die Sache herunterspielten. Im Frühstücksfernsehen war dort zu hören, dass es auf der Welt und im Land doch wahrlich Wichtigeres gebe als die Aufregung um einen angeblichen Medienskandal, und als in den Abendstunden eine Gesprächsrunde glaubte, schon von einem Werbespot abgelöst worden zu sein, war einer der Teilnehmer mit dem Geständnis zu vernehmen, er werde sich hüten, das Thema anzuschneiden.

          Das „Wall Street Journal“ mit einer peinlich beflissenen Verteidigung

          Sehr viel überraschender und trauriger war die Rolle, die das „Wall Street Journal“ übernahm oder übernehmen musste. Von Murdoch einst gekauft, um sich endlich journalistische Seriosität zuzulegen, deklassierte er jetzt das Blatt mit einer geradezu peinlich beflissenen Verteidigung seiner Geschäftsführung und seines Krisenmanagements. In einem Leitartikel wurde die Konkurrenz bezichtigt, „Schadenfreude“ so dick aufzutragen, dass sie nicht einmal mehr mit einer Kettensäge zu durchschneiden sei. Nicht zuletzt die „New York Times“ war damit gemeint, und die bekannte sich auch ganz offen zu einer derart unfeinen Regung, untermauerte sie aber mit Kommentaren und Investigationen, wie sie auch der „Guardian“ kaum weniger aufwendig betreibt.

          David Carr, einer ihrer Starreporter, zitierte Murdoch mit dem Ausspruch „Vergrab deine Fehler“ und wollte im illegalen Handeln einzelner Angestellter nur die Pathologie des gesamten Unternehmens erkennen. Gleichwohl mag er nicht gegen Murdoch wetten, der noch jede Affäre nicht nur überlebt, sondern daraus Nutzen gezogen habe.

          „Murdoch's Watergate“

          In Washington verlangen Demokraten und Republikaner Aufklärung, ob Murdochs Journalisten sich auch in Telefone von Opfern des 11. September gehackt haben. Mitglieder der Familie Bancroft, die das Verlagshaus Dow Jones & Company samt „Wall Street Journal“ an die News Corporation abtraten, deuten an, den Verkauf zu bereuen. „Murdoch’s Watergate“ schreibt derweil „Newsweek“ über eine als Artikel getarnte Anklageschrift, die von keinem Geringerem als Carl Bernstein stammt, einem der Watergate-Enthüller. Murdochs „Alles-ist-erlaubt-Programm“ habe sich auf beiden Seiten des Atlantiks wie eine ansteckende Krankheit ausgebreitet.

          Nur fürchtet auch Bernstein, dass sich die politischen Gegenkräfte, die das Erdbeben freisetzte, verheerend auf eine freie Presse auswirken könnten. Das wäre dann Murdochs verhängnisvollstes Erbe.

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