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„Tatort“ aus München : Was die jungen Leute doch so alles treiben

  • -Aktualisiert am

Im fahlen Widerschein des Bildschirms: Nicht alles, was Florian (Nino Böhlau) im Internet sieht, kann seine kindliche Seele auch verkraften Bild: BR/Erika Hauri

„Weißt du überhaupt, was Apps sind?“, fragt Leitmayr den Kollegen Batic. Der Münchener „Tatort“ schickt seine Kommissare in die Abgründe des Internets - und orientiert sich dabei an einem großen Vorbild.

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          Vor fast genau einem Jahr lief ein bemerkenswerter Film in den Kinos, an den der neue „Tatort“ aus München sofort erinnert. Er hieß „Disconnect“ und erzählte am Beispiel von mehreren Figuren, wie sich die Beziehungen zwischen Menschen durch die im Internet gepflegte Art von Kommunikation verändern. Um diese Veränderung ins Bild zu setzen, zeigte der Film von Henry Alex Rubin häufig die von den Handydisplays erleuchteten Gesichter seiner Figuren und ließ in einem kleinen Feld am unteren Bildrand das „Gespräch“ mitlaufen, das sie per Mail oder SMS gerade führten. Eine dieser Figuren war der jugendliche Kyle. Mit anderen Jugendlichen lebte er in einem vergammelten Haus irgendwo in Kalifornien und kam über die Runden, indem er sich auf Porno-Seiten im Netz als Toyboy verdingte.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Im Münchener „Tatort“ (Regie: Andreas Senn; Buch: Holger Joos) haben wir es nun nicht nur mit einem verdächtig ähnlichen Fall zu tun. Sondern auch mit einer Bildaufteilung, die jene aus „Disconnect“ übernimmt. Wieder verfolgen wir die Unterhaltungen, die in Internet-Chats geführt werden, auf kleinen Feldern, die sich langsam mit Text füllen - Kommafehler inklusive.

          Trauer um Tim: Hanna (Anna-Lena Klenke) bringt Blumen an die Isar
          Trauer um Tim: Hanna (Anna-Lena Klenke) bringt Blumen an die Isar : Bild: BR/Erika Hauri

          Die Verfasser dieser Nachrichten sind die beiden vierzehnjährigen Schüler Florian (mit bemerkenswert reifer Leistung: Nino Böhlau) und Hanna (Anna-Lena Klenke), die sich vor ihren Web-Kameras ausziehen, wenn sich die Kundschaft im Gegenzug bereit erklärt, ihnen einen Wunsch zu erfüllen, sprich: eines der Spielzeuge von ihren Wunschlisten zu kaufen. Auf diese Weise ist der in bescheidenen Verhältnissen aufwachsende Florian in den Besitz einer stattlichen Sammlung von Skateboards und Klamotten gekommen. Während für Hanna, die in begütertem Haus lebt, der Reiz wohl eher im Verbotenen liegt - was eine schmollmundig zur Schau gestellte Gleichgütigkeit gegenüber den Folgen ihres Tuns naturgemäß miteinschließt.

          Steinernes Staunen: Leitmayr und Batic finden Nacktaufnahmen auf dem Computer des vierzehn Jahre alten Opfers
          Steinernes Staunen: Leitmayr und Batic finden Nacktaufnahmen auf dem Computer des vierzehn Jahre alten Opfers : Bild: BR/Elke Werner

          Selbst der Tod des Dritten in ihrem Bunde bringt sie nicht ins Grübeln. Tim, dessen ahnungslose Eltern sich nach seiner Ermordung mit dem Anschauen seiner versammelten Nackt-Videos quälen, ist an der Isar erschossen worden. Von einem Freier, wie die beiden Kommissare Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) naheliegenderweise bald vermuten - wobei sie bei ihren Nachforschungen dieses Mal sehr auf den Kollegen Kalli (Ferdinand Hofer) angewiesen sind, dem so moderne Ermittlungsmethoden wie, sagen wir, die Ortung eines Handys selbstverständlicher von der Hand gehen als seinen Chefs. Ihm, aber auch den Jugendlichen gegenüber nehmen die ergrauten Kommissare somit freiwillig die Rolle der digitalen Analphabeten ein. „Weißt du überhaupt, was Apps sind?“, fragt Leitmayr seinen Kollegen einmal. „Mit Apps kannst Apps machen“, sagt Batic, „verstehst?“

          Batic möchte eben lieber den Weg ablaufen, den der vermeintliche Täter an der Isar genommen haben muss, ganz klassisch, so wie früher. Dieses Nebeneinander von Elementen aus der guten alten „Tatort“-Zeit und jenen, die man der Gegenwart schuldig zu sein meint, beschert dem Film denn auch eine Unentschiedenheit, die ihn schwächer macht, als er sein müsste. Denn dort, wo sich die Kommissare unbeschwert zu ihrem Unverständnis gegenüber der Freizeitgestaltung der jungen Leute bekennen dürfen, wird es zuweilen wirklich komisch. Wo sie indes versuchen, sich auf der Höhe zu zeigen, wird die Kluft zwischen dem, was sie an Polizeiarbeit beherrschen, und dem, was ihnen als Herausforderung erscheinen muss, paradoxerweise immer größer. So gibt man sie ein wenig der Lächerlichkeit preis. Und das haben sie beide eigentlich nicht verdient.

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