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Münchner Filmfest : Wetter schön, Stimmung trübe

  • -Aktualisiert am

Die Begeisterung für den Film „Liesl Karlstadt und Karl Valentin” hielt sich in Grenzen Bild: Walter Wehner

Beim Münchner Filmfest klagen die Leute des Fernsehens über steigende Kosten und fehlende Ideen. Rettung könnte von ungeahnter Stelle kommen - vom Bezahlsender Premiere. Der will in Zukunft auch Selbstproduziertes präsentieren.

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          Es war ein schwerer Schatten, der sich gleich zu Beginn über das Münchner Filmfest legte. Traditionell ist man an der Isar ja heiter gestimmt, lächelt gern weg, dass die besten Filme woanders laufen, weil es hier für die Filmemacher keine Festival-Punkte zu gewinnen gibt. Dafür gibt es eine Schönwettergarantie und ein entspanntes Miteinander von Schauspielern, Produzenten und einfachen Kinogängern.

          Wer etwa an einem Montagabend im Maxx-Filmpalast steht, der kann mal eben entspannt zwei Sätze mit einem gut gelaunten Bruno Ganz wechseln, der gerade seinen ZDF-Film „Ein starker Abgang“ vorstellte, oder Ursula Werner strahlen sehen über den reichlichen Beifall für ihr starkes Spiel in Andreas Dresens neuestem Film „Wolke neun“. Das ist das Festival der Zuschauer.

          Doch der Tod von Produzent Bernd Burgemeister lähmte schon am Sonntagabend die Begeisterung des Fach-Publikums beim mit 25.000 Euro dotierten VFF Movie Award. Gewonnen hat ihn Produzentin Claudia Rittig mit „Liesl Karlstadt und Karl Valentin“, einer Auftragsproduktion für den Bayerischen Rundfunk. Wobei sich die Begeisterung über den Film in Grenzen hielt. Tolle Schauspielerleistungen von Hannah Herzsprung und Johannes Herrschmann, die gleichwohl in der Regie von Jo Baier merkwürdig wenig anrühren.

          Auch der Tod des TV-Produzenten Bernd Burgemeister trübt die Stimmung am Münchner Filmfest
          Auch der Tod des TV-Produzenten Bernd Burgemeister trübt die Stimmung am Münchner Filmfest : Bild: picture-alliance/ dpa

          Menetekel der Filmindustrie

          Und als sei der Tod von Bernd Burgemeister eine Art Menetekel, wird bei jedem der zahlreichen Filmempfänge die Klage über die Lage der Film- und Fernsehwirtschaft laut. Ein mageres Jahr, sagen auch viele namhafte Schauspieler: entweder schlechte Drehbücher oder gleich gar keine. Die Lage ist so ernst, dass bei einem CSU-Panel zum Thema „Der bayerische Film - Exportschlager in Weiss-Blau“ der offene Affront mit der bayerischen Staatsregierung nicht gescheut wird.

          Während Staatssekretär Georg Fahrenschon hochtrabend anmerkt, München sei wie sein Fußballclub FC Bayern filmischer Deutschland-Champion - natürlich auch dank der fünfundzwanzig Millionen Euro Förderung, die jährlich von der Staatskanzlei ausgegeben würden -, widerspricht Klaus Schäfer vom Film-Fernseh-Fonds Bayern. Bayerns Förderung sei im Vergleich zu den Mitkonkurrenten in NRW und Berlin Brandenburg sogar geschrumpft: „Wenn nicht schnell auf den Stand von 1996 und darüber hinaus aufgestockt wird, könnte es noch ganz eng werden“ für den Produktionsstandort, der mit den Bavaria-Studios und Arri-Technik über weltweit führende Strukturen und Techniken verfügt.

          Nationalelf kontra Kino

          Die BR-Filmchefin Bettina Reitz assistiert: „Die Nachwuchsförderung ist in Bayern optimal.“ Doch sobald es um größere Koproduktionen gehe, müsse sie potentiellen Partnern eher absagen, weil kein Fördergeld da sei. Ihre Hoffnungen ruhen auf Projekten wie der Verfilmung von „Ludwig II.“, die Peter Sehr in diesem Jahr beginnt und die sowohl im Kino als auch als Fernseh-Zweiteiler ausgewertet werden soll. Eine Art Königsweg für den klammen BR, der nach wie vor vom starken Nachwuchs lebt. So wird „Baching“ von Matthias Kiefersauer als heisser Kandidat für gleich zwei der vier Kategorien des mit 500.000 Euro dotierten Förderpreises des deutschen Films gehandelt. In der Jury sitzt jedenfalls neben Fritzi Haberlandt und Produzent Christian Becker Marcus H. Rosenmüller („Wer früher stirbt, ist länger tot“), ohne den der bayerische Film lange nicht die aktuelle überragende Bedeutung hätte.

          Doch schon die Preisverleihung am Mittwoch abend zeigt ein weiteres Dilemma des diesjährigen Filmfests. Wer geht überhaupt in die Kinos, wenn im Fernsehen Joachim Löws Truppe um den Einzug ins Halbfinale kämpft. Zwar liess der ARD-Geschäftsführer Günter Struve am Rande des Fests verlauten, dass Deutschland eh verliere, dennoch konnte Filmfest-Chef Andreas Ströhl schon nach den ersten Tagen einen Besucherrückgang von zehn Prozent konstatieren. Er tröstet sich damit, dass er noch nie so viel Lob für das Gesamtprogramm der 237 Filme bekommen habe, darunter nur zwölf Fernsehfilme: „Wir haben die Fernsehfilme extrem um 75 Prozent eingedampft, jetzt ist hier nur noch die Creme de la Creme am Start. Diese Fernsehfilme gehören zum besten was überhaupt gezeigt wird“, sagt Andreas Ströhl.

          Das Bezahlfernsehen geht neue Wege

          Gern wird die Schuld am gefühlten Niedergang des Fernsehfilms in dem Besetzen der Budgets und Programmplätze mit Sportereignissen gesucht. ZDF-Fernsehspielchef Hans Janke widerspricht vehement: „Unser Etat wird nicht angetastet. Aber eben auch nicht aufgestockt.“ Und so führt Janke eine „unverhältnismässige Zunahme der Produktionskosten“ ins Feld: „Die Schauspieler, die Technik - alles ist teurer geworden.“ Er plädiert, so verkehrt sind die Zeiten, auch dafür, dass SAT.1 und RTL „wieder so viele Movies produzieren wie noch vor einigen Jahren, das würde der ganzen Branche gut tun.“ Oder man baut auf eine Koproduktion mit Arte. Andreas Schreitmüller weiss von zunehmenden Anfragen zu berichten. Immerhin schiesst sein Sender pro Film 230.000 Euro zu.

          Die Rettung des deutschen Films könnte von ungeahnter Seite nahen. Am Rand des Filmfests stellte die Pay TV-Plattform Premiere Star den Mira-Award vor, einen Preis für den besten Pay-TV-Sender, das beste Event-Programm, die beste Fernsehpremiere: Im September soll er erstmals vergeben werden. Die Trommel dafür rührt Teamworx-Produzent Nico Hofmann, der sich die Premiere-Verantwortlichen von eigenproduzierten Events überzeugen will: „Tatsache ist, dass von zehn Events, die wir herstellen, acht sehr erfolgreich sind. Und nur damit kann Premiere auf Dauer den Mehrwert schaffen.“ Hofmann hat sogar ein konkretes Projekt vor Augen. Die Neuverfilmung von „Szenen einer Ehe“ soll noch in diesem Jahr beginnen.

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