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Münchner „Abendzeitung“ : Wir wollen eine Heimatzeitung sein

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Die ersten Ausgaben nach der Rettung: Die Münchner AZ erscheint wieder in voller Länge Bild: dpa

Was hat der neue Eigentümer mit dem Münchner Lokalblatt vor? Er will schwarze Zahlen sehen, auf Investigation setzt er eher nicht. Ein Gespräch mit Verleger Martin Balle, der die „Abendzeitung“ übernommen hat.

          Sie haben die „Abendzeitung“ übernommen, mit deren Überleben schon fast niemand rechnete. Nach den ersten Tagen: Wo stehen Sie mit dem Blatt?

          Wir hatten nur zwei Wochen Zeit, eine Zeitung zu konzipieren, ein Team zusammenzustellen und die Zusammenarbeit zwischen unserem Haus und der AZ hinzukriegen. Dafür läuft es gut.

          Wird die „neue“ AZ angenommen?

          Wir haben mit viel mehr Abbestellungen gerechnet. Nun sind es hundertfünfzig in einer Woche, und das vor allem wegen zu leichter Sudokus und fehlender Fernsehbeilage. Wir haben nicht damit gerechnet, dass wir nach einer Woche eine derart hohe Auflage hätten. Wir hatten 20.000 Fernsehbeilagen zu wenig bestellt. Das hat zu einigen Abbestellungen geführt.

          Sie verrechnen sich bei der Auflage?

          Es hieß, es seien 35.000 Abos. In Wirklichkeit sind es nur 25.000. Wir hatten so etwas geahnt. Dazu kommen 25.000 Exemplare im freien Verkauf. Den stummen Verkauf wollten wir gar nicht mehr machen, weil fünfzig Prozent der Zeitungen gestohlen werden.

          Eine höhere Auflage sorgt für bessere Anzeigenpreise.

          Anzeigenkunden haben wir noch kaum. Wir wollten den Weg mit der ganz harten Auflage gehen - der Auflage, die bezahlt ist. Aber dann haben wir gemerkt, es gibt Stellen, da wird die „Abendzeitung“ verlangt, es ist aber weit und breit kein Kiosk in Sicht. Das betrifft zum Beispiel die Arbeiter bei BMW. Manche Unternehmen kaufen eine gewisse Stückzahl der AZ ab, zu 25 bis dreißig Cent das Stück, und nehmen die Remittenden auf die eigene Kappe. Jetzt haben wir zehntausend Exemplare im stummen Verkauf und nur eine Klauquote von fünfzehn Prozent. Offensichtlich haben die Leser Mitgefühl. Das heißt, sie sind mit dem Blatt zufrieden. Wir haben eine höhere Auflage als erwartet: 70.000 verbreitete Exemplare unter der Woche und am Wochenende 80.000.

          Wie wollen Sie ins Plus kommen?

          Unser Businessmodell sagt, dass wir mit einer Auflage von 25.000 bis 30.000 Exemplaren schwarze Zahlen schreiben. Die Zeitung kam zuletzt auf 33 Millionen Euro Kosten und machte einen Umsatz von 24 Millionen Euro pro Jahr. Selbst wenn wir alle Mitarbeiter entlassen hätten, wäre ein Minus geblieben. Das Blatt war schlecht geführt. Wir müssen alles anders machen. Wir haben heute etwa dreißig Mitarbeiter, mittelfristig werden es vierzig sein, aber nicht mehr 120 wie zuvor, weil das die Zeitung nicht hergibt. Zeitung und Auflage waren künstlich aufgeblasen. Wir fragen uns jetzt: Gibt es den echten AZ-Leser? Was erwartet er von seiner Zeitung? Wenn wir die Erwartungen erfüllen und mit einem Jahresetat von rund zehn Millionen Euro rechnen, kann es funktionieren. Wir werden wahrscheinlich schon in diesem Jahr eine schwarze Null schreiben. Wir zielen auf eine Umsatzrendite von fünf Prozent. Ich wäre arm dran, wenn ich mit der AZ sofort Geld verdienen müsste. Aber wenn du gar nichts verdienst, bist du der Depp.

          Wen haben Sie denn übernommen?

          Meine größte Freude ist, dass ich motivierten Menschen einen Job und eine Zukunft geben kann. Ich hatte ganz anderes erwartet. Ich habe gedacht, da kommen alte, demotivierte AZ-Leute - die schreiben am Tag nur einen Text. Das hatte ich erwartet. Zur Tür herein kamen motivierte, junge Menschen. Ich wollte mit jedem Einzelnen weiterarbeiten.

          Viel von der AZ bleibt aber nicht übrig.

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