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Mordaufruf gegen Abdel-Samad : „Er darf nicht leben“

  • -Aktualisiert am

Untergetaucht: Hamed Abdel-Samad Bild: dpa

Fundamentalistische Drohgebärden: Islamisten bedrohen den Publizisten Abdel-Samad. Regierung und Staatsanwaltschaft üben sich in erschreckender Zurückhaltung.

          Für Hischam Seif Eldin war es eine schlechte Woche. Zweimal innerhalb von acht Tagen wurde der Geschäftsträger der ägyptischen Botschaft in Berlin ins Auswärtige Amt bestellt. Erst machten die deutschen Diplomaten ihrem Ärger über das Urteil gegen Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kairo Luft.

          Dann äußerten sie ihre Besorgnis über die Todesdrohungen gegen den deutschägyptischen Schriftsteller Hamed Abdel-Samad. Der hatte bei einem Vortrag in der ägyptischen Hauptstadt die These vertreten, dass der Islamismus eine Form des Faschismus sei. Die seit einem Jahr herrschenden Muslimbrüder machte er für die Ausbreitung eines „religiösen Faschismus“ verantwortlich.

          Mordaufruf im Netz

          Im Land der Facebook- und Twitter-Revolution 2011 verbreiteten sich Videoaufnahmen von Abdel-Samads Auftritt im Internet rasch. Auf einer salafistischen Website war bis Anfang dieser Woche ein Porträt des Publizisten zu sehen - unter der Überschrift „Wanted Dead“. Auch der Muslimbruderschaft nahestehende Portale veröffentlichten das Bild.

          Erst nach mehrmaligen Aufforderungen entfernten die Provider der Seiten den Mordaufruf. Da war der 1972 in Kairo geborene Politikwissenschaftler schon untergetaucht. Zu deutlich waren die Drohungen, als dass er sie auf die leichte Schulter nehmen könnte, teilt sein Verlag Droemer Knaur mit.

          Denn die Aufrufe blieben nicht auf das Internet beschränkt. Assem Abdel Maged, Vorsitzender des politischen Arms der Gruppe Al Gamaa al Islamija, die 1981 für die Ermordung des damaligen Präsidenten Anwar als Sadat verantwortlich war, hetzte vor laufenden Kameras im salafistischen Fernsehsender Al Hafes gegen den Autor islamkritischer Bücher wie „Der Untergang der islamischen Welt“ und „Krieg oder Frieden“. Weil er den Propheten beleidigt habe, dürfe Abdel-Samad nicht länger leben, sagte Maged: „Er muss getötet werden, und seine Reue wird nicht akzeptiert.“ Schließlich habe Abdel-Samad aus freien Stücken die Entscheidung getroffen, aus dem Islam auszutreten.

          Unterstützt wurde der Islamist Maged, der wie viele andere Mitglieder der einst militanten Organisation erst nach dem Sturz Husni Mubaraks 2011 aus der Haft entlassen wurde, von Professor Mahmud Schaaban. Der Salafist unterrichtet an der bedeutenden Al-Azhar-Universität, was seinen Drohungen fast den Rang eines religiösen Rechtsgutachtens verleiht, einer Fatwa. Die säkularen Gastgeber Abdel-Samads haben inzwischen Anzeige erstattet. Präsident Muhammad Mursi schwieg, die Staatsanwaltschaft wurde nicht aktiv.

          Gefahr für Abtrünnige

          Politisch brisant wird der Fernsehauftritt durch die Nähe Mageds zu Mursi: Erst Anfang dieser Woche kündigte Maged Proteste zur Unterstützung des islamistischen Machthabers an. Am 30.Juni, dem ersten Jahrestag von Mursis Amtsantritt, wollen säkulare Oppositionelle auf den Tahrir-Platz ziehen, um dessen Rücktritt zu verlangen. Auf der Website der von ihm geführten Partei für Aufbau und Entwicklung kündigte Maged an, „für die erwarteten Zusammenstöße mit diesen Extremisten vorbereitet zu sein“.

          Die Hetze gegen den deutschägyptischen Schriftsteller Abdel-Samad, der bis zu seiner Ausreise nach Deutschland 1995 selbst der Muslimbruderschaft angehörte, stößt in Ägypten kaum auf Resonanz. Das passt ins Bild: Seit dem Machtantritt Mursis, der in der Muslimbruderschaft politisch groß geworden ist, gab es mehrere Fatwas, die vom Glauben Abgefallene bedrohen.

          Repressionen per Gesetz

          Auch den Oppositionspolitikern Mohammed El Baradei und Hamdin Sabahi wurde vorgehalten, sie hätten sich vom Islam abgewandt. Welche Folgen solche religiösen Rechtsgutachten haben können, ist spätestens seit dem Fall Salman Rushdies bekannt.

          Die Drohungen gegen Abdel-Samad zeigen zudem, dass es immer gefährlicher wird, sich der von der Muslimbruderschaft und ihren Verbündeten verfolgten Islamisierung entgegenzustellen. Eine „Kultur der Unfreiheit“ machen Diplomaten aus, die sich im restriktiven Entwurf des Gesetzes für eine Neuordnung der Nichtregierungsorganisationen ebenso widerspiegelt wie in den harten Urteilen gegen die Adenauer-Stiftung und amerikanische Organisationen.

          Seit Wochen protestieren Künstler gegen die Politik des neuen Kulturministers Alaa Abdel Aziz. Der hatte kurz nach seiner Ernennung die Leiterin der Kairoer Oper und den Chef des Nationalarchivs abgesetzt - „um eine kulturelle Bewegung zu befördern, die den Geist der Revolution vom 25.Januar ausdrückt“. Am 30.Juni geht der Kulturkampf in die nächste Runde.

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