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Zu Besuch in Hengasch : Was ist bloß so lustig an der Dorfpolizei?

Caroline Peters spielt in „Mord mit Aussicht“ die in Hengasch gestrandete Polizistin Sophie Haas - Marie Reiners hat im Drehbuch ihre eigenen Erlebnisse im Drehbuch verarbeitet Bild: WDR/Jens van Zoest

„Mord mit Aussicht“ ist die erfolgreichste Krimi-Comedy im deutschen Fernsehen. Sie spielt in der Eifel – und dort lebt auch deren Erfinderin Marie Reiners. Ein Besuch an der Quelle von Hengasch.

          4 Min.

          Wer von Süden her in Richtung Hocheifel fährt, trifft zwischen alpin wirkenden Hängen, Skiliften und Sommerrodelbahnen immer wieder auf Straßenschilder, die man selten sieht. Der Wildwechsel wird hier warnend als „starker“ bezeichnet, und dann gibt es noch den Fußgänger im roten Kreis - ein Schild, das man im Grunde nur mit „Achtung, Mensch!“ übersetzen kann. Und tatsächlich bekommt man die eigene Spezies im Vergleich zu Schafen und Kühen am Wegesrand über weite Strecken nur als gelegentliche Wanderer zu Gesicht. Wir befinden uns auf dem Weg zum fünfhundert Meter hoch gelegenen Dorf, in dem die Drehbuchautorin Marie Reiners lebt und dessen Namen sie nicht verraten will. Hengasch heißt es in der ARD-Erfolgsserie „Mord mit Aussicht“, die sie erfunden hat. Das Dorf gibt es seit tausend Jahren, die Serie seit 2008.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Marie Reiners lebt seit neun Jahren hier. Damals hat sie an einer atemberaubenden Panoramastraße das Ferienhaus ihrer beiden Großtanten geerbt, ein flaches Gebäude war das, mit Rundumblick und dem unpassenden Namen „Spessart 2“ - Widersprüche treten in dieser naturverwöhnten, ansonsten aber reizarmen Gegend offener zutage als anderswo. Marie Reiners, die in dem Häuschen der Tanten, wie sie sagt, glückliche Tage ihrer ansonsten überbehüteten Kindheit verbracht hat, riss es ab und baute an gleicher Stelle ein ochsenblutfarbenes Holzhaus. Drei Stockwerke hoch liegt es über einer ihrerseits beträchtlichen Außentreppe. Der Fußboden ist mit rustikalen Steinplatten belegt, große Fensterflächen geben den Blick auf die unendlich weit erscheinende Eifel frei, dazwischen eine Terrasse, dahinter der Abgrund.

          Auch Arroganz kann sympathisch sein

          Genau an dieser Stelle hat Marie Reiners, die sich zuvor schon als Drehbuchautorin der Sitcom „Lukas“ mit Dirk Bach einen Namen gemacht hatte, die Idee zu Deutschlands erfolgreichstem Dorfkrimi entwickelt. Mehr als sechs Millionen Zuschauer schalten regelmäßig ein, auch wenn die Serie nicht mehr die Qualität der ersten, von Reiners noch allein geschriebenen Staffel erreicht. In der zweiten Staffel stieg sie aus, weil sie eine andere Auffassung vom Humor der Serie hatte als der neue Produzent. In den besten Momenten ist „Mord mit Aussicht“ warmherzig, voller Esprit und extrem lustig. Wie in einem Brueghel-Bild wimmelt es nur so von anspielungsreichen Details.

          Kann am besten in der Eifel schreiben: Marie Reiners – mit Hund
          Kann am besten in der Eifel schreiben: Marie Reiners – mit Hund : Bild: Landspiegel/Andreas Krone

          Was aber ist lustig am Dorf? „Eigentlich gar nichts“, hatte Marie Reiners am Telefon gesagt. Jetzt, an ihrem Esstisch, präzisiert sie: „Das Dorf an sich ist nicht lustig. Komik entsteht aus der Situation und den Figuren heraus.“ Doch scheint sie mit ihrer Antwort selbst nicht recht zufrieden. Wir weichen auf die Frage aus, wodurch sich Stadt- von Dorfmenschen unterscheiden. Marie Reiners sagt: „Menschen vom Dorf sind genauso selbstbestimmt und schlau, wie wir Städter es sind. Die sind eben nur anders drauf. Die ruhen mehr in sich und machen einfach ihr Ding.“

          Lustig werde es erst, wenn man mit fremdem Blick auf sie schaue - so, wie die im Film von Caroline Peters gespielte Kommissarin Sophie Haas, die wegen ihres Übereifers aus Köln in die Eifel wegbefördert wurde und sich seither, weil sie andere so gerne auf den Arm und sich selbst in ihrer Chefrolle so wichtig nimmt, nicht mehr von hier losreißen kann. War es riskant, eine dem Dorf arrogant gegenüberstehende Figur ins Dienstagabendprogramm der ARD zu schleusen? „Ja“, sagt Reiners, „aber eine arrogante Figur kann auch sympathisch sein.“

          Ein Schwedenhaus in der Eifel

          Außerdem wird in „Mord mit Aussicht“ auch über Sophie Haas gelacht. Eine Szene ist besonders treffend: Da betritt die Hauptkommissarin frohlockend das Polizeirevier, weil sie zuvor zwei Dorfkindern auf der Straße für wenig Geld eine wertvolle Designertasche abgejagt hat. Empfangen wird sie prustend vom Kollegen Dietmar Schäffer (Bjarne Mädel) und dessen Frau Heike (Petra Kleinert), die bereits am Diensttelefon erfahren haben, dass es sich beim vermeintlichen Schnäppchen um eine Fälschung aus Polen handelt, in der sogar schon Katzen gejungt haben. Das hat man davon, wenn man das Dorf unterschätzt.

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