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Der Mord an Özgecan Aslan : Twittern statt Schweigen

Eine junge Frau während eines Protestmarsches in Ankara: In vielen Teilen des Landes wurde Özgecan Aslan gedacht. Bild: AFP

In der Türkei wird eine junge Studentin versucht, zu vergewaltigen und ermordet. Der Fall führt zu landesweiten Protesten: Die Frauen wollen nicht länger über Gewalt und Sexismus schweigen.

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          Eine solche Solidaritätswelle hat die Türkei noch nicht gesehen: In den Städten demonstrieren Tausende, Männer sind darunter, die sich demonstrativ Miniröcke angezogen haben. In den sozialen Medien kursiert das Hashtag #sendeanlat – „erzähl auch du“. Frauen berichten von dem, was sonst verschwiegen wird. Man kleidet sich schwarz, auch Fernsehmoderatoren. Es soll endlich ans Licht, was täglich geschieht: Gewalt gegen Frauen, bis hin zum Mord.

          Die Bewegung hat einen traurigen Anlass: Die Psychologiestudentin Özgecan Aslan wollte ihre Eltern besuchen und war mit einem öffentlichen Minibus von Adana nach Mersin unterwegs. Der Fahrer nahm einen Umweg, überwältigte die junge Frau und versuchte, sie zu vergewaltigen. Sie wehrte sich, mit Fingernägeln und Pfefferspray, wurde mit einer Brechstange geschlagen und durch Messerstiche getötet. Man fand ihre verbrannte Leiche in einem Flussbett.

          Nicht nur die Frauen protestieren, auch viele Männer zeigen sich solidarisch – in Miniröcken.
          Nicht nur die Frauen protestieren, auch viele Männer zeigen sich solidarisch – in Miniröcken. : Bild: AP

          Das ist nur einer von vielen Fällen. Für türkische Frauen zwischen 15 und 44 Jahren ist Gewalt die häufigste Todesursache, in der Hälfte der Fälle ist der Verlobte oder Ehemann der Täter. Die Kriminalstatistik belegt, dass die Fälle rapide zunehmen, in den letzten zwei Jahren um 45 Prozent. Fast dreihundert Frauen sind das pro Jahr. Die konservative AKP-Regierung von Recep Tayyip Erdogan ignoriert das Thema. Sie setzt auf Familien- und Nachbarschaftsehre. Der triebhaften männlichen Natur sei nur durch weibliche Schamhaftigkeit beizukommen, so die Ansicht unter AKP-Abgeordneten. Doch gerade im Namen solcher Ehrenkonstrukte kommt es zu Gewalt. Immer wieder wird das Opfer für die Taten verantwortlich gemacht. Vor einiger Zeit sorgte gar die politische Forderung für Aussehen, türkische Frauen sollten in der Öffentlichkeit nicht lachen. Bei Vergewaltigung kommt der Täter mit einer milderen Strafe davon, wenn das Opfer einen Rock trug.

          Diesmal jedoch ist alles anders, nicht einmal die AKP beschuldigt Özgecan Aslan, niemand versucht, die Tat  zu verharmlosen. Erdogan sprach der Familie sein Beileid aus, einige Politiker fordern die Wiedereinführung der Todesstrafe. Auch viele Demonstranten fordern das. Dass der Mord an Özgecan Aslan eine derartige Bewegung in Gang setzt, hat auch damit zu tun, dass sich viele – vor allem die Nutzerinnen der sozialen Medien – mit ihr identifizieren können: Sie war jung, modern, gebildet, ambitioniert. Doch es ist kein Protest der gebildeten Oberschicht, auch in den Kleinstädten gab es Demonstrationen. Minibusfahrer fahren mit Trauerflor. Vor allem wagen Frauen erstmals, über ihre täglichen Erfahrungen zu sprechen, über Herabwürdigungen, die Vorstufen der Gewalt. Es sieht nicht so aus, als würden sie bald wieder schweigen wollen.

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