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„The Witcher“ bei Netflix : Monster, Mühsal und Moneten

An der Theke lieber nicht ansprechen: Henry Cavill spielt den sonderbegabten Geralt von Riva, auch genannt „The Witcher“. Bild: Netflix

Neues vom Hexer: Die Computerspielreihe machte sie populär, nun zollt Netflix Andrzej Sapkowskis „Witcher“-Büchern mit einer Serie Tribut, die ihren ganz eigenen Ton findet.

          3 Min.

          In dieser Serie wird viel geflucht. Auf die eine Art, die Sprache und Unterhaltungen belebt oder verdirbt; und auf die andere Art, die Menschen, Gegenstände, ganze Landstriche oder Untote belebt oder verdirbt. Ganz anders als in der ersten Staffel der aktuellen Referenz-Serie des Fantasy-Genres „Game of Thrones“ werden in Netflix’ „The Witcher“ Magie und ihre phantastischen Folgen nicht in homöopathischer Dosierung eingesetzt, sondern kommen dickflüssig blubbernd in einem massiven, eisernen Kessel Buntes auf den Tisch – scharf gewürzt mit einem Humor, der sich oft mehr als satirischer Kommentar versteht denn als Blitzableiter für aufgeladenes Pathos.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Den Grundstein dafür hat der polnische Schriftsteller Andrzej Sapkowski gelegt, der in den neunziger Jahren mit Kurzgeschichten und einer Pentalogie die Vorlage der „Geralt-Saga“ (polnisch: Saga o Wiedzminie) um den Hexer Geralt von Riva lieferte. Kluger, beißender Witz prägt die Bücher. Er schafft Raum für Tragik und Heldenzweifel, zieht sein Genre jedoch weder durch den Kakao, noch nimmt er es über Gebühr ernst.

          2001 drehte der polnische Regisseur Marek Brodzki einen schließlich herrlich misslungenen Film („Wiedzmin“). Doch erst die „The Witcher“-Videospielreihe des polnischen Studios CD-Project, die sich mit unterschiedlichem Erfolg anschickt, die Geschichte der Bücher fortzusetzen, verhalf der Saga von 2007 an mit ihrer Schnetzel-Sex-und-Schauerpower-Gestaltung zu ihrer jetzigen Popularität.

          Hat ein Händchen für Magie: Yennefer von Vengerberg (Anya Chalotra)

          Die Drehbuchautorin Lauren Schmidt Hissrich, die bei Netflix schon an „Daredevil“, „The Defenders“ und „The Umbrella Academy“ mitarbeitete, dirigiert die Serie als Showrunnerin und konzentriert sich auf Sapkowskis Bücher. In einem Interview berichtete sie, wie sie ihn vor zwei Jahren traf und ihm erzählte, sie staune über seine hartgesottenen Frauenfiguren, die sie in der Fantasy lange vermisst habe. Worauf Sapkowski ungerührt erwidert habe, sie habe seine Mutter noch nicht getroffen.

          Zwar steht nun ein steinalter weißer Mann im Vordergrund, der auch in der Serie häufig mit nackten weiblichen Leibern dekoriert wird, doch die Frauen, die ihm zur Seite oder entgegenstehen, sind ihm nicht nur nach Kräften durchaus ebenbürtig, sondern in ihrer Ausgestaltung um einiges facettenreicher.

          Zwischen John Travolta und BDSM-Galadriel

          Aber man täte Geralt Unrecht, ihn als den schweigsamen Highlander-Gandalf abzustempeln, als den ihn die Serie in den ersten Szenen präsentiert. Henry Cavill, ehemals „Man of Steel“, sieht zwar aus, als hätte sich John Travolta auf Steroiden als BDSM-Galadriel verkleidet, kann aber trotz Kante auch zeigen, das der Mann eine Vergangenheit hat, die ihn beizeiten sehr zerbrechlich macht. Der Zuschauer begleitet ihn im Kampf gegen Monster und Schurken, ohne zu wissen, was Geralt eigentlich will; er der allen immer nur rät, Konflikten auszuweichen und das „geringere Übel“ zu wählen. Die Frauen hingegen, Cirilla von Cintra (ihres Zeichens Prinzessin auf der Flucht, gespielt von Freya Allan) und die Zauberin Yennefer von Vengerberg (Anya Chalotra) wissen es besser – und das hat dieses Lone-Ranger-Konzept vielen anderen voraus. Außerdem dürfen Frauen – Sakrileg der lange männlich geprägten Zaubererwelt – gepflegt Pfeife schmauchen.

          Oft allein auf weiter Flur: Cirilla von Cintra (Freya Allan)

          Was aber ist ein Hexer? Laut Geralts Ziehvater Vesemir kein „weißer Ritter“: „Sie geben nicht an und werden in Münzen bezahlt.“ Und zwar, um Monster aller Art aufzuspüren und zu entsorgen. Was befähigt sie dazu? Ein langwieriger Prozess, der einen üblen Cocktail aus Elixieren, Zaubertränken und Giften sowie erbarmungsloses Waffentraining involviert. Hexer leben und lieben länger, können Zauber sprechen, und wenn sie eine Schenke betreten, dann stoppen Musik und Gespräche zuverlässig.

          „The Witcher“ vermischt vertikales und horizontales Erzählen auf die vergnüglichste Weise. Die Autoren um Lauren Schmidt Hissrich genießen es, den Spielarten phantastischen und seriellen Erzählens nachzugehen. Das führt dazu, dass die Episoden sich teilweise stark unterscheiden. So gerät Geralt in Begleitung des unbelehrbaren Barden Dandelion (Joey Batey) – „Ihr riecht nach Tod und Schicksal“ – mit rebellischen Elfen und gehörnten Silvans aneinander, während er in der nächsten Folge beim Versuch, den Fluch eines anderen magischen Wesens, einer „Striga“, zu brechen, fast ums Leben kommt.

          Formal wirkt das wie eine Art Fantasy-Western – der Hexer redet auf rührende Art mit seinem Pferd Roach – mit einem Schwertmeister als umherziehendem Miet-Revolverhelden, dessen Kunst sich in Kampf-Choreographien entlädt, die zum Besten gehören, was man zurzeit auf dem Bildschirm bestaunen kann. Inhaltlich ist die Serie auch deshalb interessant, weil sie nicht nur ausgetretene Monsterpfade betritt, sondern (Sapkowski sei Dank) in die hintersten Winkel der slawischen Sagenwelt eintaucht. Ob Strzyga, Wodnik, Mittagshexe (Kytice), Rodzanice, Baba Yaga oder Koschtschei, sie alle finden in ihrer ursprünglichen Gestalt oder als handelnde Figuren Eingang in eine ansonsten immer noch westlich geprägte Fantasy-Welt. Und während „The Witcher“ elegant von einer Schublade in die andere tanzt, ohne sich je festzulegen, ahnt man, was die mächtige Zaubermeisterin Tissaia de Vries (MyAnna Buring) meint, wenn sie sagt: „Wir Hexen gestalten uns, wie wir es wollen. Die Welt hat in dieser Sache nichts zu sagen.“

          The Witcher, von heute an bei Netflix.

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