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„Monsoon Baby“ im Ersten : Die Lüge von der eigenen Empfängnis

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Mit der Elternschaft erfüllen sich Nina (Julia Jentsch) und Mark (Robert Kuchenbuch) einen langersehnten Wunsch. Der Preis dafür ist allerdings hoch. Bild: BR/Christian Hartmann

Was geschieht, wenn ein deutsches Paar eine indische Leihmutter engagiert? Der herausragende Film „Monsoon Baby“ zeigt, wie brutal das Reproduktionsgeschäft ist.

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          Als Film- und Fernsehstars wie Sarah Jessica Parker oder Nicole Kidman vor einigen Jahren von dem „gestational carrier“ erzählten, mit dessen Hilfe ihr Nachwuchs auf die Welt gekommen war, hielt man das Thema Leihmutter noch für eine bizarre Marotte der Reichen und Schönen. Doch das änderte sich spätestens, als Standesbeamte mit einer Fachtagung im Herbst 2012 auf das Problem des deutschen Leihmutterschaft-Verbots aufmerksam machten. Während der Journalist Andreas Bernard, Autor des Sachbuchs „Kinder machen“, von „einer Art reproduktionsmedizinischen Kolonialisierung der Körper“ sprach, einer ganzen Industrie, die sich etabliert habe, drängten die Beamten auf rechtliche Klarheit im Umgang mit den Kindern, die von ausländischen Leihmüttern ausgetragen wurden.

          Um es mit einer Pressemitteilung des Deutschen Anwaltsvereins aus diesem Sommer zu formulieren: „Die Leihmutterschaft ist in Deutschland zwar verboten. Aber durch die Globalisierung ist sie doch schon Teil unseres Lebens.“ Wenn es stimmt, was dort behauptet wird, greifen „immer mehr“ Paare auf eine Leihmutter im Ausland zurück. Manchmal können sie sogar mit der Unterstützung von deutschen Behörden rechnen.

          Was das für alle Beteiligten einer solchen Unternehmung bedeutet, ganz konkret, bildlich und emotional, zeigt Andreas Kleinerts herausragender Fernsehfilm „Monsoon Baby“. Das Drehbuch schrieb Kleinert gemeinsam mit dem Journalisten Florian Hanig; er ist mit einer Inderin verheiratet, stieß im Rahmen einer „Geo“-Reportage auf eine indische Fruchtbarkeitsklinik und erzählte bald darauf die Geschichte eines deutschen Paares mit südafrikanischer Leihmutter. Die Hauptrollen spielen Julia Jentsch und Robert Kuchenbuch - im Auftreten natürlich, in den Konflikten glaubwürdig. Die Kamera, führt Andreas Höfer, eine Handkamera zumeist. Von den indischen Drehorten hat er Bilder mitgebracht, die man im deutschen Fernsehen in dieser abwechslungsreichen Fülle und beiläufigen Ästhetik selten erlebt.

          Shanti (Tillotama Shome) im Monsunregen

          Zu ihnen gehören das blutige Laken und das schmale Boot, das im Sumpfland, irgendwo nördlich von Kalkutta, auf den Fluss hinausgerudert wird wie auf einer ewigen Reise. Das Boot hat drei Passagiere: eine Ärztin, einen kleinen Jungen und eine halbtot zwischen ihnen liegende Frau. Aber das weiß man zu Filmbeginn nicht. Da senkt sich nur die Tragfläche eines Flugzeugs über den Armenvierteln Kalkuttas, steigt ein Liebespaar in einem Grandhotel ab. „Ist das alles im Preis drin?“, fragt der Mann. „Ich hoff’ doch“, sagt die Frau. Eine Krankenschwester und ein Tischler sind hier gelandet, keine Hollywood-Stars. Wobei sie, wenn es hart auf hart kommt, bei ihrem wohlhabenden Vater anklopfen kann.

          Keine Hoffnung auf Trost

          Die beiden lassen sich durch die lärmende Stadt zu einer Klinik bringen. Dort begrüßt sie eine „betreuende Ärztin“ (Swaroopa Gosh). Die Ärztin bittet drei Frauen herein, spricht von Geld für ein besseres Leben - gewählt wird Shanti (Tilotama Shome, die Alice in Mira Nairs „Monsoon Wedding“). Verlegene Blicke. Als die herzensgute Nina bald darauf die Nachricht von der gelungenen Befruchtung erhält, brechen Muttergefühle in ihr aus: Euphorisch umarmt sie die reglose Shanti. Nur mischt sich die Vorfreude, als sie im fernen Deutschland auf das Kind wartet, Ultraschallbilder an die Wand klebt und Paul Gerhardts Gute-Nacht-Lied aufnimmt, um es Shanti per E-Mail zu schicken, mit Verachtung für den unfähigen eigenen Körper und hartnäckigen Zweifeln. Auch schwant ihr, dass eine Freundin recht haben könnte: „Du nutzt eine Notlage aus!“

          Von diesem Moment an lässt der Film jede Hoffnung auf etwas Trost fahren. Er schleudert den Zuschauer zurück in das Menschengewühl von Kalkutta, wo Nina ihrer „Surrogatmutter“ beizustehen versucht. Als Krankenschwester, glaubt sie, könne sie in der Baby-Fabrik helfen. Um dort alsbald die Hände einer schluchzenden Mutter zu halten, deren Neugeborenes im Nebenzimmer schon Minuten nach der Geburt an ein trauriges Europärchen verkauft wird. Doch das ist noch nichts gegen das, was Shanti und ihrer Familie widerfährt.

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