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Model Halima Aden : Nicht ohne mein Kopftuch

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Die Party ist vorbei: Halima Aden verabschiedet sich aus der Modewelt . Hier feiert sie auf der New York Fashion Week im September 2019 Bild: NINA WESTERVELT/The New York Times

Halima Aden wurde als Model mit Kopftuch gefeiert. Jetzt will sie nicht länger die Quoten-Hijabi sein und hat ihren Rückzug aus der Branche erklärt.

          5 Min.

          Halima Aden ist als kopftuchtragendes Laufstegmodel weltberühmt geworden, hat Cover unzähliger Modemagazine geziert und im Bademodenmagazin „Sports Illustrated“ den Burkini – einen Ganzkörperbadeanzug – aufs Titelbild gebracht. „Ein Traum, der wahr geworden ist“, twitterte Aden selbst zum Release. Bahnbrechend, titelten die Medien. Eine verhüllte Frau im gefeierten Bademodenmagazin, das ansonsten eher für knapp bekleidete Supermodels auf dem Cover bekannt ist, das gab es noch nie. Und auch danach nie wieder.

          Es war ein Traum von Diversity und Inklusion. Er sollte zeigen, dass die Modewelt die Millionen der muslimischen und hijabtragenden Frauen nicht weiter ignorieren wollte. Die „Sports Illustrated“ schrieb damals auf ihrer Website, Aden habe gezeigt, dass es einen Platz für zurückhaltend auftretende muslimische Frauen in der Modeindustrie gebe. Denn nun wurden sie repräsentiert. Ihnen wurde ein Gesicht gegeben. Aden wurde zum Liebling der woken Modeszene, nicht nur wegen des Kopftuchs. Denn sie vereint gleich mehrere Minderheiten in sich: Sie ist nicht nur offen praktizierende Muslimin und trägt Kopftuch, sondern ist auch schwarz und als Geflüchtete nach Amerika gekommen. Sie war das scheinbar perfekte Element im modernen, politisch engagierten Selbstverständnis der westlichen Modewelt.

          Viele erste Male

          Das amerikanisch-somalische Model wurde 1997 im Flüchtlingslager Kakuma im Norden Kenias geboren. Auf der Flucht vor dem somalischen Bürgerkrieg wanderte sie im Alter von sechs Jahren mit ihrer Familie in die Vereinigten Staaten aus. Als sie 2016 als erste hijabtragende Frau zur Miss Minnesota gewählt wurde, schaute die ganze Modewelt auf die Schönheitsqueen mit Tuch auf dem Kopf: Es war ihr Eintrittsticket in die Welt der Supermodels.

          Finden Sie das Kopftuch! Hilema Aden auf einen Foto für American Eagle
          Finden Sie das Kopftuch! Hilema Aden auf einen Foto für American Eagle : Bild: Instagram

          Darauf folgten viele erste Male. Aden war das erste hijabtragende Model auf dem Cover der britischen „Vogue“. Sie unterschrieb einen Vertrag bei der berühmten Agentur IMG, die auch Topmodels wie Bella und Gigi Hadid vertritt. Sie lief auf den Laufstegen von Paris bis New York für Branchenriesen wie Dolce & Gabbana, Max Mara oder Tommy Hilfiger. Und das alles, ohne jemals ihr Haar zu zeigen, ohne jemals ihr Kopftuch abzulegen. Ihr Hijab, ließ sie sich in den Vertrag schreiben, sei nicht verhandelbar.

          Doch Ende 2020, drei Jahre nachdem sie den Vertrag bei IMG unterschrieben hat, schmiss die 23-Jährige ihre Laufsteg-Karriere hin. In der Zeit zu Hause mit ihrer Mutter in Minnesota während der Pandemie habe sie ihre Fehler erkannt. Die Modebranche habe sie gezwungen, Kompromisse in ihrem muslimischen Glauben einzugehen, schrieb sie auf Instagram. Das wolle sie nicht länger akzeptieren. Sie postete eine Reihe von Bildern aus Mode-Shootings, bei denen sie Outfits trägt, an denen sie heute zweifelt. Dabei post sie lasziv in enganliegenden Kleidern, trägt statt eines Tuchs eine Jeans auf dem Kopf oder zeigt offen den Hals. „Das bin nicht ich“, schrieb sie. Mit ihrem Glauben seien die Bilder nicht mehr vereinbar. Und kommentierte: „Wie konnte ich ihnen überhaupt erlauben, mir eine Jeans auf den Kopf zu legen, obwohl ich zu der Zeit nur Röcke oder Kleider getragen habe?“ Sie wirft der Modebranche vor, sie vom eigentlich Sinn des Hijabs abgebracht zu haben, sie in eine Rolle gedrängt zu haben, in der sie nie sein wollte. Das Kopftuch sei in vielen Fällen nur noch als eine vage Abdeckung der Haare, als Accessoire – losgelöst vom religiösen Symbol – drapiert worden. Auch sie persönlich habe sich in dieser Rolle verloren: „Ich wollte die ‚Hot Hijabi‘ sein, als wenn das nicht schon ein einziger Widerspruch in sich wäre.“ Schon früher hätte sie die Reißleine ziehen sollen, kritisiert sie sich selbst heute.

          Das Maß verloren

          Adens Rückzug ist exemplarisch für eine Debatte, die heiß geführt wird, seit große Kleidungsketten und berühmte Labels versuchen, den Riesenmarkt jenseits westlicher Vorstellungen von Mode zu erschließen. Und einerseits geschafft haben, dass unter dem Stichwort „Modest Fashion“ auch in den Kleiderschränken zwischen Paris und New York eine Art maßvolle Eleganz Einzug hielt. Und andererseits die Stilvorlagen von Kopftuch und hautverhüllenden Gewändern so munter modifiziert wurden, dass nicht mehr viel von der Dezenz übrig blieb, die vielen Trägerinnen wichtig ist, geschweige denn von religiösen Anstandsnormen. Und während die einen die Kreativität und Vielfalt feierten, mit der Kopftuchträgerinnen auf der ganzen Welt die Grenzen religiöser und kultureller Vorgaben mehr oder weniger respektvoll austesten, wiesen andere auf eine unangemessene Vereinnahmung des Kopftuchs als schillerndes It-Piece hin, mit der die Designer vor allem die eigene Gegenwärtigkeit demonstrieren wollen. Halima Aden auf dem Laufsteg oder dem Titelblatt sollte zeigen: Wir sind im 21. Jahrhundert angekommen. Wir zeigen mehr Vielfalt, mehr Gesichter abseits der weißen Norm.

          Wie viel mit dieser Art von Repräsentation gewonnen ist, ist besonders im Kontext der Mode eine ziemlich komplexe Frage. Für viele war Aden von Anfang an nicht mehr als eine Quoten-Hijabi, ein „token“, wie es in der Sprache aktueller Diversitätsdebatten heißt. Der Begriff Tokenism ist in der deutschen Sprache noch recht unbekannt. Er geht zurück auf die amerikanische Soziologin Rosabeth Moss Kanter, die in den 1970ern die Einstellungspraktiken multinationaler Konzerne erforschte und feststellte, dass Frauen, die eingestellt wurden, eine Art Alibifunktion zukam. Sie wurden als Vertreterinnen der Gruppe „Frau“ gesehen, nicht als Individuum. Die Unternehmen hatten oberflächlich gezeigt, dass sie Mitglieder einer Minderheit – in diesem Fall Frauen – repräsentierten, waren aber an einer tatsächlichen Inklusion nicht interessiert.

          Symbol und Struktur

          Das trifft auch auf den Fall Aden zu: Als Vertreterin muslimischer Frauen sorgte sie für Repräsentation in einem unvergleichlichen Maß. „Sie war eine ganz große Weichenstellerin“ und habe dafür gesorgt, dass muslimische Frauen in der Modewelt besser gesehen werden, sagt die Islamwissenschaftlerin und Modejournalistin Katharina Pfannkuch. Doch der Preis für diese Repräsentation war Aden zu hoch: „Ich war so verzweifelt auf der Suche nach Repräsentation, dass ich vergessen habe, wer ich wirklich bin“, schrieb sie in ihrer Instagram-Story. „Ich hätte direkt das Set verlassen sollen“, kommentiert Aden eines ihrer alten Bilder. Darauf trägt sie ein hautenges Kleid mit auffälligem Muster, welches an eine Siebziger-Jahre-Hippietapete erinnert. Dazu das Kopftuch. Es ist schwarz. Haare und Hals sind bedeckt. Auf dem Kopf prangt eine mit Strasssteinchen bedeckte Brosche. Sie ist so groß, dass sie von der Stirn über den Hinterkopf bis ans linke Ohr reicht. „Der Stylist hatte offensichtlich keine hijabtragende Frau im Kopf“, kommentiert Aden. Sie hat es zwar in den öffentlichen Diskurs geschafft, ihr Fall zeigt aber auch: Hinter den Kulissen mangelt es noch immer an Diversität. Denn während sie ihr Kopftuch auf der Modebühne trägt, wird es von nichtkopftuchtragenden Stylisten und Stylistinnen gestaltet. „Advancement prospects“ nennt Moss Kanter denn entscheidenden Unterschied zwischen wahrer Diversität und Tokenism: Allein mit symbolischer Repräsentation schafft man keinen strukturellen Wandel, der Minderheiten dauerhaft einen Platz verschafft.

          Im Zeichensystem der Mode mag das eine vom anderen noch schwerer zu unterscheiden sein, als es das ohnehin ist: die Struktur von der Oberfläche, den Schein vom Sein. „Eine Bereitschaft, sich zu verändern, in Rollen zu schlüpfen braucht man“, sagt Pfannkuch. Und sicher hätte Aden wissen können, dass eine Karriere als Model eine eher seltsame Wahl für eine Frau ist, der es darum geht, „sie selbst“ zu bleiben. Oder sich für ein Label entscheiden können, das die religiösen Ansprüche an Bescheidenheit so ernst nimmt wie sie selbst. Aber spielt darum das persönliche Empfinden eines Models gar keine Rolle, gerade wenn es darum geht, dieses als selbstbestimmte Figur zu inszenieren? Auch die Modebranche müsste lernen, besser zuzuhören, nicht nur in Bezug auf die Religion, sagt Pfannkuch. Im Fall von Aden sei offensichtlich eine persönliche Grenze überschritten worden.

          Doch auch mit ihrer Abkehr von den Rollenspielen der Modewelt scheint sie vielen muslimischen Frauen aus dem Herzen zu sprechen. In den sozialen Medien bekam sie viel Zustimmung, Adens Paukenschlag bestärkt ihre schleiertragenden Followerinnen nun darin, das Kopftuch selbstbewusst in dem Sinne zu tragen, wie sie es persönlich für richtig halten. Nicht als Kompromiss – beispielsweise als Turban –, um besser in die westliche Welt zu passen. Nicht als bunten und kunstvoll gefalteten Kopfschmuck, der gegen die Traditionen ihrer Großmütter rebelliert, so weit es die Normen des Glaubens gerade noch erlauben; sondern als Symbol des Widerstands gegen westliche Dresscodes, als Zeichen der Beharrung auf der eigenen Identität.

          Dennoch war Halima Adens Modelkarriere keine verschwendete Zeit. Ganz im Gegenteil: Ihr lauter Abschied könnte den wahren Wandel bringen. Die Modebranche hat sie zum Token gemacht, der ihr Sichtbarkeit verschafft hat. Sie selbst hat den Knall verursacht, der die Branche zum Umdenken veranlassen könnte. „Als ob wir jemals die Marken gebraucht hätten, um uns zu repräsentieren“, schrieb Aden, kurz bevor sie alle Profile auf ihren Social-Media-Kanälen löschte. „Sie brauchen uns!“

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