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Mo Asumangs „Roots Germania“ : Am Anfang war ein Mordaufruf

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Germanische Trachtenprobe: mit zwei Freundinnen meditiert Mo Asumang (r.) auf den Stufen des Reichstags Bild: ZDF/Felix Leiberg

Vor einiger Zeit hatten Neonazis öffentlich zu ihrer Ermordung aufgerufen. Ihr Debütfilm „Roots Germania“ ist die Antwort. Die farbige Moderatorin Mo Asumang besucht germanische Heiligtümer, trifft Rechtsradikale und ihren Vater in Ghana.

          Vor einiger Zeit rief die Neonaziband „White Aryan Rebels“ auf der CD „Noten des Hasses“ öffentlich zur Ermordung prominenter deutscher „Feinde“ der „arischen Rasse“ auf. Neben Rita Süssmuth, Alfred Biolek und Michel Friedman wurde dabei auch die schwarze deutsche Fernsehmoderatorin und Schauspielerin Mo Asumang namentlich genannt. Die Redaktion des ARD-Politikmagazins „Kontraste“ brachte das auf die mehr oder minder geschmackvolle Idee, die Prominenten vor laufender Kamera mit dem unsäglichen Hasslied zu „konfrontieren“, um sie anschließend zu ihrer Gefühlslage zu befragen.

          In Asumangs Dokumentarfilm „Roots Germania“, den das ZDF in dieser Nacht im Rahmen der Reihe „Wohngemeinschaft Deutschland“ des „Kleinen Fernsehspiels“ zeigt, sieht man noch einmal Ausschnitte aus dem „Kontraste“-Beitrag. Während Rita Süssmuth beredt, aber ausschließlich in der dritten Person Auskunft gibt („sie treffen Vorkehrungen“), als könne sie das Ungeheuerliche der direkten Bedrohung so am besten ins bloß Abstrakte entfernen, reagiert Mo Asumang nur mit einem sprachlosen „Poah“. Ihre Mimik allerdings spricht ganze Bände über ihre Angst.

          Dem Mordaufruf die Stirn geboten

          Aus der Angst, so ist in Asumangs Regiedebüt zu erfahren, wurde Wut. Wut sowohl auf die Neonazis der „White Aryan Rebels“ als auch Wut auf die Angst selbst. Ausführlich legt Asumang zu Beginn der Dokumentation die programmatischen Absichten dar. Als filmischer Reiseessay soll „Roots Germania“ zugleich höchstpersönliche Konfrontationstherapie sein. Es ist der Versuch, dem Mordaufruf mit den Mitteln der Recherche die Stirn zu bieten und damit wieder zur eigenen Sprache zu kommen. Ausgehend von ihrer eigenen Lebensgeschichte, von der deutschen Mutter in Kassel, die in den sechziger Jahren die Wohnung räumen musste, weil sie ein „Mischlingskind“ zur Welt brachte, und dem ghanaischen Vater, dessen Großfamilie es ebenso wenig schätzte wie die Vermieterin, dass er sich mit einer Weißen eingelassen hatte, weitet sich die anekdotische Perspektive ins Allgemeinere.

          Zur einen Hälfte der Wurzeln: Mo Asumang im ghanaischen Geburtsort ihres Vaters, Akrokerri

          Wie sind die Wurzeln der deutschen und der ghanaischen Kultur beschaffen? Gibt es Berührungspunkte, mit deren Hilfe eine kulturelle und spirituelle, vor allem aber unpolitische Vorvergangenheit von Germanen und Afrikanern sich rekonstruieren oder erfinden ließe? Könnte sich im solcherart hergestellten goldenen Zeitalter der Einheit der Kultur im Mythos vielleicht so etwas wie ein überzeitlicher, nicht braun eingefärbter Heimatbegriff finden lassen? Könnte vielleicht gerade der von den Nationalsozialisten so gründlich missbrauchte Germanenmythos als Integrationsmodell für Deutsche ausländischer (Teil-)Herkunft und Migranten taugen? Wie hat man ihn sich vorzustellen - jenseits von Fanatismus, „völkischen“ Zurichtungen, Heldenbildern und New-Age-Eskapismus?

          „Ich bin jetzt in Afrika. Danke für den Tipp“

          Die Stärke von Mo Asumangs filmischer Erkundung liegt in ihrer Fragetechnik, vor allem in der scheinbar unerschütterlichen Naivität, mit der sie etwa den NPD-Abgeordneten im Sächsischen Landtag, Klaus Menzel, am Rande einer Neonazikundgebung zur deutschen Identität befragt. Sie besucht germanische Heiligtümer, moderne Esoterikjünger und das erste Welttreffen der selbsternannten Göttinnen im englischen Glastonbury ebenso wie die Seherin Mamisi im ghanaischen Dorf Akrokerri. Sie lässt sich von Politikwissenschaftlern und heidnischen Priestern über den Begriff des biologisch-rassistisch grundierten „Völkischen“ und die „Entmystifizierungen“ des Christentums belehren.

          Denkwürdig sind dabei die Auftritte der Rechtsradikalen, die sich angesichts ihrer dunkelhäutigen Interviewpartnerin winden und mit der größten Selbstverständlichkeit selbst entlarven. Marcel beispielsweise, den Asumang in einer Jugendvollzugsanstalt besucht, wo er wegen rassistisch motivierter Körperverletzung einsitzt, gibt Asumang nach einigem Zögern jovial seine Empfehlungen mit auf den Lebensweg. Man dürfe eben „keine Fehler machen“, damit „nichts vorfalle“. Fehler wie: schwarz oder schwul sein oder die falsche Gesinnung haben. Ihre Hautfarbe sei „eben der Nachteil“, da ginge sie besser freiwillig weg aus Deutschland. „Wo soll ich denn hin?“, fragt Asumang. „Was weiß ich“, antwortet Marcel, und weil die Kamera auf ihn gerichtet ist, strengt er sich an nachzudenken: „Da, wo Ihr Papa ist.“

          An Marcel schreibt sie dann tatsächlich aus Ghana eine Postkarte. „Ich bin jetzt in Afrika. Danke für den Tipp. Mo“, steht darauf. Ob Asumang und wir mit ihr am Ende des leider zu nachtschlafender Zeit ausgestrahlten Films wissen, was „deutsch“ ist, sei dahingestellt. Die Regisseurin, so sagt sie, hat jedenfalls ihre Angst überwunden und ist bereit, den Sänger der „White Aryan Rebels“ zu treffen.

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