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„Big Manni“ in der ARD : Mit heißer Luft gebohrt

  • -Aktualisiert am

Hat großes vor: Big Manni Manfred Schmider (Hans-Jochen Wagner) in seiner Firma. Bild: SWR

Weder lustig noch ernst genug: Die Groteske „Big Manni“ erzählt von großem Betrug. So groß, dass die komödiantische Zuspitzung der Geschichte von „Flowtex“ hier fast zu klein gerät.

          Die Idee klang bestechend, technologisch zukunftsweisend und verhieß satte Gewinne. Viele wollten profitieren, und nicht zu knapp. Think Big Money, so waren die Neunziger. Der „Flowtex“-Skandal ist neben dem Fall des „Baulöwen“ Jürgen Schneider das anschaulichste Beispiel für die Großmannssucht, die dem Jahrzehnt nachgesagt wird. Aus beiden Betrugsfällen lassen sich Lehrstücke bilden, wie zuletzt in dem Dokudrama „Der Auf-Schneider“ halbwegs gelungen.

          Beim Frankfurter Immobilienunternehmer Schneider, der von den Banken immense Millionensummen zur Finanzierung teilweise nicht existenter Immobilien und minderwertiger Büroflächen bekam, versagten die Kontrollmechanismen der Kreditgeber und Behörden genauso wie bei Manfred Schmider, dem cleveren „Flowtex“-Gründer aus Karlsruhe. Beide beeindruckten durch großspuriges Auftreten und zur Schau gestellten Protz. Bei „Flowtex“ aber kommt die Nähe zur Landespolitik Baden-Württembergs hinzu. Wirtschaftsförderung, Ambitionen von Politikern und nicht zuletzt die persönliche Bereicherung vieler spielten eine Rolle im Netzwerk der gegenseitigen Beförderung der Interessen.

          Gassigehender Pensionär auf Mallorca

          Die Story vom findigen Typen mit Unternehmer-Gen, der einen neuartigen Wunderbohrer deutscher Ingenieurskunst auf den Markt brachte und damit, Millionenkredite hinterhergeschmissen, umgehend Weltmarktführer wurde, war zu schön. Zu schön, um wahr zu sein. Von den angeblich mehr als dreitausend Horizontalbohrmaschinen im internationalen Einsatz existierten weniger als zehn Prozent, und diese funktionierten nicht. Potemkinsche Bohrer. Als Schmider verhaftet wurde, waren die Pläne für den Börsengang seines Unternehmens weit gediehen. Frisches Kapital tat not, das Rad drehte sich immer schneller. Allein Leasingraten von siebzig Millionen D-Mark waren jeden Monat zu bedienen. Seine Luftnummern summierten sich schließlich zu einem Schaden von fast fünf Milliarden. Noch heute legt Schmider Wert darauf, dass „nur“ Banken geschädigt worden seien und keine Privatleute. Für ihn, der in der Begleitdoku zum Spielfilm „Big Manni“ ausreichend Gelegenheit zur Selbstdarstellung bekommt, scheinen die Vorgänge abstrakt geblieben zu sein. Tempi passati. Er hat sieben Jahre im Gefängnis gesessen und zeigt sich nun als gassigehender Pensionär auf Mallorca. Kein einziger Politiker (Ex-FDP-Fraktionsvorsitzender Jürgen Morlok, Ex-Ministerpräsident Erwin Teufel) wollte sich anscheinend vor der Kamera äußern. Lothar Späth ist bereits verstorben.

          Dass es sich bei Schmiders auf dem Schneeballsystem beruhenden Betrug nicht um ein Kavaliersdelikt gehandelt hat, das zeigt der Spielfilm „Big Manni“ (Regie Niki Stein, Buch Johannes W. Betz und Jürgen Rennecke, Kamera Michael Schreitel) in aller Deutlichkeit. Die Zusammenhänge, die das Hand-in-Hand-Spiel von Unternehmer, Banken und Politik konstruierten, werden weniger deutlich. Das liegt an der Form, die die Geschichte von „Flowtex“ als komödiantische Farce anpackt. Hier heißt Schmider Brenner und wird gespielt von Hans-Jochen Wagner, der vom Typ her zwar sehr gut passt, der unglaublichen Story drehbuchgemäß aber wenig Zwischentöne verleiht. Die gefühlt meiste Zeit verbringt man als Zuschauer mit den Figuren auf dem Golfplatz, was realistisch sein mag, der Dramatik aber wenig Drive verleiht.

          Anderes, wie die Eröffnung des eigenen Brenner-Flughafens, wirkt komödiantisch zu wenig zugespitzt. Überzeugend ist allein die Figur des Ministers Rettinger (Patrick von Blume), der eine schwülstig-pathetische Rede hält. Auch Nina Gnädig als Brenners Gattin Irene, Ben Braun als Brenners Bruder Markus, Jürgen Hartmann als Ingenieur Pfortner, Felix Eitner als Jugendfreund und Kommissar Bärlach, Robert Schupp als Banker Stoschek und Natalia Belitski als Rettingers Büroleiterin Felicia Brandt steht der Schelmenstückton des Films bei der Differenzierung ihrer Figuren im Weg. Das Ergebnis ist weder lustig noch ernst genug. Wenn schon Großbetrug als Komödie, dann lieber so überzogen wie in der komplett fiktionalen Betrugsgroteske „Vorsicht vor Leuten“ (mit Charly Hübner und Michael Maertens) von Arne Feldhusen.

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