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Mit Diane Kruger am Set von „The Bridge“ : Die Toten kontrollieren bitte ihren Atem!

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„Jetzt schreiben Sie bloß nicht, dass man hier alle Deutschen für Autisten hält,“ sagt Diane Kruger lachend - und spielt ihre Rolle als Autistin in „The Bridge“ Bild: FX Network

Es kommt selten vor, dass das amerikanische Fernsehen Europäer kopiert. Die Krimiserie „The Bridge“ macht eine Ausnahme. Die Schauspielerin Diane Kruger erzählt bei den Dreharbeiten, warum.

          „Ich schwitze“, klagt ein Komparse mit einer aufgeschminkten Kopfwunde in der Obduktionshalle des Leichenschauhauses von Los Angeles County. Die Dame von der Maske tupft seine Stirn ab, dann mahnt die Aufnahmeleiterin: „Okay, Leute, die Toten kontrollieren bitte ihren Atem, wir drehen!“ Gedreht wird hier, wo schon die sterblichen Überreste von Michael Jackson und Whitney Houston begutachtet wurden, eine Szene des amerikanischen Remakes der dänisch-schwedischen Koproduktion „Die Brücke“. Und als sich Matthew Lillard, der einen unsympathischen Journalisten spielt, angeekelt das Hemd vor die Nase hält, ist das nur halb gespielt. Es riecht tatsächlich befremdlich. Im Kühlraum nebenan lagern fast zweihundert echte Leichen.

          „Die Brücke“, die in Deutschland 2012 im mitproduzierenden ZDF zu sehen war, erzählt auf beklemmende Weise von den Ermittlungen einer schwedischen Polizistin mit Asperger-Syndrom und einem dänischen Kollegen im Fall eines Mordopfers (wie sich herausstellt, sind es zwei), das der Täter auf der Mitte der Öresund-Brücke zwischen Dänemark und Schweden ablegte. Die Adaption des Kabelsenders FX verlegt den Schauplatz an die mexikanisch-amerikanische Grenze, Diane Kruger spielt die weibliche Hauptrolle der Polizistin Sonya Cross in El Paso, Demian Bichir ist ihr mexikanischer Kollege Marco Ruiz. Diane Kruger, die aus Algermissen bei Hildesheim stammt und nach einer Model-Laufbahn in Frankreich, später in Amerika Kinokarriere mit Filmen wie „Troja“, „National Treasure“ und „Inglourious Basterds“ machte, dreht hier zum ersten Mal Fernsehen, und staunt, „wie sehr das ein Autoren-Medium ist. Beim Film ist der Regisseur der Gott, hier wechselt der Regisseur jede Woche, und die Autoren haben das Sagen.“

          Geniales Kombinationsvermögen

          Ursprünglich wollten der Schriftsteller und Drehbuchautor Elwood Reid („Hawaii Five-O“) und seine Kollegin Meredith Stiehm (sie erdachte die Krimireihe „Cold Case“ und schrieb zuletzt die Figur der Carrie Mathison in „Homeland“) die Serie an der kanadisch-amerikanischen Grenze ansiedeln, um die kühle Dunkelheit des Originals zu replizieren. „Aber bei FX wollte man unseren Vorschlag nicht einmal hören,“ sagt Meredith Stiehm, die jetzt außerdem mit Jerry Bruckheimer und Michael Bay an dem Kinofilm „Cocaine Cowboys“ arbeitet. „Ehrlich gesagt, wäre mir wohl spätestens bei Episode drei der Stoff ausgegangen“, sagt Reid. Stattdessen verfielen sie darauf, das Drama an die mexikanische Grenze zu verlegen, und über dieses Thema wollte FX schon länger ein Stück machen. Die sozialen Missstände, die der Mörder im Original anprangern will, sind hier die Gewaltkonflikte an der mexikanisch-amerikanischen Grenze.

          Diane Kruger sagt, sie sei nie darauf erpicht gewesen, eine Polizistin zu spielen. „Ist überhaupt nicht mein Ding, Waffen und so etwas. Aber mich interessierte diese Figur. Ich mag sie sehr, ich kann mich mit ihrer sozialen Unzulänglichkeit, diesem Gefühl, nicht dazuzupassen, identifizieren.“ Kruger spielt eine Frau mit dem Asperger-Syndrom, die über ein geniales Kombinationsvermögen verfügt und in ihrem Job alle in den Schatten stellt. Aber es fehlt ihr fast völlig an sozialer Feinmotorik. „Es ist ein bisschen traurig“, sagt Diane Kruger, „aber auch cool, wenn man die Nettigkeiten weglassen kann, die von einem erwartet werden.“ Sonya Cross ist manchmal fast eine Streberin, so sehr ist sie regulatorischen Mechanismen verhaftet, und sie sagt meist allzu direkt, was sie denkt. Dafür hat sie einen unvergleichlich scharfen Verstand.

          Nicht auf der Liste

          Im Kino, sagt Kruger, wäre eine solche Frau eine komische Figur. „Aber hier kann ich sie entwickeln und zeigen, wie sie mit den Schattenseiten ihrer Begabung ringt.“ In der Auftaktfolge befragt sie den Ehemann des Mordopfers, und mit stillem Entsetzen wird ihr klar, dass ihre krasse Direktheit den Trauernden völlig überfordert. „Möchten Sie ein Glas Wasser?“, fragt sie hilflos, zweimal.

          „Ist überhaupt nicht mein Ding, Waffen und so etwas. Aber mich interessierte diese Figur“: Kruger als geniale Ermittlerin Sonya Cross

          Das Asperger-Syndrom, erklärt Alex Plank, Autor der Website wrongplanet.net und Autismus-Berater am Set, sei ein weites, nichtlineares Spektrum. „Es ist nicht so, dass Menschen mit Asperger keine Empathie haben. Es fällt ihnen nur schwer, sie zum Ausdruck zu bringen.“ Plank wurde selbst mit Asperger diagnostiziert, hat aber gelernt, Augenkontakt zu halten und viele seiner „Seltsamkeiten“ zu kaschieren. Aber Diane Kruger berichtet, wie sie ihn zu einem „Tableread“, dem Lautlesen des Drehbuchs mit den Schauspielern, einlud. „Ich war ganz besorgt, als er nicht erschien,“ sagt sie, „denn Alex ist einer, der Verabredungen unbedingt einhält.“ Wie sich herausstellte, kam er nicht, weil sein Name nicht ausdrücklich auf der Liste der Teilnehmer stand - viele Menschen mit Asperger nehmen die Dinge allzu wörtlich.

          Deutsche Unverblümtheit und mexikanische Morde

          Plank wiederum erzählt, wie er bei einem Treffen mit Kruger einige Verhaltensmerkmale von Asperger-Menschen schilderte. „Ich sagte zu ihr: Manches davon machen Sie auch manchmal. Und sie sagte: Ja, ich bin halt deutsch.“ Auch Elwood Reid sagt, Krugers deutsche Unverblümtheit sei wie geschaffen für eine Figur, die Schwierigkeiten mit sozialer Geschmeidigkeit hat.

          “Jetzt schreiben Sie bloß nicht, dass man hier alle Deutschen für Autisten hält“, sagt Diane Kruger und lacht. Wir sitzen unter einem Sonnenzelt vor einer rotgetünchten Backsteinmauer mit ein paar vergitterten Fenstern in einem Viertel im Osten von Los Angeles, das für die mexikanische Grenzstadt Juárez steht. Das echte Juarez ist zu gefährlich zum Drehen, die Versicherung, sagt Reid, habe das abgeblockt. 3000 Morde wurden dort im vergangenen Jahr gezählt, eine Frauenmord-Serie mit 250 Opfern erschüttert die Stadt.

          Trotzdem wollte Kruger sich unbedingt vor Ort umschauen, also machte Reid, ein Zweimeter-Mann mit bestimmendem Auftreten, einen heimlichen Ausflug über die Grenze mit ihr, ohne Wissen des Senders. „Es war hellichter Tag,“ sagt Diane Kruger lapidar. „Jaja, die Leute sagen alle: Geh bloß nicht nach Juarez, das ist viel zu gefährlich! Und unter gewissen Bedingungen stimmt das wohl. Aber ich wollte mir ein Bild von der Stadt machen.“ Auf der amerikanischen Seite der Grenze, in El Paso, sagt Meredith Stiehm, herrsche Kleinstadtidylle, ganze fünf Morde verzeichnete die Polizei hier, und diese seltsame Grenzdynamik, sagen Stiehm und ihr Koautor, biete reichlich Serienstoff.

          Der Samen einer tollen Krimigeschichte

          In der Auftaktepisode sind ganze Szenen eins zu eins dem Original nachempfunden. „Was funktioniert, wollten wir nicht verändern. Aber da, wo es hakt, haben wir Dinge verändert“, sagt Meredith Stiehm. So habe sie die weibliche Hauptfigur, im Original von Sofia Helin verkörpert, nicht gemocht. „Sie erschien mir hart, unnahbar, irgendwie unsympathisch. Zunächst dachte ich: Aha, die toughe Ermittlerin, na, das habe ich ja schon hundertmal gesehen.“ Sie habe eine Weile gebraucht, um die Besonderheit, im Original subtil inszeniert, zu kapieren, und deswegen habe man die Figur der Sonya erklärt - indem sie zum Beispiel zu dem Ehemann des Mordopfers sagt: „Es tut mir leid, dass ich nicht mehr Empathie zum Ausdruck gebracht habe.“

          Diane Kruger kämpft unterdessen mit den technischen Anforderungen des Jobs. Sie hebt die Arme und zeigt blaue Flecken auf den Unterseiten ihrer Oberarme. „Da ist mir heute früh das Pistolenholster gegen geschlagen, als ich einen Sprint hinlegen musste.“ Sie grinst. „Ich sagte Ihnen ja, ich bin nicht gut mit Waffen. Die Jungs am Set amüsieren sich königlich, weil mir ständig eine Kanone aus der Hand rutscht oder das Holster zu Boden fällt.“ Zum Glück, sagt sie, ist Sonya nicht in erster Linie eine waffenschwingende Polizistin.

          Elwood Reid hofft, mit der Serie etwas Ähnliches zu erreichen, wie es „Homeland“ gelang - ein Remake mit einer eigenen Signatur. „Ich möchte den Samen einer tollen Krimigeschichte pflanzen,“ sagt er, „und von der zweiten Staffel an haben wir freie Bahn.“

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