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Mit Diane Kruger am Set von „The Bridge“ : Die Toten kontrollieren bitte ihren Atem!

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„Ist überhaupt nicht mein Ding, Waffen und so etwas. Aber mich interessierte diese Figur“: Kruger als geniale Ermittlerin Sonya Cross

Das Asperger-Syndrom, erklärt Alex Plank, Autor der Website wrongplanet.net und Autismus-Berater am Set, sei ein weites, nichtlineares Spektrum. „Es ist nicht so, dass Menschen mit Asperger keine Empathie haben. Es fällt ihnen nur schwer, sie zum Ausdruck zu bringen.“ Plank wurde selbst mit Asperger diagnostiziert, hat aber gelernt, Augenkontakt zu halten und viele seiner „Seltsamkeiten“ zu kaschieren. Aber Diane Kruger berichtet, wie sie ihn zu einem „Tableread“, dem Lautlesen des Drehbuchs mit den Schauspielern, einlud. „Ich war ganz besorgt, als er nicht erschien,“ sagt sie, „denn Alex ist einer, der Verabredungen unbedingt einhält.“ Wie sich herausstellte, kam er nicht, weil sein Name nicht ausdrücklich auf der Liste der Teilnehmer stand - viele Menschen mit Asperger nehmen die Dinge allzu wörtlich.

Deutsche Unverblümtheit und mexikanische Morde

Plank wiederum erzählt, wie er bei einem Treffen mit Kruger einige Verhaltensmerkmale von Asperger-Menschen schilderte. „Ich sagte zu ihr: Manches davon machen Sie auch manchmal. Und sie sagte: Ja, ich bin halt deutsch.“ Auch Elwood Reid sagt, Krugers deutsche Unverblümtheit sei wie geschaffen für eine Figur, die Schwierigkeiten mit sozialer Geschmeidigkeit hat.

“Jetzt schreiben Sie bloß nicht, dass man hier alle Deutschen für Autisten hält“, sagt Diane Kruger und lacht. Wir sitzen unter einem Sonnenzelt vor einer rotgetünchten Backsteinmauer mit ein paar vergitterten Fenstern in einem Viertel im Osten von Los Angeles, das für die mexikanische Grenzstadt Juárez steht. Das echte Juarez ist zu gefährlich zum Drehen, die Versicherung, sagt Reid, habe das abgeblockt. 3000 Morde wurden dort im vergangenen Jahr gezählt, eine Frauenmord-Serie mit 250 Opfern erschüttert die Stadt.

Trotzdem wollte Kruger sich unbedingt vor Ort umschauen, also machte Reid, ein Zweimeter-Mann mit bestimmendem Auftreten, einen heimlichen Ausflug über die Grenze mit ihr, ohne Wissen des Senders. „Es war hellichter Tag,“ sagt Diane Kruger lapidar. „Jaja, die Leute sagen alle: Geh bloß nicht nach Juarez, das ist viel zu gefährlich! Und unter gewissen Bedingungen stimmt das wohl. Aber ich wollte mir ein Bild von der Stadt machen.“ Auf der amerikanischen Seite der Grenze, in El Paso, sagt Meredith Stiehm, herrsche Kleinstadtidylle, ganze fünf Morde verzeichnete die Polizei hier, und diese seltsame Grenzdynamik, sagen Stiehm und ihr Koautor, biete reichlich Serienstoff.

Der Samen einer tollen Krimigeschichte

In der Auftaktepisode sind ganze Szenen eins zu eins dem Original nachempfunden. „Was funktioniert, wollten wir nicht verändern. Aber da, wo es hakt, haben wir Dinge verändert“, sagt Meredith Stiehm. So habe sie die weibliche Hauptfigur, im Original von Sofia Helin verkörpert, nicht gemocht. „Sie erschien mir hart, unnahbar, irgendwie unsympathisch. Zunächst dachte ich: Aha, die toughe Ermittlerin, na, das habe ich ja schon hundertmal gesehen.“ Sie habe eine Weile gebraucht, um die Besonderheit, im Original subtil inszeniert, zu kapieren, und deswegen habe man die Figur der Sonya erklärt - indem sie zum Beispiel zu dem Ehemann des Mordopfers sagt: „Es tut mir leid, dass ich nicht mehr Empathie zum Ausdruck gebracht habe.“

Diane Kruger kämpft unterdessen mit den technischen Anforderungen des Jobs. Sie hebt die Arme und zeigt blaue Flecken auf den Unterseiten ihrer Oberarme. „Da ist mir heute früh das Pistolenholster gegen geschlagen, als ich einen Sprint hinlegen musste.“ Sie grinst. „Ich sagte Ihnen ja, ich bin nicht gut mit Waffen. Die Jungs am Set amüsieren sich königlich, weil mir ständig eine Kanone aus der Hand rutscht oder das Holster zu Boden fällt.“ Zum Glück, sagt sie, ist Sonya nicht in erster Linie eine waffenschwingende Polizistin.

Elwood Reid hofft, mit der Serie etwas Ähnliches zu erreichen, wie es „Homeland“ gelang - ein Remake mit einer eigenen Signatur. „Ich möchte den Samen einer tollen Krimigeschichte pflanzen,“ sagt er, „und von der zweiten Staffel an haben wir freie Bahn.“

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