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HBO-Serie „The Night Of“ : Die Wahrheit kannst du vergessen

Eigentlich traut niemand diesem Jungen etwas Schlechtes zu. Und doch halten alle Naz (Riz Ahmed) für einen Mörder. Bild: Sky/HBO

Der amerikanische Sender HBO hat ein Drama produziert, das an die besten Tage der „Sopranos“ und von „The Wire“ anknüpfen will: „The Night Of“ ist die Serie, die man in diesem Sommer gesehen haben muss.

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          Spätestens nach einer halben Stunde Weges hinein in diese Kriminalgeschichte, deren Protagonist in einem geklauten Taxi durch das nächtliche Manhattan mit seinen düster-schönen Lichtern Richtung Verderben treibt, ist klar: Das hier wird gut, sogar richtig gut und immer besser, je tiefer der schlaksige junge Mann mit den großen braunen Augen in den Sog des Dunkels gerät, das ihn als netten Jungen von nebenan verschlingt und ausspuckt als vermeintlichen Mörder, mitten in das Räderwerk eines Justizsystems, das für Polizisten, Verteidiger, Staatsanwälte doch nur Teil eines großen Clubs ist, in dem einer vom anderen abhängt - und Nasir „Naz“ Khan (Riz Ahmed) schlechte Karten hat.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wie sollte es auch anders sein. Irgend so ein Moslem-Kid aus Queens habe eine junge Frau abgestochen, rafft ein Cop auf dem Revier die Ereignisse zusammen und hämmert auf den Getränkeautomaten ein, damit der endlich eine Cola auswirft. Es ist noch nicht Morgen, die Schicht will nicht enden, aber was ist alles geschehen: Es füllt die ganze kinofilmlange erste Folge der achtteiligen Miniserie „The Night Of“, mit der HBO an seine großen Serien wie „The Sopranos“ und „The Wire“ anknüpfen will und es tut. Was umso überraschender ist, als der Plot geradezu bestürzend unüberraschend klingt und eine der Stützen des Projekts, der „Sopranos“-Star James Gandolfini, der für die Rolle des Strafverteidigers gesetzt war und im Vorspann noch als Koproduzent auftaucht, während der Dreharbeiten zum Pilotfilm starb

          Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

          Erst wurde Robert de Niro als Ersatz für Gandolfini gehandelt, dann übernahm John Turturro die Rolle des gleichermaßen abgehalfterten wie abgezockten Gerichtshaudegen Jack Stone. Und wie er auf Fischzug nach vielversprechenden Fällen durch die U-Haft-Zellen streift und die Frage des Richters: „Nur aus Interesse: Freund der Familie oder zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen?“, mit menschenfreundlichster Verschlagenheit beantwortet, sucht seinesgleichen: „Zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ Denn alles in diesem Fall deutet darauf hin, dass Naz einen Mord begangen hat, so blutig, dass selbst Cops, die schon alles gesehen haben, hundeelend wird. Doch für Naz selbst und den Zuschauer klafft ein schwarzes Loch in der fraglichen Nacht, ein Blackout, um den herum alles andere sich gruppiert. Was nur einer von vielen abgegriffenen Topoi des Kriminalfilms ist, denen die Serie zu neuem Glanz verhilft.

          Windig und durchtrieben: Der Anwalt Jack Stone (John Turturro) wirkt nur bedingt vertrauenerweckend.

          Mit beinahe protokollarischer Genauigkeit und zugleich fast schlafwandlerischer Bildregie, die mit Schärfe und Unschärfe spielt und mit Vorliebe Szenen nur aus der Perspektive einer Kamera - oder einer Überwachungskamera - zeigt, folgt schon die erste Episode jeder Bewegung des jungen Mannes: Er wohnt noch bei seinen Eltern, pakistanischen Einwanderern, ein guter muslimischer Junge, College-Student, strebsam, kein Draufgänger. Nach dem Willen seiner Mutter soll er nicht mit den schwarzen Jungs vom Block auf dieser Party am Abend abhängen. Für die Schwarzen, denen er begegnet, ist er ohnehin nur „ein Araber“.

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