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Sabotage bei Twitter : Mit der Maschine Meinung machen

  • -Aktualisiert am

Von Maschinenbotschaften überspült: der Kommunikationsdienst Twitter Bild: AFP

Beim Nachrichtendienst Twitter werden über „Bots“ massenhaft Kommentare verbreitet. Sie gaukeln vor, da sprächen echte Menschen. Solche Fälschungen gibt es bei Wladimir Putin, Hillary Clinton und Donald Trump. Was tut Twitter dagegen?

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          Als der russische Regierungskritiker Boris Nemzow im Februar 2015 auf offener Straße erschossen wurde, twitterte ein Nutzer namens „JulianAmaya16“: „Die Ukrainer töteten Nemzow aus Eifersucht.“ Das Besondere an diesem Tweet war, dass er nicht von einem Menschen, sondern einem Computer geschrieben wurde. Dem amerikanischen Journalisten Alec Luhn war aufgefallen, dass genau der gleiche Inhalt von mehreren Accounts gleichzeitig verschickt wurde. Das Gerücht war gesetzt. Sogenannte Bots generieren millionenfach Tweets auf dem Kurznachrichtendienst. „Astroturfing“ nennt man die Methode, bei der mittels Algorithmen und automatisierten Skripts konzertierte Kommentare lanciert werden. Russlands Präsident Wladimir Putin beschäftigt eine ganze Twitter-Armee, die den Kurznachrichtendienst systematisch mit propagandistischen Beiträgen bombardiert. Und er ist nicht der einzige.

          Politiker entdecken Twitter-Bots als Werkzeug, um ihr Image aufzubessern oder missliebige Beiträge zu unterdrücken. Der mexikanische Präsident Enrique Peña Nieto soll dem Vernehmen nach 75.000 Fake-Accounts auf Twitter aktiviert haben, um Oppositionelle und Regierungskritiker zum Schweigen zu bringen. Die Journalistin Erin Gallagher und der Blogger Alberto Escorcia stellten fest, dass die mit dem Hashtag #YaMeCanse („Ich bin müde“) verschlagworteten Suchergebnisse, in denen sich Aktivisten über das mysteriöse Verschwinden von 43 Studenten austauschen, mit Spam-Tweets geflutet wurden und in der Folge aus den „Trending Topics“ flogen. Gallagher und Escorcia analysierten daraufhin weitere Hashtags und identifizierten ähnliche Bots, die den kritischen Diskurs auf Twitter sabotierten. Forscher fanden heraus, dass Peña Nieto schon bei den Wahlen 2012 Bots eingesetzt hatte (sogenannte „Peñabots“), um Beiträge seiner Partido Revolucionario Institucional in den „Trending Topics“ von Twitter zu plazieren: der Roboter als Spin-Doktor. Der venezolanische Staatspräsident Nicolás Maduro versuchte, mit Fake-Accounts seine miserablen Popularitätswerte (teils unter zwanzig Prozent) aufzuwerten. Bots machten ihn zeitweise zur Person mit den drittmeisten Retweets weltweit. Allein, die digitalen Pappkameraden gereichten ihm nicht zur Schützenhilfe - Maduro verlor die Parlamentswahl im Dezember 2015 und könnte bald abgewählt werden.

          Fast zehn Prozent der Nutzer sind Bots

          Die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton soll laut einer Analyse von „Twitteraudit“ unter ihren Followern auf Twitter mehr als eine Million Fake-Accounts haben - ebenso viele wie Donald Trump. All diese Fälle deuten auf die Dimension des Phänomens. Einer Untersuchung der amerikanischen Börsenaufsicht SEC zufolge handelt es sich bei 8,5 Prozent aller Twitter-Nutzer um Bots. Und das ist eine recht konservative Schätzung. In Wahrheit dürfte die Zahl weit höher liegen. Eine ganze Armada von Fake-Accounts flattert durchs Twitter-Universum. Zwar kann man mit speziellen Softwaretools wie „BotOrNot“ Pseudoprofile filtern. Twitter löscht auch regelmäßig Fake-Accounts. Doch die Bots werden für das Unternehmen zunehmend zum Problem.

          Einen Twitter-Bot zu basteln ist relativ simpel. Ein paar Zeilen Programmiercode genügen. Im Internet gibt es detaillierte Anleitungen für Auto-Retweets oder Favor-Bots (die maschinell Tweets favorisieren). Es ist ein regelrechter Schwarzmarkt für Bots entstanden. Auf Seiten wie www.buycheapfollowersfast.com kann man für läppische neun Dollar 3000 Follower kaufen und so seine digitale Anhängerbasis verbreitern. Twitter kommt mit der Löschung von Accounts kaum hinterher - zumal die Bots immer intelligenter werden.

          Verstopftes Tor zur Welt

          Selten war Meinungsmache so einfach. Dabei ist Twitter ein wichtiges Kommunikationsmittel und gerade für Dissidenten in autoritären Regimen eine wichtige Plattform, um Protest zu artikulieren und zu organisieren. Twitter ist - neben Facebook - insbesondere für Jugendliche das Tor zur Welt. Die jüngere Generation bezieht Nachrichten immer mehr aus sozialen Netzwerken. Doch der Nutzer weiß womöglich gar nicht, dass hinter einem nett lächelnden Menschen ein Bot steckt.

          Fake-Accounts sind also ein politisches Problem. Die Frage ist, wie verzerrt das Meinungsbild auf Twitter wirklich ist und welche Implikationen es für den politischen Diskurs hat, wenn hochgerüstete Bot-Armeen in den Propagandakrieg geschickt werden und Regierungen soziale Netzwerke mit ihnen zugeneigten Beiträgen infiltrieren. Darf man Algorithmen zu Debatten zulassen? Und wenn ja - fallen sie in den Schutzbereich der Meinungsfreiheit? Der Kommunikationswissenschaftler Philip N. Howard, der an der University of Washington und am Oxford Internet Institute lehrt und das Phänomen erforscht hat, sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: „Bots gehen über die ethischen Grenzen von Negativwerbung hinaus, indem sie Wähler mit falschen Tatsachenbehauptungen bombardieren.“ Politische Algorithmen seien prinzipiell schwer zu verstehen, weil die Inhalte, die sie produzierten, von den Interaktionen der anderen Twitter-Nutzer abhingen. Der Algorithmus selbst könne als so etwas wie der „Sprechakt eines Computerprogramms“ begriffen werden - in diesem Fall hätte aber der Programmierer und nicht der Algorithmus das Recht auf freie Meinungsäußerung.

          Fragt sich bloß, wo die Grenzen liegen. Filippo Menczer, Professor für Informatik und Computerwissenschaft an der Indiana University, der das Softwaretool „BotOrNot“ entwickelt hat, sagt auf Anfrage: „Soziale Medien können leicht dazu missbraucht werden, den öffentlichen Diskurs zu verfälschen und Meinungen und Entscheidungen zu manipulieren - vielleicht sogar bei Wahlen.“ Die Beeinflussung einer Wahlentscheidung habe eine andere Qualität als die einer Kaufentscheidung. In einigen Länder bedrohe dieser Missbrauch die Demokratie und die Sicherheit. „Wir müssen uns der Gefahren durch die Verbreitung von Fehlinformationen in sozialen Netzwerken bewusst sein“, warnt Menczer. Wenn derjenige, der die größten technischen Kapazitäten und die besten Programmierer hat, die Deutungshoheit in sozialen Netzwerken erlangt, wird das Ringen um das beste Argument ad absurdum geführt. Sollte Twitter die Bot-Problematik nicht in den Griff bekommen, verliert das Medium weiter an Glaubwürdigkeit und als Mittel demokratischer Kommunikation am Ende jeden Wert.

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