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Sabotage bei Twitter : Mit der Maschine Meinung machen

  • -Aktualisiert am

Einen Twitter-Bot zu basteln ist relativ simpel. Ein paar Zeilen Programmiercode genügen. Im Internet gibt es detaillierte Anleitungen für Auto-Retweets oder Favor-Bots (die maschinell Tweets favorisieren). Es ist ein regelrechter Schwarzmarkt für Bots entstanden. Auf Seiten wie www.buycheapfollowersfast.com kann man für läppische neun Dollar 3000 Follower kaufen und so seine digitale Anhängerbasis verbreitern. Twitter kommt mit der Löschung von Accounts kaum hinterher - zumal die Bots immer intelligenter werden.

Verstopftes Tor zur Welt

Selten war Meinungsmache so einfach. Dabei ist Twitter ein wichtiges Kommunikationsmittel und gerade für Dissidenten in autoritären Regimen eine wichtige Plattform, um Protest zu artikulieren und zu organisieren. Twitter ist - neben Facebook - insbesondere für Jugendliche das Tor zur Welt. Die jüngere Generation bezieht Nachrichten immer mehr aus sozialen Netzwerken. Doch der Nutzer weiß womöglich gar nicht, dass hinter einem nett lächelnden Menschen ein Bot steckt.

Fake-Accounts sind also ein politisches Problem. Die Frage ist, wie verzerrt das Meinungsbild auf Twitter wirklich ist und welche Implikationen es für den politischen Diskurs hat, wenn hochgerüstete Bot-Armeen in den Propagandakrieg geschickt werden und Regierungen soziale Netzwerke mit ihnen zugeneigten Beiträgen infiltrieren. Darf man Algorithmen zu Debatten zulassen? Und wenn ja - fallen sie in den Schutzbereich der Meinungsfreiheit? Der Kommunikationswissenschaftler Philip N. Howard, der an der University of Washington und am Oxford Internet Institute lehrt und das Phänomen erforscht hat, sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: „Bots gehen über die ethischen Grenzen von Negativwerbung hinaus, indem sie Wähler mit falschen Tatsachenbehauptungen bombardieren.“ Politische Algorithmen seien prinzipiell schwer zu verstehen, weil die Inhalte, die sie produzierten, von den Interaktionen der anderen Twitter-Nutzer abhingen. Der Algorithmus selbst könne als so etwas wie der „Sprechakt eines Computerprogramms“ begriffen werden - in diesem Fall hätte aber der Programmierer und nicht der Algorithmus das Recht auf freie Meinungsäußerung.

Fragt sich bloß, wo die Grenzen liegen. Filippo Menczer, Professor für Informatik und Computerwissenschaft an der Indiana University, der das Softwaretool „BotOrNot“ entwickelt hat, sagt auf Anfrage: „Soziale Medien können leicht dazu missbraucht werden, den öffentlichen Diskurs zu verfälschen und Meinungen und Entscheidungen zu manipulieren - vielleicht sogar bei Wahlen.“ Die Beeinflussung einer Wahlentscheidung habe eine andere Qualität als die einer Kaufentscheidung. In einigen Länder bedrohe dieser Missbrauch die Demokratie und die Sicherheit. „Wir müssen uns der Gefahren durch die Verbreitung von Fehlinformationen in sozialen Netzwerken bewusst sein“, warnt Menczer. Wenn derjenige, der die größten technischen Kapazitäten und die besten Programmierer hat, die Deutungshoheit in sozialen Netzwerken erlangt, wird das Ringen um das beste Argument ad absurdum geführt. Sollte Twitter die Bot-Problematik nicht in den Griff bekommen, verliert das Medium weiter an Glaubwürdigkeit und als Mittel demokratischer Kommunikation am Ende jeden Wert.

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