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„Mission Kabul-Luftbrücke“ : Die Deutschen sind weg, die Taliban sind da

Vermummt: Straßenkontrolle in Kabul Bild: rbb/DOCDAYS Productions

Der Film „Mission Kabul-Luftbrücke“ schildert, wie von den Taliban verfolgte Afghanen unter großer Gefahr entkommen. Sie hofften auf die Bundesregierung – doch die ließ sie im Stich.

          3 Min.

          Ein Kleinbus windet sich auf Serpentinen durch die Nacht. Im spärlich beleuchteten Innenraum sitzen fünf Kinder einer afghanischen Familie. Sie sollen sicher an den Taliban-Checkpoints vorbei über die Grenze nach Pakistan gebracht werden – um irgendwann hoffentlich mit ihrer Mutter und der ältesten Schwester vereint zu werden, denen die Flucht nach Deutschland gelang. Die Kinder haben Dramatisches durchgemacht: Sie waren vor ihren Stiefbrüdern geflohen, die den Taliban angehören. Die Brüder terrorisierten die Stiefgeschwister, sperrten sie ein und ermordeten schließlich sogar den Vater.

          Christian Meier
          Politischer Korrespondent für den Nahen Osten und Nordostafrika.

          Nach der Machtübernahme der Taliban am 15. August 2021 verstecken sich die fünf Geschwister in Kabul, nachdem sie tagelang vergeblich im Chaos am Flughafen ausgeharrt hatten. Freiwillige der Initiative Kabul-Luftbrücke wurden auf die traumatisierten Kinder aufmerksam gemacht und kümmerten sich fortan um sie. Sie hofften, die fünf könnten „Anfang nächsten Jahres“ nach Deutschland fliegen, sagt eine Aktivistin im Herbst 2021 zu den Kindern. Wie sich herausstellen wird, lässt sich das nicht einlösen.

          Warum das nicht gelingt, ist eine der Fragen, welchen die RBB-Dokumentation „Mission Kabul-Luftbrücke“ nachgeht, in der die Geschichte der fünf Kinder einen der Erzählstränge bildet. Heute läuft die Produktion der Firma Docdays im Ersten; in der ARD-Mediathek ist eine deutlich längere vierteilige Fassung verfügbar.

          Ein deutlich hörbarer Grundton der Kritik

          Die Geschichte ist wahrhaft filmreif: Angesichts der sich überstürzenden Ereignisse in Afghanistan und der Gefahr, die für viele liberale Afghanen von den Taliban ausgeht, schließt sich eine Handvoll Journalisten und Aktivisten in Deutschland spontan zu einer Hilfsinitiative zusammen mit dem Ziel, auf eigene Faust gefährdeten Afghanen die Flucht zu ermöglichen.

          Im Zentrum steht die Journalistin Theresa Breuer, die in Afghanistan gelebt hat und das Gesicht und einer der Motoren des Projekts ist. Wiederholt reist sie nach Kabul und Pakistan, um die Konvois für schutzbedürftige Afghanen zu organisieren – gefährlich deswegen, weil genau diejenigen außer Landes gebracht werden sollen, denen die Taliban feindlich gesonnen sind. Dabei konzentriert sich die Luftbrücke auf Personen, die für Deutschland gearbeitet und daher von der Bundesregierung eine Aufnahmezusage erhalten haben. Damit ist eine politische Kritik verbunden, die der Dokumentation als deutlich hörbarer Grundton unterlegt ist. Es gehe um „die Leute, die von unserem Land im Stich gelassen worden sind“, sagt Breuer an einer Stelle mit Blick auf die Rettungsflüge der Bundeswehr, die Ende August 2021 eingestellt wurden, nur zwei Wochen nach der Machtübernahme der Taliban.

          Er hatte als Kind immer ein Held sein wollen

          Das Anliegen der Initiatoren ist zutiefst humanitär. Offen sprechen die Verantwortlichen der Kabul-Luftbrücke aber darüber, dass es ein weiteres Ziel war, die deutsche Regierung bloßzustellen, die weitere Evakuierungsflüge für zu gefährlich befand: Die Aktivisten „wollten zeigen, dass es geht“, sagt Ruben Neugebauer, bei dem im Berliner Hauptquartier die Fäden zusammenlaufen. Aus diesem Grund chartert die Kabul-Luftbrücke im Oktober sogar ein Flugzeug und bringt 148 Afghanen nach Islamabad. Die spektakuläre Aktion ist aber zu teuer, als dass die spendenfinanzierte Initiative sie wiederholen könnte; fortan konzentriert sie sich auf Transporte auf dem Landweg nach Pakistan. Auch ehemalige Mitarbeiter des Autors dieses Artikels wurden von der Kabul-Luftbrücke unterstützt.

          Trailer : „Mission Kabul-Luftbrücke“

          Die Dokumentation begleitet mehrere Familien, die diesen Weg ins Ungewisse gehen. Meist haben sie, wie die fünf Geschwister, schlimme Erfahrungen gemacht. Hinzu kommt das Verlassen der Heimat, das vielen Afghanen sichtlich schwerfällt. Die Kamera ist nah dran an Breuer und den Protagonisten. Das hängt damit zusammen, dass die Kamerafrau Vanessa Schlesier, neben Antje Boehmert und Ronald Rist eine der Autorinnen der Dokumentation, selbst für die Kabul-Luftbrücke tätig war – ein Umstand, der nicht explizit thematisiert wird.

          Die wiederholt geübte Kritik an der Bundesregierung, deren Aufnahmeprozesse in der Tat schleppend verliefen, hat wiederum das Manko, dass nur die Perspektive der Aktivisten wiedergegeben wird. Es bleibt unklar, ob sich im Auswärtigen Amt und im Innenministerium niemand zu den Vorwürfen äußern wollte oder ob nicht gefragt wurde. So wirkt die Dokumentation mitunter wie eine abgefilmte Pressekonferenz der Kabul-Luftbrücke.

          Ungeachtet dessen ist das Material zutiefst beeindruckend. Zu sehen ist, wie afghanische Evakuierungshelfer ihr eigenes Leben gefährden, um Landsleuten bei der Flucht zu helfen. Einer von ihnen, ein Afghane namens Mojeeb, sagt, er habe als Kind immer ein Held sein wollen. Was er gerade tue, sei riskant; aber „vielleicht werden ein oder zwei Leute stolz auf mich sein“. Es dürften etwas mehr sein: Etwa 2500 Menschen hat die Kabul-Luftbrücke im Laufe eines Jahres aus Afghanistan gebracht. Manche warten indessen bis heute auf das Visum für Deutschland – etwa die fünf Geschwister aus Kabul. In den letzten Aufnahmen aus Islamabad wirken sie immerhin ganz anders als zu Beginn ihres Wegs: wie Kinder, die auch einmal unbeschwert sein können.

          Mission Kabul-Luftbrücke läuft an diesem Montag um 22.20 Uhr in der ARD. Abrufbar in der Mediathek.

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