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TV-Doku über Kanadas Indianer In einem Land voller versehrter Seelen

Heil wirkt allein die schneebedeckte Landschaft: Der Dokumentarfilmer Gwenlaouen Le Gouil schildert auf Arte die grausamen Verbrechen, die an der indigenen Bevölkerung in Kanada verübt wurden.

Von Ursula Scheer

Klagt an: Edmund Metatawabin warals Kind Schüler in einer der „Residental Schools“, in denen Kinder indigener Eltern von Missionaren „umerzogen“ werden sollten.
© © Gwenlaouen Le Gouil
Klagt an: Edmund Metatawabin warals Kind Schüler in einer der „Residental Schools“, in denen Kinder indigener Eltern von Missionaren „umerzogen“ werden sollten.

Man wollte meinen, solche Geschichten gehörten einer weit zurückliegenden, längst überwundenen und aufgearbeiteten Vergangenheit voller Grausamkeit an. Doch für Menschen wie Edmund Metatawabin sind sie lebendige Erinnerungen an ungesühnte Verbrechen, die ihre zerstörerische Wirkung bis in die Gegenwart hinein entfalten.

„Sie steckten mich in ein Gefängnis, das sie Reservat nannten“, erzählt der 1948 geborene frühere Chief der Fort Albany First Nation in Ontario. Von seiner Familie getrennt, wurde er als Junge acht Jahre lang von Missionaren in einer der „Residential Schools“ unterrichtet. In diese Internate mussten Indigene ihre Kinder schicken, wollten sie nicht auf staatliche Unterstützung verzichten. Edmund Metatawabin sagt, er habe Schreckliches erlebt. „In der Schule musste ich zweimal auf den elektrischen Stuhl“ – das Folterinstrument sei in der Lehranstalt, die „den Indianer im Kind“ töten wollte, zur Bestrafung eingesetzt worden. Schülerinnen und Schüler hätten ihre Muttersprachen nicht mehr sprechen dürfen, seien geschlagen und gezwungen worden, ihr Erbrochenes zu essen – und vielfach Opfer sexuellen Missbrauchs geworden. Tausende bis heute ungeklärte Todesfälle soll es an den Schulen gegeben haben.

Fordert Aufklärung: Der Politiker Charlie Angus setzt sich seit Jahrzehnten für die indigenen Völker Kanadas ein.
© © Gwenlaouen Le Gouil
Fordert Aufklärung: Der Politiker Charlie Angus setzt sich seit Jahrzehnten für die indigenen Völker Kanadas ein.

Der preisgekrönte französische Dokumentarfilmer Gwenlaouen Le Gouil nimmt sich in seiner Vor-Ort-Recherche dieses im neunzehnten Jahrhundert begonnenen und erst mit der Schließung der letzten „Residential School“ 1996 beendeten „kulturellen Genozids“ an, der nicht nur ehemalige Schüler beschädigt entlassen hat, sondern für Traumata verantwortlich ist, die von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. In „Misshandelt und umerzogen: Kanadas First Nations“ schlägt Le Gouil den Bogen vom überwundenen Umerziehungsprogramm zur Situation der indigenen Bevölkerung heute.

In der Hauptstadt des Verbrechens

Dabei richtet er sein Augenmerk vor allem auf Thunder Bay, die Hauptstadt des Verbrechens in der Provinz Ontario. Nirgendwo sonst in Kanada werden so viele Morde begangen wie hier. Groß ist die Zahl obdachloser Indigener auf den Straßen: Sie haben die Reservate verlassen, weil sie auf bessere Zukunftsaussichten in der Stadt hofften, sind aber dem Alkohol oder anderen Drogen verfallen. Vor allem Frauen schweben hier in Gefahr. Ihr Risiko, zu verschwinden oder ermordet zu werden, sei siebenmal so hoch wie das weißer Frauen, referiert Le Gouil und holt Betroffene vor die Kamera: Frauen und Männer, deren Nichten oder Töchter tot aufgefunden oder nie mehr gesehen wurden, ohne dass die Polizei die Umstände je hätte erhellen können – oder wollen. Neun solcher Fälle mussten die Behörden in Thunder Bay jüngst neu aufrollen, weil ihnen „struktureller Rassismus“ bei den Ermittlungen nachgewiesen worden war. Eine der Frauen, mit denen Le Gouil spricht, gibt an, mehrfach von Polizisten vergewaltigt worden zu sein. Eine andere konstatiert, Nachkommen der Ureinwohner gälten als Menschen zweiter Klasse.

Durch hüfthohen Schnee stapfen die Protagonisten des Films zu mutmaßlichen Tatorten, heiligen oder verfluchten Orten. Der Filmemacher und sein Kameramann Christophe Barreyre folgen ihnen. Sie sind dabei, wenn Opfer der Umerziehungsschulen, unterstützt von dem Politiker Charlie Angus, in Winnipeg demonstrieren und Aufklärung statt Beschwichtigung fordern. Die Lebenszeugnisse der Menschen, oft genug mit zahnlosen Mündern gesprochen, sind ergreifend. Le Gouil hat sich bei seiner Arbeit immer als Anwalt der Menschenrechte verstanden und Härten nie gescheut: Bei Dreharbeiten zu einer Dokumentation über Menschenhandel in Somalia wurde er 2007 entführt. Sein jüngster Film führt das Publikum wieder dahin, wo es schmerzt. Doch dort lässt er es mit zu vielen offenen Fragen zurück.

Trudeaus uneingelöstes Versprechen

Dass Premierminister Justin Trudeau Schritte Richtung Anerkennung des Leids unternommen hat, reißt Le Gouil an; dass sie aus Sicht der Betroffenen nicht weit genug gehen, ebenso. Doch vieles bleibt vage. Wie genau sieht der „Indian Act“ aus, der immer noch die juristische Grundlage für Belange der Indigenen bildet? Es bleibt unklar, wie Namen oder Alter vieler Protagonisten. Dass die Entschädigungsprozesse rund um die „Residential Schools“ mit Initiativen, die Klage gegen das tausendfache Verschwinden indigener Frauen erheben, in der Dokumentation ineinanderfließen, dient gleichfalls nicht der Präzision. Wurden neue Programme zur Gewaltprävention aufgelegt? Oder eben nicht? Was folgte in der Bildungspolitik auf die Zwangsbeschulung? Wir erfahren es nicht. Am Ende fliegt die Kamera wieder über endlos verschneite Weiten, ein Land voller versehrter Seelen unter einer weißen Decke. Und es bleibt ein Gefühl der Betroffenheit.