https://www.faz.net/-gqz-9c2

Minutenprotokoll : Strauss-Kahn in Frankreichs Medien

Medienvertreter vor dem Hauptquartier der französischen Sozialisten Bild: dapd

Eben noch hatten die französischen Medien einen klaren Schuldverdächtigen, nun soll alles anders gewesen sein. Bei den Sozialisten herrscht Erleichterung, das Regierungslager schweigt. Eine neue politische Dramaturgie zeichnet sich ab

          2 Min.

          Die neuesten Nachrichten aus New York sind so unfassbar, wie es einst auch jene von der Verhaftung Dominique Strauss-Kahns war. In sich gegangen waren damals die Franzosen und hatten das „Ende der sexuellen Ausnahme“ verkündet. Die Medien übten Selbstkritik und versprachen eine neue Gangart. Frauenpower an allen Fronten: Christine Lagarde, Martine Aubry, Eva Joly. Ein paar Wochen haben das Land verändert. Und nun soll alles ganz anders gewesen sein – fast schon ein Justizirrtum?

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Wie schnell alles gehen kann, zeigten die Morgenstunden des Freitags. Um 3.27 Uhr meldet das Internetportal des Nachrichtenmagazins „L’Express“ den Artikel der „New York Times“. In den Frühnachrichten wird er zusammengefasst: Das schwarze Zimmermädchen, das erst die Empörung der Feministinnen ins Blickfeld gerückt hatte, sei eine Lügnerin und in Drogengeschäfte und Geldwäsche verstrickt. Die von den Redaktionen geweckten Freunde Strauss-Kahns sind schon in den Studios. Auf i-Tele fordert seine Vertraute Michèle Sabban um Viertel nach sieben, dass die Vorwahl der Sozialisten umgehend gestoppt werde.

          Strauss-Kahns Unschuld

          „Langsam beginnen wir, daran zu glauben“, sagt ein anderer Sozialist eine Viertelstunde später im Funk. Mit jeder Minute werden die Äußerungen bestimmter und zuversichtlicher. Acht Minuten nach acht – inzwischen haben die Fernsehsender die Nachricht aus New York bis in die letzten Stuben des Landes verbreitet – kommentiert der Abgeordnete Jean-Marie Le Guen auf France-Info: „Seine Rehabilitierung, die Tatsache, dass die schlimmen Anschuldigungen zusammenbrechen, dass man zu schnell auf sein Verschwinden von der politischen Bühne spekuliert hat, lassen mich hoffen, dass er bald frei ist und den Franzosen in die Augen sehen kann.“

          Die Medien übten Selbstkritik und versprachen eine neue Gangart
          Die Medien übten Selbstkritik und versprachen eine neue Gangart : Bild: Reuters

          Zehn Minuten später heißt es: Die „New York Times“ melde, dass der Staatsanwalt selbst nicht mehr an die Aussagen der Klägerin glaube. Um 8.28 Uhr ist der frühere Premierminister Lionel Jospin, dessen Minister Strauss-Kahn war, bei RTL: „Ein Donnerschlag“. Um 9.13 Uhr interviewt Europe 1 Martine Aubry, die gerade ihre Kandidatur bekanntgegeben hat: Vor dem Gerichtstermin am Nachmittag in New York wolle sie nichts sagen. Um 9.35 Uhr wird das, was auch im Falle von Strauss-Kahns Unschuld völlig undenkbar schien, erstmals in Worte gefasst – vom einstigen Sprecher Mitterrands im Elysée, Jean-Louis Bianco: „Ich sehe nicht, was ihn an einer Kandidatur hindern könnte, wenn er Lust dazu hat.“

          Um 10.30 Uhr verleiht Bernard-Henri Lévy auf RTL seiner Freude Ausdruck – er war mit seinem bedingungslosen Glauben an die Unschuld Strauss-Kahns in die Kritik geraten. Seiner Selbstzufriedenheit folgt das „mea culpa“ des gaullistischen Politikers Bernard Debré: Er hatte DSK als „Sexualkriminellen“ bezeichnet. „Ich“, sagt er jetzt, „bin zu weit gegangen.“ Bis zur Stunde hat sich kein Politiker aus dem Regierungslager zu Wort gemeldet.

          Am Mittag bekennt Ségolène Royal, die DSK bei der letzten Vorwahl der Sozialisten geschlagen hatte, ihre „Erleichterung“ und warnt vor jedweder Instrumentalisierung. Die allerneuesten Informationen über das „Opfer“ und die Umstände werden immer konkreter: Sex gegen Bezahlung, Erpressung, Bilder, welche die gläubige Muslimin betrunken zeigen. Wie das Land mit den Lektionen, die es sich selbst erteilte, nun umgeht, wird sich zeigen. Auch welche Folgen dies für die Beziehungen zu Amerika haben wird. Eine neue politische Dramaturgie zeichnet sich ab. An diesem Samstag beginnen aber vorerst einmal die Sommerferien.

          Weitere Themen

          Neue Zeiten, neue Kunst

          Joe Biden im Oval Office : Neue Zeiten, neue Kunst

          Jedes Bild ein Symbol: Der neue Präsident Joe Biden setzt im Oval Office auf Vielfalt und trennt sich von umstrittenen Artefakten seines Vorgängers Donald Trump.

          Topmeldungen

          Corona-Teststation auf der Insel Ibiza

          Neues Corona-Medikament : Die Herbstzeitlose gibt Hoffnung

          In einer großen Covid-19-Studie soll der Pflanzenwirkstoff Colchicin überzeugt haben. Mit ihm wäre ein leicht verfügbares und preiswertes Mittel im Kampf gegen die schweren Krankheitsverläufe gefunden.

          Vendée Globe : Herrmann kollidiert mit Fischerboot – Dalin als Erster im Ziel

          Bei der härtesten Segelregatta der Welt überfährt Charlie Dalin als Erster die Ziellinie. Und dennoch ist der Franzose wohl nicht Sieger der Vendée Globe. Boris Herrmann entgeht auf der Jagd nach dem Podium nur knapp einer Katastrophe.

          Kulturkampf von oben : Frankreich streitet über seine Karikaturisten

          Vor einer Woche führte ein Dialog zweier Pinguine zum Shitstorm bei „Le Monde“. Jetzt zeichnen Frankreichs Karikaturisten auffällig brav. Zugleich bezichtigt ein Medienkritiker die Zunft des Kulturkampfs gegen Minderheiten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.