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Miniserie „Morgen hör ich auf“ : Die guten Typen sind zu allem fähig

Jochen Lehmann (Bastian Pastewka) wird vom Pech verfolgt. Hier erfährt er, dass sein Sohn einen Unfall hatte. Bild: ZDF und Martin Valentin Menke

Im neuen Jahr gibt es frisches Geld. Das druckt Bastian Pastewka als verzweifelter Familienvater im ZDF jedoch selbst. Der Fälscher blüht auf – doch für wie lange?

          „Breaking Bad“ aus Bad Nauheim? Mit Bastian Pastewka als hessische Version von Walter White? Nur dass der Komödiant keinen Drogen kochenden Lehrer, sondern einen bankrotten Druckereibesitzer gibt, der in der Not Blüten aus den Maschinen rollen lässt und seine Familie in einen immer schneller wirbelnden Strudel des Verbrechens reißt. Was das ZDF fürs neue Jahr angekündigt hat, klingt nach einem klamaukigen Provinz-Abklatsch der amerikanischen Serie, die bis zu ihrem Ende vor zwei Jahren immer neue Maßstäbe gesetzt hat. Und vor dem geistigen Auge baut sich Pastewka auf, wie er Grimassen schneidet und mit falschen Fuffzigern die nächste Pointe herbeiwedelt.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch nichts davon ist zu sehen, wenn er in der fünfteiligen Miniserie „Morgen hör ich auf“ als zuerst unbescholtener, bald schwerkrimineller Kleinbürger Jochen Lehmann auf die schiefe Bahn gerät, schlittert, abrutscht, strampelt, stürzt und jeden festen Halt verliert. Das ist alles ernst gemeint, selbst wenn das Intro der Serie ein bisschen auf Comedy macht und die teils tiefschwarze Situationskomik auf der Talfahrt nicht zu kurz kommt. Nah an der Karikatur aber sind immer die anderen: der Lackaffe Rolf „The Wolf“ Danneberg (Torben Liebrecht) etwa, der mit Jochens von Susanne Wolff verkörperter Frau Julia in der Mittagspause ins Bett steigt; ein Bankangestellter, der aus einer „Bärchen“-Tasse trinkt und dem Drucker den rettenden Kredit verweigert (Jan Pohl); ein versicherungsbetrügerischer Rentner, der Jochens Sohn (Moritz Jahn) erpresst.

          Der Regisseur und Drehbuchautor Martin Eigler lässt uns mit den Augen des Protagonisten auf dieses Panoptikum der Böswilligen blicken, in dem immer skrupellosere Figuren auftreten. Allen voran Damir Decker (Georg Friedrich), der bestens mit richtig schweren Jungs vernetzte Kioskbesitzer aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel. Ihm geht gleich auf, dass Jochen bei ihm nur ein Pornoheft kauft, um aus einem selbstgedruckten Schein echtes Wechselgeld zu schlagen - und unterbreitet dem dreifachen Vater ein Angebot, das er nicht ablehnen kann.

          Julia Lehmann (Susanne Wolff) verarztet den gemeinsamen Sohn Vincent (Moritz Jahn). Bilderstrecke

          Der einzige rechtschaffene Charakter im Schauspiel rund um den Verkehrskreisel, in dessen Mitte eine rostige Eisenplatte auf das nahe gelegene ehemalige „Army Home of Elvis Presley“ weist, scheint die kleine Tochter der Lehmanns (Katharina Kron) zu sein. Mit ihr beginnt das ganze Drama: als es dem Familienvorstand nicht gelingt, für exakt fünfzehn Euro zu tanken, die Girokarte bei 15,01 Euro streikt und er die Jüngste statt Pfand dalässt, während er sich Geld von ihrer Schwester leiht. Die Familie als Bank und Geisel: so wird es weitergehen.

          Ein Vorgeschmack darauf, wie es endet, schießt alle paar Minuten durch die knapp einstündigen Folgen: Da sehen wir Jochen rennen und einen Fünfzig-Euro-Schein in einem See treiben, es sieht fast aus wie auf Nirvanas Platte „Nevermind“. Kommt der Gelddrucker in Schwung, packt Jochen sich jedoch andere Musik auf die Ohren: „Unchain My Heart“, „Hound Dog“ oder „Road To Ruin“ liefern den Soundtrack für die Reise über die Autobahn Richtung Hölle. Pastewka macht auf ihr sein Spiel ganz klein. Er lässt seinen Charakter steifbeinig durch das Chaos gehen und Lockerheit mimen, wenn es beim Tennis mit dem Mann von der Bank um unternehmerisches Leben und Tod geht, lässt die Mundwinkel zucken, wenn Jochen Lehmann die Luft wegbleibt und gibt ihm alle Ruhe der Welt, wenn in ihm der Entschluss reift, Papier in großem Stil zu Geld zu machen. Susanne Wolff als Ehefrau, die notgedrungen zur Komplizin wird, gibt einen glänzenden Widerpart ab, ebenso wie Georg Friedrich als Feind in ihrem Haus. Was da alles noch kommen mag -, Mord, Drogenhandel, Leergeschäfte an der Börse - wird in den ersten Folgen nur angedeutet. Nur so viel ist klar: Die Blüten verbrennen, das kann Jochen nicht.

          „Morgen hör ich auf“ trägt den unhaltbaren Vorsatz, der so gut zu Silvester passt, ja schon im Titel. Und streift trotz solcher Augenzwinkereien zuweilen sogar den Thriller. Längen haben die Episoden dennoch, weil wir auch Nebenfiguren in ihre Konflikte folgen. Aber die Dialoge sitzen, haben Timing und Witz und sprechen von einem geradezu kriminellen Erstaunen über die eigene Tat. Das könnte niemand besser ausdrücken als Bastian Pastewka, der bar jeder Ulkigkeit demonstriert, dass gerade die guten Typen zu allem fähig sind.

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