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Emotionserkennungssoftware : 44 Prozent Glückseligkeit, Tendenz steigend

Im keck-coolen Makaken-Selfie findet Microsofts Software zur Emotionserkennung nicht einmal ein Gesicht. Bild: Caters News Agency

Auf Bilddateien einen Bereich als Gesicht zu identifizieren und es wiederzuerkennen ist das eine. Und dann auch noch Gefühle bestimmen? Eine neue Website glaubt das zu können.

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          Das Interesse und die Vielfalt der Reaktionen auf eine Reihe kleiner Anwendungen künstlicher Intelligenz hätten ihn begeistert, erinnert sich Ryan Galgon, Manager im Forschungsprogramm von Microsoft. Erheiterung war wohl die häufigste Reaktion, als das Unternehmen im Frühjahr einige Handwerkszeuge zur Gesichts- und Spracherkennung vorstellte. Die Seite www.how-old.net führt jedem, der ein Bild hochlädt, eine automatische Alterszuschreibung der Abgebildeten vor, die in prominenten Fällen durchaus um Jahrzehnte danebenliegen konnte. Jetzt hat Microsofts Project Oxford weitere Anwendungen veröffentlicht, und wieder lädt eine Website dazu ein, den State of the Art automatischer Bilderkennung an eigenen Dateien kennenzulernen. Diesmal geht es um Gefühlszuschreibung.

          Die graphisch noch sehr schlicht gehaltene Seite https://www.projectoxford.ai/demo/emotion#detection weist rasch neben dem hochgeladenen Bild den erkannten Anteil von sieben Gefühlen am analysierten Gesichtsausdruck aus. Dem in den siebziger Jahren von Paul Ekman und Wallace Friesen entwickelten Facial Action Coding System gemäß gehören Wut und Angst dazu, Empörung und Ekel, Traurigkeit, Überraschung und Glück.

          Den Kunden fest im Blick

          In Microsofts eigenen Apps und Programmen soll die Gefühlserkennung zum Einsatz kommen, zudem über eine Schnittstelle von anderen genutzt werden können. Der Microsoft-Manager Ryan Galgon denkt an einen späteren Einsatz etwa bei der Beurteilung von Kundenreaktionen angesichts von Schaufenstern, Filmen oder Essen.

          So reizvoll die Verspieltheit der Website auch wirkt: Welche Voraussetzungen die Anwendungen haben, was ihren Einsatz letztlich vorbereitet, darf darüber nicht vergessen werden. Der Passant wird mittels dieser Technologie in seiner Eignung als Kunde beurteilt, der potentielle Kunde in seiner Kaufbereitschaft, der Käufer in seiner Zufriedenheit. Das Auftreten von Verkäufern, sogar spezielle Angebote, können sich nach Auswertung und Empfehlung eines Programms richten, das auf Emotionserkennung setzt. Und wenn der Datenschutz es nicht verhindert, können Geschäfte zu ihren Stammkunden automatisch Stimmungsprofile anlegen, nach denen sich sogar ihre Werbung richten könnte.

          Der Inbegriff des Schreckens lässt Microsofts Algorithmus kalt: Edvard Munchs „Der Schrei“ bleibt unerkannt.

          Über dieses Szenario soll allerdings auch der Reiz eines Spiels mit den Möglichkeiten des Programms nicht vergessen werden. Bewähren muss es sich nicht durch die naheliegende Auswertung von Selfies mit ihren betont neutralen oder aufgekratzten Gesichtern, sondern durch die emotionsgeladener Ikonen der Kunst- und Mediengeschichte. Was kann die Software mit Munchs „Schrei“ anfangen, was mit einer Weinenden von Picasso oder mit der milden Entrücktheit der Sixtinischen Madonna von Raffael?

          Auf Raffaels berühmten Bildnis der sixtinischen Madonna fällt der Software nur eine Figur auf: der rechte kleine Engel am unteren Bildrand.

          Das Ergebnis ist enttäuschend: Bei all diesen Werken kann die ungebildete Maschine nicht einmal ein Gesicht erkennen. Nur dem rechten der beiden leicht gelangweilt wirkenden Engel an Raffaels unterem Bildrand gesteht sie Gefühle zu. Neben einem neutralen Anteil von 79 Prozent sollen ihm dreizehn Prozent Wut ins Gesicht geschrieben stehen.

          Eine Spur Angst liegt also in seinem Blick: Jürgen Klopp im September 2013 in Neapel.

          Auf dem keck-coolen Selfie eines Makaken, das kürzlich im Netz die Runde machte, erkennt das Programm ebenso wenig ein Gesicht wie in Aufnahmen der so ausdrucksstarken Charakterköpfe des Bildhauers Franz Xaver Messerschmidt. Dabei hat er seine Alabasterbüsten eigens zur Darstellung von Affekten geschaffen. Das verzerrte Gesicht, mit dem der Fußballtrainer Jürgen Klopp am 18. September 2013 einen Uefa-Offiziellen anging, deutet die Maschine hingegen ganz richtig, wenn sie neben 45 Prozent Wut knapp 30 Prozent Empörung und immerhin zwei Prozent Angst erkennt: Borussia Dortmund verlor an diesem Abend in Neapel 1:2.

          Ihr Lächeln bleibt rätselhaft: Leonardos „Mona Lisa“

          Bei Picassos Porträts kommt es auf die Schaffensphase des Künstlers an. An vielen seiner fragmentierten Gestalten scheitert die Software, einer „Dame mit Hut“ aus dem Jahr 1938 schreibt sie indes neben knapp 16 Prozent Glück Spuren von Ekel (drei Prozent) und Traurigkeit (zwei Prozent) zu und kommt so zu einer durchaus komplexeren Deutung.

          Wer das Geheimnis des Lächelns der Mona Lisa mit maschineller Hilfe lüften will, steht sogar schnell vor einem nur noch größeren Rätsel: Der Anteil der erkannten Glückseligkeit steigt, je näher man dem Gesicht kommt. In voller Größe hochgeladen, weist Leonardo da Vincis Porträt das Glück als vorherrschendes Gefühl mit einem Anteil von 44 Prozent aus, der Bildausschnitt vom Hals bis zum Scheitel erkennt bereits knapp 47 Prozent, der von Kinn bis Stirn bringt es sogar auf knapp 51 Prozent Glück. So ist unser Wissen über das fünfhundert Jahre alte Porträt immerhin um eine Erkenntnis bereichert: Die junge Dame schätzte die Nähe.

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