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Michel Houllebecq als Regisseur : Ein Klon verlässt seine Wohnhöhle

Für die Dreharbeiten musste Houellebecq einige Zeit in der Urlaubshölle von Benidorm verbringen Bild: Julia Encke

Wir wollten immer wissen, was passiert, wenn Michel Houllebecq den eigenen Roman verfilmt. Arte zeigt jetzt die Verfilmung des 2005 erschienenen Roman „Die Möglichkeit einer Insel“.

          2 Min.

          So könnte eine Komödie beginnen: Der "Prophet", ein moderner Wanderprediger der Unsterblichkeit, tingelt mit zwei Gehilfen im klapprigen Kleinbus durchs französische Hinterland. Gepredigt wird in zugigen Hallen vor einer Handvoll ausdrucksloser Gesichter - der Bauer ist kein leicht zu erlösender Menschenschlag. Die Tageseinnahmen, Buchverkäufe inbegriffen, liegen bei 67,40 Euro. Der technische Assistent kämpft schlecht gelaunt mit den Kabeln, der somnambule Kartenverkäufer löst Kreuzworträtsel. Das Abendmahl wird am Klapptischchen am Straßenrand eingenommen, dann geht es weiter, bis zur Autopanne, die den nächsten Auftritt platzen lässt. Ein Prophet ist gestrandet.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Der erste „Neo-Mensch“

          Es liegt eine stille, verlangsamte und auf verquere Weise würdevolle Trostlosigkeit über den ersten Minuten dieses Filmes, die neugierig macht. Als Anfang einer schrägen Tragikomödie oder eines Roadmovie mit Motorschaden wäre dieser Auftakt gelungen. Als Beginn der Verfilmung von Michel Houellebecqs Roman "Die Möglichkeit einer Insel" ist er ein falsches Versprechen. Denn was immer der Schriftsteller im Sinn hatte, als er beschloss, seinen Roman selbst zu verfilmen, herausgekommen ist dabei nicht viel mehr als eine Reihe von beeindruckenden Aufnahmen zerstörter Landschaften, ein, zwei gelungene Dialogszenen, das Bekenntnis zu cineastischen Vorbildern wie Antonioni und Kubrick sowie, immerhin, eine Erkenntnis: Mit dem Wechsel des Mediums hat sich Houellebecqs trauriger Humor verändert. Er ist weit weniger grell und zynisch, nicht so berserkerhaft in seiner Zivilisationskritik, und in seltenen Augenblicken, etwa wenn ein älterer Mann im Sportdress unbeholfen einen Fußball über die Betonödnis von Benidorm schiebt wie ein trauriges Kind, liegt ein Hauch Jacques Tati über der Szene.

          Houellebecq am Set seines Films. Mit dem Wechsel des Mediums hat sich sein trauriger Humor verändert
          Houellebecq am Set seines Films. Mit dem Wechsel des Mediums hat sich sein trauriger Humor verändert : Bild: Ton Peters

          Drei Jahre nach der Autopanne hat der Prophet, gespielt von Patrick Bauchau (bekannt als James-Bond-Schurke und aus dem Wenders-Film "Der Stand der Dinge), achtzigtausend Anhänger, ein veritables Sektenhauptquartier und einen Wissenschaftler, der ihm die ewige Jugend schenken soll. Das klappt leider nicht auf Anhieb, der Prophet stirbt, und sein Sohn Daniel, der somnambule Kartenverkäufer vom Anfang, kehrt als sein Nachfolger in den Schoß der neuen Kirche zurück. Beim nächsten Klon wird alles besser, und so entsteht nach Daniels Modell der erste "Neo-Mensch": bedürfnisarm, gefühllos, aber extrem überlebenstüchtig. Fünfundzwanzig Generationen später sitzt "Daniel25", wiederum dargestellt von Benoit Magimel, der jetzt allerdings aussieht, als habe er etliche Jährchen in Buttermilch gelegen, in seiner spärlichst möblierten Wohnhöhle und studiert die ihm unverständlichen Tagebücher seiner Vorfahren, ihre Liebesgeschichten, Affären, libidinösen Wirrnisse. Schließlich verlässt der Buttermilchklon seine Höhlensuite, um sich auf die Suche nach all dem zu begeben, was den Menschen zum Menschen macht, aber den Klonen im Laufe der Jahrhunderte abhandenkam: die Beziehung zur Natur und zu anderen Lebewesen, soziale Kontakte, jegliche Form von Gesellschaft und Kommunikation, Emotionen und natürlich die Liebe.

          Trümmerlandschaften

          Das Zusammentreffen von Daniel25 und Marie23, die in der letzten Viertelstunde des nicht gerade rasch vorüberziehenden Filmes in einer postapokalyptischen Trümmerlandschaft zielsicher aufeinander zuirren, scheint unausweichlich und wird deshalb auch nicht mehr gezeigt. Jahrhunderte zuvor hatte Maries Vorfahrin dem kartenverkaufenden Ur-Daniel in der französischen Provinz einen langen, tiefen Blick geschenkt. Warum Ramata Koite als Marie, immerhin so etwas wie die letzte Frau auf Erden, den gesamten Film keine Silbe sagen darf, weiß nur der Regisseur allein.

          Als der Film nach der Premiere beim Festival in Locarno 2008 in die Kinos kam, hagelte es Verrisse. Zwei Jahre zuvor hatte der Autor im Streit um die Verfilmung den Verlag gewechselt. Für die Dreharbeiten musste er die selbstgewählte Isolation aufgeben und einige Zeit in der Urlaubshölle von Benidorm verbringen. Hat sich der Aufwand gelohnt? Für alle, die wissen wollten, wie dieser Schriftsteller seinen eigenen Roman verfilmen würde, lautet die Antwort: ja. Und Michel Houellebecq wollte es offenbar wissen.

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