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Michael Graeters Memoiren : Irr Royal

In seiner großen Zeit ein mächtiger Mensch: Michael Graeter Bild: picture-alliance/ dpa

Der Journalist Michael Graeter hat einen Absturz überlebt und rappelt sich gerade wieder hoch. Jetzt hat er, der Süskind und Dietl zu ihrer Serie „Kir Royal“ inspirierte, seine Memoiren geschrieben: ein Wahnsinn, eine Sauerei.

          Michael Graeter, der ein besessener Journalist, ein ambitionierter Gastwirt und vielleicht die beste Verkörperung des unübersetzbaren bayerischen Begriffs Gschaftlhuber war, außerdem, wenn man ihm glauben darf (und wer wollte schon das Gegenteil recherchieren), ein geübter Verführer und inspirierter Liebhaber, Michael Graeter, den aber die Jüngeren nur aus dem Polizeibericht kennen, und die Älteren haben ihn womöglich ganz und gar vergessen - dieser Mann war, in seiner großen Zeit, ein mächtiger, wohlhabender und wahrscheinlich sogar ein glücklicher Mensch, und unter den regelmäßigen Lesern der Münchner „Abendzeitung“ galt er, der, wie er ja täglich in seiner Kolumne schrieb, mit Romy Schneider und Alain Delon, mit Steve McQueen und Marisa Berenson und, natürlich, erst recht mit Uschi Glas und Uschi Obermaier, mit Franz Josef Strauß und dem Münchner Polizeipräsidenten vertraut war, für weltberühmt.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Michael Graeter hatte von seinen Eltern nicht viel mehr geschenkt bekommen als ein sympathisches Gesicht mit einem markanten Kinn am unteren Rand und dichten dunklen Haaren darüber; von der Stadt, in der er groß geworden ist, hat er den angenehmen Dialekt und den Hang, die herrschenden Regeln und die gerade geltende Moral, erstens, nicht übertrieben ernst zu nehmen und, zweitens, immer zum eigenen Vorteil zu interpretieren. Den Rest, die Macht also, die er mit seiner Kolumne hatte, und das Glück, dass weder sein Konto noch sein Bett allzu oft leer waren, hatte er sich selbst erarbeitet, mit seinem Charme, seiner Elastizität in allen Fragen der Sittlichkeit und, natürlich, einem Fleiß, einer Arbeitswut geradezu, welche umso eindrucksvoller sind, wenn man bedenkt, dass der Schauplatz von Graeters Aufstieg meistens München war, wo, wer aus seinem Stress ein Drama macht, für hässlich, humorlos und unbegabt gilt.

          Tiefer Sturz

          Graeter hat, als er jung war, aus ziemlich wenig ziemlich viel gemacht, und dass dann, als er nicht mehr so jung war, eines sehr frühen Morgens die Polizei in sein Hotelzimmer im Zürcher Vorort Schlieren stürmte, Graeter verhaftete und, wegen nicht abgeführter Arbeitgeberanteile für längst untergegangene Unternehmen, nach Deutschland auslieferte, wo er auch so schnell nicht mehr herauskam aus der Haft - dieser tiefe Sturz, von dem er sich gerade erst wieder zu erholen beginnt, macht aus Michael Graeters Aufstieg und Fall, aus dem Leben und den Meinungen des Münchner Journalisten den Stoff, aus dem, nur zum Beispiel, auch die „Verlorenen Illusionen“ sind.

          Na gut, Balzac stand als Autor nie zur Verfügung, aber Patrick Süskind schreibt eh den eleganteren Stil - und was dann, nachdem sie Graeter ausgehorcht hatten, Süskind und Helmut Dietl ins Drehbuch der Fernsehserie „Kir Royal“ hineinschrieben, das war ja, so kommt es einem heute vor, fast schon der Abgesang auf Münchens und Michael Graeters große Zeit, den historischen Moment, da die Pille schon da war und Aids noch fern, die paar Jahre, in denen sich bayerische Schlampigkeit und Münchner Größenwahn gegenseitig hochpuschten und man den Glanz der Stadt am hellsten leuchten sah in den Augen jener, die, warum wussten sie auch nicht so recht, wie der so wunderbar von Mario Adorf gespielte Herr Haffenloher da unbedingt hineinwollten, in jene Welt der sogenannten Prominenz, deren Tür aber, seit er im Jahr 1970 die Klatschkolumne der „Abendzeitung“ übernommen hatte, Michael Graeter bewachte. Tausend Mark, schreibt Graeter jetzt in „Extrablatt“, dem Buch, das er seine Autobiographie nennt, tausend Mark habe ihm das reale Vorbild des fiktionalen Haffenlohers in die Hand gedrückt; er, Graeter, habe sie als Trinkgeld im Lokal gelassen.

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