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Michael Ende im Radio : Fürchtet euch nicht vor dem großen Nichts!

  • -Aktualisiert am

So sieht Hörspiel aus: Cathlen Gawlich und Finn Oleg Schlüter im Studio. Bild: WDR/Freya Hattenberger

Der WDR hat Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ als Hörspiel großartig neu inszeniert. Ein Wiederhören mit: Bastian, Atréju, der kindlichen Kaiserin und natürlich mit Fuchur.

          Man sage nicht, wir seien nicht gewarnt gewesen. Der Angriff des Nichts wurde Punkt für Punkt vorhergesagt. Wenn wir heute in die grenzenlose Leere des Internets blicken oder auf das komplett durchsichtig gewordene Fernsehprogramm, wenn wir sehen, wie Land für Land, von der Einfallslosigkeit heimgesucht, hinter kanonenbewehrten Mauern der Selbstauflösung harrt, dann dürften viele Mittelreife sich erinnern, in ihrer Jugend von einem ganz ähnlichen Tod der Kreativität gehört zu haben, vom rasenden Zerfall eines Weltreichs der Ideen – aber auch von seinem Wiederaufbau. Gehört ist eigentlich falsch, gelesen musste es damals heißen, denn dieses Orakel kam in Buchform daher, als Bildungsroman, der sich selbst in den Schwanz beißt: Michael Endes Erzählung „Die unendliche Geschichte“.

          So sehr hat uns dieses zauberhafte Buch über die Macht, aber auch über die Gefahr der nah am Wahnsinn gebauten Phantasie fasziniert, so verliebt waren wir in die kranke Kindliche Kaiserin, dass uns nicht einmal die komplexen und selbstreflexiven Allegorien störten, mit denen in seliger Siebziger-Jahre-Romantik der weltverändernden Kraft der schöpferischen Lektüre gehuldigt wird. Zurückgezogen auf den Dachboden seiner Schule liest der schüchterne, gehänselte Bastian in einem geheimnisvollen Buch über die Bedrohung des Reiches Phantásien durch das Nichts, bevor er allmählich merkt, dass niemand anders als er selbst der Retter ist. So rückhaltlos geht er in der Geschichte auf, dass er sich in Phantásien zu verlieren droht. Doch sein Alter Ego Atréju, dessen Warnungen er lange in den Wind schlägt, begleitet ihn nach Hause zurück.

          Wer sich noch einmal dieser emphatischen Ansprache des Möglichkeitssinns bedürftig fühlt oder wer seine Kinder der Generation Smartphone dazu bekommt, über den Zeitraum von fünf Wochen einer einzigen Geschichte zu folgen, für den hat der WDR ein wunderbares Geschenk im Angebot: eine viereinhalbstündige Hörspielversion der „Unendlichen Geschichte“.

          Es handelt sich um eine höchst aufwendige und höchst gelungene Produktion in der Regie von Petra Feldhoff (Bearbeitung Ulla Illerhaus). Siebzig Tage dauerten die Sprachaufnahmen. Unter den fünfzig mitwirkenden Schauspielern sind so bekannte Namen wie Anna Thalbach als Erzählerin auf der Realweltebene und Hans Kremer als Erzähler in der Phantásien-Handlung. Alle Figuren wirken perfekt besetzt. Mechthild Großmann steht die Rolle der „Alten Morla“, einer berggroßen, schnurzpiepefatalistischen Schildkröte („Ist doch alles nur Schein“), großartig. Und bei Laura Maire reicht schon die Stimme, um sich wieder in die Kindliche Kaiserin zu verlieben.

          Felix Rösch hat eigens eine stimmige Musik komponiert, die vom WDR-Sinfonieorchester eingespielt wurde. Die beiden zunächst klar getrennten Handlungsorte, gekennzeichnet von Regen hier, Abenteuermusik dort, nähern sich auch akustisch einander an, bis zu Beginn der zweiten Folge erstmals Bastians Schreckensruf durch die Täler Phantásiens hallt. Michael Ende, der 1995 verstarb und sich von der kitschig-spektakulären Verfilmung durch Wolfgang Petersen und Bernd Eichinger (1984), die nur die erste Romanhälfte abbildet, energisch distanzierte, wäre mit dieser sorgfältigen Umarbeitung wohl weit zufriedener gewesen.

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