https://www.faz.net/-gqz-tk7e

Michael Degen : Das Kaddish hat mir das Leben gerettet

  • Aktualisiert am

„Aaron Altaras war von vornherein ich” - Michael Degen über seinen jungen Darsteller Bild: ddp

Als Kind ist er nur knapp der Verfolgung durch die Nationalsozialisten entkommen. Er hat darüber ein Buch geschrieben, das die ARD jetzt verfilmen ließ. Ein Gespräch mit dem Schauspieler Michael Degen.

          Als Kind ist er nur knapp der Verfolgung durch die Nationalsozialisten entkommen, versteckte sich mit seiner Mutter in den letzten Weltkriegsjahren in Berlin. Er hat darüber ein buch geschrieben, das die ARD jetzt verfilmen ließ (siehe auch: Wie Michael Degen den Nazis entkam: „Nicht alle waren Mörder“). Ein Gespräch mit dem Schauspieler Michael Degen.

          Die ARD zeigt "Nicht alle waren Mörder" nach Ihrem Buch. Was haben Sie empfunden, als Sie den Film sahen?

          Es war sehr merkwürdig. Ich habe zunächst eine gewisse Distanz empfunden. Nachdem ich das Buch geschrieben hatte, war ich viel betroffener. Das hängt wohl auch damit zusammen, daß die Schauspielerin Nadja Uhl ganz anders ist als meine Mutter. Aber sie hat sich ihr doch ungeheuer angenähert. Von einem gewissen Punkt war ich dann doch so ergriffen, daß ich nicht mehr die Kraft hatte, den Film anzuschauen.

          Warten, daß der Angriff vorübergeht: Aaron Altaras als Michael Degen, Nadja Uhl als dessen Mutter

          Wie war denn Ihre Mutter?

          Meine Mutter war eines sehr starke und - uns Kindern gegenüber - sehr unzärtliche Frau. Sie war wohl der Ansicht, daß man in dieser Zeit keine Zärtlichkeit gebrauchen konnte. Ich glaube, sie hat ihre ganze Zärtlichkeit für meinen Vater verbraucht. Alles andere war: überleben wollen. Das hat ihr eine Härte gegeben, die manche, auch Nadja Uhl, nicht verstanden. Aber ich glaube, wir hätten nicht überlebt, wenn meine Mutter nicht so gewesen wäre. Als mein Vater begraben wurde, hat sie mich geohrfeigt, als ich Sand auf den Sarg warf. Dann ist sie ins offene Grab gesprungen und hat den Sarg umklammert. Ich glaube, da ist sie seelisch gestorben.

          Sie werden von Aaron Altaras gespielt, einem Jungen, der heute so alt ist wie Sie damals. Sie haben mit ihm ein ebenso kluges wie anrührendes Gespräch geführt (das man im Internet nachlesen kann: www.swr.de/nicht-alle-waren-moerder). Wie sehen Sie sich in ihm? Wie haben Sie sich mit ihm über seine Rolle verständigt?

          Da gab es von vornherein absolutes Verständnis. Aaron hat in seiner Kindheit schon ähnliche Erfahrungen gemacht wie ich in meiner. Er ist in einem ähnlichem Kreis aufgewachsen. Er war in dieser Rolle drin. Das hat mich überwältigt. Wenn ich ihn von hinten gesehen habe, dachte ich: Das bin ich. Aaron Altaras war von vornherein ich. Wir haben gleich eine große Sympathie füreinander gespürt. Er ist hochintelligent und weiß ganz genau, was in der Nazizeit geschah.

          Sie mußten ihm nichts erklären?

          Überhaupt nichts. Er wurde von seinen Eltern genau informiert, und er erlebt den Antisemitismus selbst. Er ist ein großer Fußballfan und spielt bei dem jüdischen Verein Maccabi Berlin. Er ist häufig mit krassem Antisemitismus konfrontiert. Das geht so weit, daß er nicht überall sagen will, daß er Jude ist. Soweit sind wir schon wieder. Gerade hier in Berlin und Brandenburg. Insofern mußte ich ihm über die Nazizeit nicht viel erzählen.

          Wie erleben Sie unser Land heute?

          Ich habe nie Angst gehabt, selbst als ich einmal überfallen wurde. Zum Glück war ich nicht in meiner Wohnung, die verwüstet wurde. Das hat mich nicht geängstigt. Das waren Dumpfbacken, auf die kann man sich einstellen. Aber was jetzt passiert, das Erstarken der Rechten und Neonazis, ist etwas anderes. Das ist planmäßig, sehr gut organisiert, reicht in die Parlamente und - vor allem - in die Schulen hinein. Das wird langsam beängstigend, vor allem da, je schlechter die Wirtschaftslage wird, diese Leute immer mehr an Zulauf gewinnen.

          Wenn man Ihr Buch liest und den Film sieht, fragt man sich, wie Sie, wie Juden in Deutschland es nach dem Zweiten Weltkrieg hier ausgehalten haben. Kann man Vertrauen fassen zu Menschen, unter dem Eindruck der Vernichtung, die das Naziregime betrieb?

          Die Frage ist berechtigt. Ich habe versucht auszuwandern - anders als meine Mutter. Aber es gibt einen trifftigen Grund, warum sie nicht gegangen ist und ich wieder zurückgekommen bin: In Israel herrscht Krieg, bis heute. Und meine Mutter wußte vor allem eines: Sie wollte nie wieder Krieg erleben. Mich hat das nicht abgeschreckt, ich hätte in Israel leben können. Wenn ich meine Mutter nicht mit meinem Bruder hätte zusammenbringen wollen, würde ich dort vielleicht leben. Ein zweiter Grund ist, daß mein Beruf - die Schauspielerei - sehr von der Sprache abhängt. Sie können machen, was sie wollen, von einem gewissen Alter an werden sie in einer zweiten Sprache nicht mehr heimisch. Für mich blieb Hebräisch eine Fremdsprache. Meine Muttersprache war und ist Deutsch.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Verlorene Welt

          Jüdische Küche : Verlorene Welt

          In vielen Städten ist die jüdische Küche aus dem Alltag fast komplett verschwunden. Eine Spurensuche in Berlin, Wien und Brünn.

          Topmeldungen

          Einmal mehr hatte Paco Alcacer (Mitte) großen Anteil am Dortmunder Erfolg.

          Dortmunds 2:1 gegen Bremen : Wie berauscht

          Der Tabellenführer der Bundesliga ist derzeit nicht zu stoppen: Gegen Werder Bremen kommt die Borussia zu einem verdienten Heimerfolg und ist nun inoffizieller Herbstmeister. Kurz vor dem Schlusspfiff wird es nochmal turbulent.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.