https://www.faz.net/-gqz-9zlox

Kritik an Ronan Farrow : Ist die Galionsfigur von „MeToo“ nur ein Märchenerzähler?

Er steht zu seiner Berichterstattung: Ronan Farrow bei der Oscar-Party der Zeitschrift „Vanity Fair“ im Februar dieses Jahres. Bild: AP

Die Wahrheit oder eine Heldengeschichte? Ronan Farrow hat den Weinstein-Skandal ins Rollen gebracht. Nun wirft ihm die „New York Times“ unsaubere Methoden vor.

          5 Min.

          Er möge der berühmteste investigative Reporter Amerikas sein. Ein Promi-Journalist, der als Fernseh-Wunderkind begann und sich dann hinab begab, um im Bergwerk des harten investigativen Journalismus zu schuften. Atemberaubende und Geschichten mit nachhaltiger Wirkung habe er verfasst. Mächtige Männer aus der Welt von Hollywood, des Fernsehens und der Politik, die junge Frauen als Beute betrachteten, habe er enttarnt und dafür einen Pulitzer-Preis bekommen. All das habe Ronan Farrow mit seinen Enthüllungen erreicht, schreibt der Medienkritiker Ben Smith in der „New York Times“. Die Frage sei nur: Wie? Die Antwort findet sich schon im Titel der Kolumne, die in den Vereinigten Staaten gerade die Gemüter erregt. Gekleidet ist der Befund in eine Frage: „Ist Ronan Farrow zu gut, um wahr zu sein?“

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Ben Smith, der seit Anfang des Jahres bei der „New York Times“ arbeitet und vorher Chefredakteur von „Buzzfeed“ war, kommt zu diesem Schluss, indem er die Geschichten, mit denen Ronan Farrow berühmt und zu einem der Initialzünder der „MeToo“-Bewegung wurde, an einigen Stellen aufbohrt. Da wäre zum Beispiel die Sache mit Michael Cohen, dem Anwalt von Donald Trump, der Schweigegeldzahlungen organisierte, um Presseveröffentlichungen über dessen frühere Affären mit einem Fotomodell und einer Pornodarstellerin zu verhindern. Cohens Steuerunterlagen, das habe Farrow im Frühjahr 2018 behauptet, seien bei den Finanzbehörden verschwunden. Tatsächlich waren die Dokumente vorhanden, es konnte nur nicht jeder auf sie zugreifen. Gleichwohl ging die Geschichte hoch wie eine Bombe, von der manche hofften, sie werde nicht nur Cohen, sondern auch den amtierenden Präsidenten treffen, weil dessen Administration missliebige Informationen verschwinden lasse.

          Im Fall eines mutmaßlichen Opfers von Harvey Weinstein, einer jungen Frau, die behauptete, sie sei von dem Filmproduzenten vergewaltigt worden, habe es Ronan Farrow versäumt, schreibt Ben Smith, dafür Belege aus dem Umkreis der jungen Frau zu erhalten. Im Gegenteil hätten die „Fact Checker“ des „New Yorker“, in dem Farrows große Weinstein-Geschichte im Oktober 2017 erschien, von einer Freundin des vermeintlichen Opfers erfahren, dass sie die Schilderung eines Treffens mit Weinstein so nicht bestätigen könne. Vor Gericht, im Prozess gegen Weinstein, wurde der Fall, den Farrow so eindeutig geschildert habe, aussortiert.

          Eine fehlende Beweisführung wirft Ben Smith dem Investigator Farrow auch in eigener Sache vor. So könne er nicht belegen, dass der Sender NBC, für den Farrow arbeitete, bevor er mit seiner Story zum „New Yorker“ ging, seine Weinstein-Geschichte deshalb nicht brachte, weil der Produzent im Hintergrund damit gedroht habe, Vorwürfe, die wegen sexueller Übergriffe gegen den NBC-Moderator Matt Lauer erhoben wurden, an die Presse zu geben. Für diese vermeintliche Erpressung, schreibt Smith, gebe es keinen Beweis. Doch ohne eine solche kriminelle Verabredung wäre die Geschichte, die Farrow in seinem 2019 erschienenen Buch aufschrieb, schon im Titel längst nicht aufregend gewesen: „Catch and Kill: Lies, Spies, and a Conspiracy to Protect Predators“. „Lügen, Spione und eine Verschwörung, um Raubtiere zu schützen“? Smith neigt eher der Ansicht zu, dass Farrows Geschichte zum entsprechenden Zeitpunkt bei NBC schlicht nicht fertig gewesen sei. So habe sich im Manuskript zu der von Farrow geplanten Sendung, in der er den Weinstein-Skandal enthüllen wollte, keine einzige Zeugin gefunden, die vor der Kamera aussagte.

          Missverstanden habe Ronan Farrow auch, davon ist Ben Smith überzeugt, den Sprecher von Hillary Clinton, der ihn im Sommer 2017 anrief und meinte, seine Recherchen zu Weinstein seien „bedenklich“. Damit habe Clintons Sprecher Nick Merrill, schreibt der „Times“-Mann Smith, aber nicht ausdrücken wollen, Farrow solle seine Recherchen unterlassen. Er habe vielmehr Hillary Clinton schützen wollen, die im Begriff gewesen sei, mit Weinstein als Produzenten an einer Dokumentation zu arbeiten. Farrow aber habe das als Drohung gegen sich verstanden.

          Weitere Themen

          Reden wir mal übers Geld

          „Reform“ von hr2-Kultur : Reden wir mal übers Geld

          Keineswegs nur wegen Corona stockt die sogenannte Reform von hr2-Kultur. Das ist gar nicht schlecht. Denn das hessische Radiojuwel braucht vor allem Kontinuität. Und mehr Hörer.

          Topmeldungen

          Michael Zahn hat sich mit Äußerungen zur Wohnungspolitik in Berlin nicht überall beliebt gemacht.

          Deutsche-Wohnen-Chef Zahn : Der unbeliebte Vermieter

          Nach 14 Jahren hat die deutsche Hauptstadt wieder einen Dax-Konzern. Michael Zahn ist der Mann, der ihn führt. Doch viele Berliner sind auf den Immobilienmanager nicht gut zu sprechen.
          Die Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters Wirecard im bayrischen Aschheim.

          Marktmanipulation : Bafin zeigt Wirecard an

          Nach den Vorwürfen wegen Marktmanipulation gegen den Zahlungsdienstleister hat nun die Finanzaufsicht Bafin Anzeige erstattet. Die Geschäftsräume des Unternehmens in Bayern wurden untersucht. Die Vorwürfe richten sich gegen Vorstände.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.