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Zahlen mit Kreditkarte : Sie wissen, wer du bist!

Sag mir, wie Du bezahlst, und ich weiß, wer Du bist: Wer mit Kreditkarte bezahlt, ist leicht zu durchleuchten, warnen Forscher Bild: dpa

Schon wenige Daten bei Kreditkartenzahlungen reichen aus, um fast jeden erkennbar zu machen. Die Aussagekraft anonymer Datensammlungen muss überdacht werden.

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          Gestern Mittag fein essen gewesen, abends noch ins Theater, heute im Buchladen mit frischem Lesestoff eingedeckt und die Kinokarten am Abend natürlich auch mit der Kreditkarte bezahlt. Noch bevor das Wochenende vorbei ist, kann man so zum gläsernen Konsumenten werden. Denn diese vier Orte an zwei Tagen liefern bereits genügend Metadaten, um eine Person aus mehr als einer Million Menschen zu identifizieren. Mehr noch: Neunzig Prozent von ebendieser Million Menschen können mit diesen vier Metadatensätzen, die lediglich Zeit und Ort ausweisen, zielgenau ermittelt werden. Das haben Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge und der dänischen Aarhus Universität herausgefunden.

          Jonas Jansen
          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          In ihrer Studie „Einzigartig im Shoppingcenter: Zur Wiedererkennung mit Metadaten aus Kreditkarteninformationen“, die nun im international renommierten Wissenschaftsmagazin „Science“ veröffentlicht wird, erklären die Forscher, warum simple Anonymisierung leicht ausgehebelt werden kann. Sie untersuchten für ihren Versuch innerhalb von drei Monaten die Kreditkartentransaktionen von knapp 1,1 Millionen Menschen in zehntausend Geschäften in einem der 34 OECD-Mitgliedsländer. Bekannt waren dabei weder Namen noch Adressen oder Kreditkartennummern – die Information darüber, wer wann und wo einkaufte, reichte zur Identifikation aus. Das Experiment zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie wenige Daten tatsächlich nötig sind, um Personen ausfindig zu machen, denn offenkundig spiegelt sich in dem Einkaufsmuster, ermittelt anhand von nur vier Datenpunkten, so viel Individualität, dass die jeweiligen Personen und damit prinzipiell auch alle weiteren Kreditkartendaten zu ermitteln sind.

          Nahmen die Forscher zu den Ortsdaten und Zeiten noch den ungefähren Preis des gekauften Gegenstands in die Untersuchung, erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit erneut signifikant. Selbst als die Forscher dazu übergingen, statt eines ganz bestimmten Ladens an einem bestimmten Tag mehrere Geschäfte über längere Zeiträume zu untersuchen, und selbst wenn sich die Preisspanne der Waren deutlich veränderte, war es um die Anonymität der meisten Kunden geschehen.

          Wichtig für die Forschung, gefährlich für die Privatsphäre

          Die Forscher sind jedenfalls nach dem Experiment skeptisch: Metadaten seien zwar in erster Linie wichtig für Untersuchungen und Auswertungen; oder auch nützlich, etwa wenn Google anhand von Positionen in seiner Karten-App den Stau in der Stadt berechnen kann. Aber wenn es um die Sicherung der Anonymität geht, müssten Regeln für die Veröffentlichung von Datensätzen gefunden werden, die sicherstellen, dass die Menschen nicht zweifelsfrei identifizierbar sind. In früheren Studien wurde bereits festgestellt, dass man anhand von Metadaten von Smartphones, also beispielsweise von bestimmten Standorten gesendeten Tweets oder abgegebenen Hotelbewertungen, Personen leicht erkennen konnte.

          In dieser Studie nun untersuchten die Autoren einen Bereich, den der Finanztransaktionen, den fast 90 Prozent der Amerikaner als den sensibelsten Bereich ihrer Privatsphäre überhaupt ansehen – weit vor der Sensibilität von Gesundheitsdaten oder genetischer Information. Fast zwei Drittel der Bezahlungen in den Vereinigten Staaten werden mit Kreditkarten abgewickelt. In Deutschland sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes derzeit rund 34 Millionen Kreditkarten im Umlauf.

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