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Die Facebook Papers : Zur Manipulation verdammt

Per VR-Brille mit Freunden im Metaversum rumhängen: Mark Zuckerbergs neuste Idee. Bild: EPA

Gut möglich, dass die „Facebook Papers“ neue Erkenntnisse liefern. Aber um die notwendigen politischen Schlüsse zu ziehen, müsste man die Dokumente veröffentlichen.

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          Als das Wall Street Journal Anfang September den ersten Teil der Dokumente veröffentlichte, die die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen der Zeitung zugespielt hatte, blieb der große Kulturschock aus. Zu den Erkenntnissen, die die abfotografierten Dateien bestätigen, gehören etwa: dass die Geschäftsführung Kritik von Mitarbeitern ignoriert. Dass der Dienst zu lasch gegen Hate Speech vorgeht. Dass Teenager Facebook uncool finden und dass sich einige Mädchen, wenn sie mit ihrem Körper unzufrieden sind, noch schlechter fühlen, wenn sie auf Instagram gehen. Und: dass dem Unternehmen Gewinne wichtiger sind als das Gemeinwohl. Ach was.

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Seit Montag wurde aus den exklusiven Enthüllungen des Wall Street Journal eine Breitseite aus allen möglichen Richtungen. Haugen hatte ihr Material, um die Wirkung zu vergrößern, einem „Konsortium“ verschiedener Medien aus siebzehn amerikanischen und einer Handvoll europäischer Partner zur Verfügung gestellt, von CNN bis zur New York Times, in Deutschland ist die Süddeutsche Zeitung dabei. Ihre Freunde vom Wall Street Journal waren über die neue Konkurrenz nicht besonders amused, die neuen Mitglieder des Clubs wiederum schwankten zwischen der Freude über die Einladung und der verständlichen Sorge, nur noch wenig brisante Reste verwerten zu können. Ohnehin sind viele der Erkenntnisse nicht neu, sogar über einige der Dokumente wurde schon längst berichtet, etwa jenes, aus dem hervorgeht, dass Facebook tatenlos mit ansah, wie die „Stop the Steal“-Bewegung den Sturm aufs Kapitol plante. Um wenigstens äußerlich etwas Originalität zu verbreiten, änderte man den Namen des Konvoluts von „Facebook Files“ zu „Facebook Papers“. Und machte sich daran, „Saft aus der Rinde zu pressen“, wie es Casey Newton ausdrückt, der als Herausgeber des erfolgreichen Newsletters Platformer ebenfalls Teil des Konsortiums ist.

          Enthüllungen als Fortsetzungsroman

          Was dabei herauskam, war dann doch überraschend ergiebig: Allein am Montag erschienen mehr als 60 Artikel, vor allem über die katastrophalen politischen Effekte der Algorithmen und die Untätigkeit der Geschäftsführung. Seitdem wird täglich nachgelegt. Und wenn man den Insidern glauben darf, ist noch genug Rinde für Wochen da: Weil Haugen ihre Dokumente wie einen Fortsetzungsroman stückchenweise an die Medien weiterreicht, bieten sie Stoff für eine anhaltende Berichterstattung – jedenfalls solange die Aufmerksamkeit des Publikums groß genug ist. Man kann darin, wie Newton, eine clevere Marketingkampagne Haugens für ihren Feldzug gegen Facebook sehen. Aber womöglich liegt die Qualität ihrer „Papers“, wie bei vielen solcher aktuellen „Leaks“, gerade im pompösen Auftritt: „Geheim“ waren viele der Missstände bei Facebook ja vor allem insofern, als sich die Öffentlichkeit kaum für sie inter­essierte. Wenn nun dank anschaulicher Details der Enthüllungen das Bewusstsein für die Probleme und der politische Druck wächst, ist das angesichts der gigantischen Bedeutung Facebooks überfällig.

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