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Extinction-Rebellion-Blockade : Wahrheit als Meinungssache

  • -Aktualisiert am

Wer hier vorbei will, gefährdet Menschenleben: Blockade der Druckerei Newsprinters in Broxbourne. Bild: dpa

Dass Aktivisten die Auslieferung einiger britischer Zeitungen blockiert haben, rechtfertigen sie mit deren Berichterstattung über den Klimawandel: Sie geben vor, für die Pressefreiheit zu kämpfen. Eine seltsame Verkehrung.

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          In einer seltsamen Verkehrung des Freiheitsbegriffes glauben Aktivisten der Umweltschutzbewegung Extinction Rebellion im Namen der Pressefreiheit gehandelt zu haben, indem sie am Wochenende die Auslieferung mehrerer britischer Zeitungstitel verhinderten, deren Berichterstattung über die Klimakrise ihnen missfällt. Etwa zweihundert Demonstranten gelang es, in verschiedenen Orten die Betriebe zu blockieren, die Rupert Murdochs „Times“ und „Sun“, aber auch den „Telegraph“ und die „Daily Mail“ drucken. Die Demonstranten werfen diesen Blättern eine mangelhafte Berichterstattung über den Klimawandel vor.

          Aktivisten trugen Plakate, auf denen „Fünf Verbrecher kontrollieren unsere Nachrichten“ zu lesen war. Mit selbstgerechtem Pathos behauptete Extinction Rebellion, große Teile der Medien nähmen den Klimanotstand nicht hinreichend wahr. Deshalb hätten jetzt einfache Leute die mächtigen und undemokratischen Institutionen für eine Nacht jene Verletzbarkeit spüren lassen, mit der andere jeden Tag leben müssten. Extinction Rebellion fordert, dass die Öffentlichkeit genau informiert werden müsse über den ökologischen Notstand, wenn überhaupt noch Hoffnung auf einen Kurswechsel bestehen solle. Dafür stünden die Aussichten nicht gut, da einige wenige Milliardäre den Informationsfluss kontrollierten.

          Die Organisation rühmte sich, mit ihrer Aktion erreicht zu haben, dass zumindest an einem Tag weniger Falschinformation, Spaltung und Hass verbreitet worden seien. Dass sie kübelweise Hass auf Rupert Murdoch ausschüttete, schien ihr zu entgehen. Der zustimmende Tweet einer linken Labour-Abgeordneten „Bravo Extinction Rebellion“ wurde schleunigst entfernt, da er nicht zur Linie der neuen Oppositionsführung passte, die sich von der Corbyn-Ära distanziert. Die Labour-Spitze erklärte im Einklang mit Boris Johnson die Pressefreiheit für unabdingbar und pochte auf das Recht aller, die Zeitungen ihrer Wahl lesen zu können.

          Die Regierung will nun prüfen lassen, ob die Klimaschutz-Extremisten als Gruppe des organisierten Verbrechens eingestuft werden können, und erwägt neue Maßnahmen zum Schutz der „entscheidenden nationalen Infrastruktur“ und der „Grundsätze der Demokratie“. Extinction Rebellion behauptet dagegen, mit der Aktion nicht nur für die Pressefreiheit einzustehen, sondern auch „die Wahrheit zu befreien“. In den Augen dieser Menschheitsretter sind Freiheit und Wahrheit offenbar Meinungssache.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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