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Das Videospiel „Disco Elysium“ : Meine Krawatte nennt mich Bratuschka

Disco heißt hier: weitertanzen, auch wenn die Welt in Trümmern liegt: „Harry-Baby“ auf der „ironischen“ Statue von Filippe III. in Zentrum von Martinaise. Bild: Za/Um

Was ist das für ein blitzgescheites und komisches Videospiel, in dem Gewalt vor allem Wortgewalt ist? In „Disco Elysium“ muss ein abgehalfterter Cop mit Amnesie einen Mord aufklären. Ein Blick in sein Tagebuch.

          5 Min.

          Es ist zu spät. Es ist egal. „Disco Elysium“ – damit ist alles gesagt. Alles, was sich noch sagen ließe, steht im kalten Schatten dieses kraftstrotzenden und videospielgewordenen Text-Ungeheuers des estnischen Schriftstellers Robert Kurvitz und seines Studios „Za/Um“. Über Superlative und internationale Auszeichnungen, die seine Qualität würdigen, kann dieses Rollenspiel, das seine ganz eigene, lebendige Intelligenz und Meinung besitzt, vermutlich nur lachen. Es ist „Der Mann ohne Eigenschaften“ der Videospielwelt. „Menschheit, sei wachsam; wir haben Dich geliebt“, steht ganz am Ende. Da hat der Abspann die bröckelnde Welt, in die das phantastische Abenteuer eines zumeist delirierenden Polizisten in Zeitlupe hinein explodiert war, schon wieder zurück in Pandoras Medizinschränkchen gepackt. Die Handlung findet über Dialoge statt, durch die sich der Spieler via Wortwahl navigiert: Gespräche mit Toten, Büchern, blutrünstigen Söldnern, Klassenfeinden, schwarzen Rassisten, dem eigenen Hirnstamm und einer scheußlichen Krawatte, die es gerne krachen lässt. Ausschnitte aus dem Tagebuch einer eigentümlichen Spielfigur:

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Erster Tag, Montag: Schwimmendes Körnchen Bewusstsein in einem „Ozean aus Urschwärze“. Wollte, ich hätte für immer darin treiben können. Ahnung von Wellen unvorstellbaren Schmerzes, als dieser winzige Lichtfleck meines Bewusstseins vom limbischen System darauf gestoßen wird, dass eine amorphe Masse aus Fleisch lose mit ihm verbunden ist – und dass dieses Fleisch eine ebenso amorphe Masse an Problemen mit sich herumträgt. Sie haben etwas mit der episch zu kurz greifenden Bezeichnung „Ex“ und der Frage, „Wer bin ich?“, zu tun. Lieber mehr „bodenlose Tiefe,“ mehr von den „Liedern des Todes“. Doch irgendein dämlicher Reiz von außen hat die „Schmerzensmaschine“ abermals angeworfen. Was war und ist das? Der Leviathan des Alkoholmissbrauchs: Ein Endzeit-Kater! Unheiliger Kopfschmerz. Endlich aufgewacht: „Hilfe! Schlagt mir den Kopf ab, er versucht den Rest von mir umzubringen.“ Halbdunkel: Horror-Krawatte am Deckenventilator, Klamotten gesucht. Licht an. Großer Fehler! Hat mir fast ein Loch in den Schädel gebrannt. Apokalytpische Zustände. Linken Schuh gefunden! Giftgrünes Schlangenleder. Blondine mit Sommersprossen vor der Tür sagt, ich sei Polizist. Ha! Haha. Ha. Unten: Bebrillte Bohnenstange an der Rezeption stellt zu viele Fragen, auf die es in meiner Welt und auf meiner Zeitachse keine Antworten gibt. Vielleicht niemals geben wird. Zweiten Schuh gefunden. Auf dem Balkon. Hose fehlt.

          So viel Disco war noch nie: der „Firewalker“ und seine Horror-Krawatte
          So viel Disco war noch nie: der „Firewalker“ und seine Horror-Krawatte : Bild: Za/Um

          Zweiter Tag, Dienstag: Stellt sich raus, die Bohnenstange an der Rezeption ist mein Partner! Kim Kitsuragi, seolische Wurzeln, 57. Revier, Revachol Citizens Militia (RCM). Wir sind sowas wie das Gesetz. Spiegel, zeigt mir ein Gesicht, das ich von irgendwoher kenne. Das Grauen. Soll einen Mordfall untersuchen – beziehungsweise, ich untersuche längst einen Mordfall: Toter Söldner. Schmucke High-Tech-Rüstung. Hängt schon seit Tagen im Baum; wird von Tag zu Tag schöner.

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