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„Mein Kampf mit Hitler“ im ZDF : Erst das Examen, dann das Exil

Ludwig Blochberger als Raimund Pretzel (Sebastian Haffner), der im Berliner Kammergericht stehend das Nazi-Unheil im Anmarsch sieht Bild: REINHARD BERG

Gediegenes Schulfernsehen für alle: Das ZDF inszeniert aus Sebastian Haffners „Geschichte eines Deutschen“ die Kapitel über Hitlers „Machtergreifung“ als Dokudrama.

          2 Min.

          Der knapp fünfundvierzigminütige Film „Mein Kampf mit Hitler - ,Machtergreifung’ 1933“ von Peter Adler und Gordian Maugg ist dem Genre nach ein fernsehübliches Dokudrama, das auf dem zweiten Teil von Sebastian Haffners 1939 im Londoner Exil geschriebener „Geschichte eines Deutschen“ fußt.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Mit einer Ausnahme hat man das dokumentarische Material des Jahres 1933 - Ausschnitte aus Reden von Hitler und Goebbels etwa, zeitgenössische Aufnahmen vom Reichstagsbrand, von der Bücherverbrennung oder vom Judenboykott des 1. April  - in anderen Zusammenhängen oft gesehen und gehört. Die Ausnahme aber hat es in sich: Sie zeigt einen Wochenschaubericht vom Spätsommer 1933 über den Besuch des gerade zum preußischen Justiz-Staatssekretär ernannten Roland Freisler im „Gemeinschaftslager für Referendare“ südlich von Berlin.

          In beamtenhafter Jovialität verkündet der nachmalige Brüll- und Schafott-Präsident des sogenannten Volksgerichtshofs dort den angehenden Assessoren, man habe jetzt „zum ersten Mal den Versuch gemacht, Kandidaten einer Prüfung daran zu hindern zu büffeln“, stattdessen sollten sie „als Kameraden zusammenleben“ und so im Geist des Nationalsozialismus „freudig“ dabei „mitmachen“, das „Rückgrat des Staates, seine Rechtspflege“, zu stärken. Nein, den damals fünfundzwanzig Jahre alten Berliner Bürgersohn Raimund Pretzel erkennt man nicht beim Schwenk der Kamera über die Kandidaten hinweg. Aber er war dabei, musste dabei sein, als Freisler die Jungjuristen auf Hitler einschwor.

          “Germany - Jekyll & Hyde“ heißt die Sozialstudie des NS-Staats, die Pretzel 1940 in England veröffentlichte und für die er zum eigenen wie zum Schutz der in Deutschland zurückgebliebenen Familienmitglieder erstmals jenes Autoren-Pseudonym wählte, das fortan zum Markenzeichen dieses herausragenden Journalisten und Essayisten des zwanzigsten Jahrhunderts werden sollte: Sebastian Haffner.

          Kurz zuvor hatte er die „Geschichte eines Deutschen“ zu Papier gebracht, eine autobiographisch grundierte Schilderung der Weimarer Republik und des beginnenden Nazi-Regimes. Die höchst bemerkenswerte Schrift blieb zu seinen Lebzeiten unveröffentlicht, erst 2002 erschien sie in der ursprünglichen Textgestalt - und endet mit dem Kapitel über das Gemeinschaftslager, in das man ihn 1933 zwangsbeorderte.

          Ein Pakt zwischen Vater und Sohn

          Der junge Pretzel war von Beginn an ein entschiedener, aber im Grunde unpolitischer Gegner der Nazis. Ihn ekelte vor Hitlers Auftreten, er fand die SA-Horden ästhetisch wie moralisch degoutant. Und er inszenierte die „Geschichte eines Deutschen“ im Stil einer vorweggenommenen Nachkriegs-Moderne, also etwa wie eineinhalb Jahrzehnte später der Schweizer Max Frisch seinen Roman „Stiller“ - als einen Akt des dezidiert privaten Widerstands gegen die Zumutungen der Gesellschaft und des Staates, nur dass der Staat, über den Pretzel/Haffner schrieb, eben eine Verbrecherorganisation geworden war.

          Sebastian Haffner 1978

          Etwa zwei Drittel des Dokudramas sind Spielszenen, die Haffners Bericht entweder treulich folgen oder sie in dessen Geist glaubhaft hinzuerfinden. Ludwig Blochberger stellt dabei den Referendar Pretzel dar, Michael Mendl ist der ebenfalls naziferne Vater. Die beiden schließen einen Pakt: Erst das Examen, dann das Exil. Und weil sich der Sohn an diesen Pakt hielt, musste er im Lager von Jüterbog auch dem Nazi-Karrieristen Freisler begegnen.

          Adler und Maugg bieten einen Bilderbogen über Liebe und Libertinage, über Unrecht und Terror am Ende der Weimarer Republik. Das ist gediegen, mitreißend ist es nicht: Schulfernsehen für alle.

          Und die „Machtergreifung“? Haffner notiert 1939: „Der 30. Januar 1933 brachte keine Revolution, sondern einen Regierungswechsel.“ Hitler wurde zwar zum Reichskanzler ernannt - aber eben auf der Basis der geltenden Verfassung. Mit deren Aushöhlung begann er gleich am Tag danach - die ganze Macht in Händen hatten die Nazis dann spätestens am Ende des Jahrs.

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