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Royaler Nachwuchs : Wie kommt ein falsches Baby auf die Titelseite?

Da war das echte Foto wohl nicht hübsch genug: Während die Titelseite von einer merkwürdigen Fotocollage gefüllt wird, schafft es das offizielle Foto der royalen Familie nur in die untere Ecke. Bild: Freizeitwoche

Der Nachwuchs im britischen Königshaus verzückt die Yellow Press derart, dass die Bildauswahl aus den Fugen gerät. Solche Fotomontagen kommen zwar etwas seltener vor als früher – doch der Hype bleibt fragwürdig.

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          Ob bei Königinnen, Prinzessinnen oder Schlagerstars: Woche für Woche werden auf den Titelseiten der Regenbogenmagazine Schwangerschaften verkündet. Zu etwa 99 Prozent sind diese Geschichten von den Redaktionen erfunden, um mit vermeintlicher Exklusivität zu locken und sich abzugrenzen von den Dutzenden anderer Hefte, die von der Aufmachung und vom Namen her kaum unterscheidbar sind. Ein ewiges Rätsel ist die Frage, wieso die Leserschaft es hinnimmt, wenn ein und demselben gekrönten Haupt im Wochenabstand eine Schwangerschaft mit einem Mädchen, einem Jungen oder Zwillingen angedichtet wird, die sich, da sich zumeist ja kein Nachwuchs einstellt, im Grunde über viele Jahre hinziehen müsste.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ist aber wirklich mal ein Baby unterwegs, besteht für die bunten Blätter kein Grund zur Freude, im Gegenteil: Diese Story nämlich haben sie nicht exklusiv, und sie sind seriöseren, besser ausgestatteten Medien hoffnungslos unterlegen. Was nicht bedeutet, dass die Billighefte den Kampf nicht mit ihren Mitteln aufnähmen: Jetzt geht es darum, den Eindruck vorzutäuschen, als Erster von der Geburt zu wissen – und als Erster ein Foto zu präsentieren. In früheren Jahren führte dies zu Photoshop-Exzessen, bei denen die Prinzessin auf zwölf Zeitschriftencovern zwölf verschiedene Babys im Arm hielt. Eine höhere Sensibilität der Öffentlichkeit, vor allem aber der Anwälte hat dies etwas eingedämmt; man könnte sagen, dass die Lesertäuschung heute mit ein wenig mehr Skrupeln vollzogen wird.

          Süß, aber Meghan: Das Cover von „Die Aktuelle“ vom 8. Mai

          Zum Beispiel beim Funke-Blatt „Die Aktuelle“. Am 6. Mai erblickte der Sohn von Meghan und Harry das Licht der Welt, am 8. Mai erblickte die Welt ihn – und am gleichen Tag ließ „Die Aktuelle“ die Eltern jubeln: „Unser kleiner Prinz ist da!“ Dass der kleine Archie zwar blaublütig ist, doch titellos, ist nicht mal der heikelste Punkt dieses Covers, das ganz groß auch ein Baby zeigte – allerdings, schließlich kamen die Fotos des echten Archie zu spät, ein Mädchen. Und darunter, ganz klein, die Worte: „Meghan: So süß!“

          Den Entschluss, kurzsichtigeren Lesern als Archie ein Archivbild der Mutter zu verkaufen, scheint das Heft mit dem – wiederum nicht belegten – Harry-Zitat rechtfertigen zu wollen, der kleine Sohn sei „genauso niedlich wie Meghan als Baby“. Eine fragwürdige Frühgeburt hatte zuvor die Klambt-Zeitschrift „Die neue Frau“ geliefert: Sie wählte für ihre Ausgabe vom 30. April ein Titelfoto, auf dem Meghan einen Jack Russell herzte, ersetzte den Hund durch ein Baby und fügte klein und verschämt das Wort „Fotomontage“ hinzu.

          Den rätselhaftesten Auftritt aber hat die „Freizeitwoche“ aus dem Bauer-Verlag hingelegt. Ihr Sonderheft „Freizeitwoche Baby Royal“ zeigt auf Seite eins bereits ein echtes Bild von Meghan und Harry mit Archie – jedoch nur klein in einer Ecke, und viel ist von dem mit Mützchen und Decke geschützten Baby nicht zu erkennen.

          Süß, aber nicht Archie

          Das Hauptmotiv ist eine sogenannte „Fotokomposition“: Wir sehen das strahlende Herzogspaar, Harrys Hand auf Meghans seltsam geformter Schulterpartie und ein Baby, das süß und fotogen ist, aber eben nicht Archie.

          Archie, aber kaum zu sehen

          Warum man auf dem Cover eines Sonderheftes, das per Pressemitteilung sowie in anderen Bauer-Blättern beworben wird, trotz verfügbarer ArchieFotos ein Fake-Baby zeigt, das hätten wir von der Bauer Media Group gern wissen wollen, doch wie in solchen Fällen üblich mochte man kein Statement abgeben. Wieso der Verlag meint, seiner Zielgruppe so etwas vorsetzen zu können, dafür immerhin mag eine Aussage von seiner Website eine Erklärung liefern: Die Leserschaft der „Freizeitwoche“ zeichne sich unter anderem dadurch aus, dass sie „gelassen“ sei.

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