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Mediokratie in Österreich : Der Onkel Hans, der kann's

  • -Aktualisiert am

Der österreichische Alfred Gusenbauer rechtfertigt seine Politik, während Werner Faymann in seinem Rücken lauert Bild: picture-alliance/ dpa

Wer Österreich regiert, bestimmen die Wähler erst in zweiter Linie. Den Kanzler macht die „Kronen Zeitung“. Ein Brief der SPÖ-Regierung macht das deutlich, in dem die Regierung mitteilt, ihre EU-Politik fortan ganz nach den Wünschen der gegen die EU aufgebrachten Leser der „Krone“ zu gestalten.

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          Der „sehr geehrte Herausgeber“, der 87 Jahre alte Zeitungszar Hans Dichand, kann ob seiner Medienmacht wieder einmal jubeln. Der Rest der österreichischen Medienwelt ist empört, ja, entsetzt. Ein „Dokument der Schande“, einen „Kniefall“ und „Unterwerfungsakt der Politik“, eine „Selbsterniedrigung“ und „Kapitulationsurkunde“, „erbärmlich“, aber „sehr effizient“, nennen die Zeitungen einen Brief des Bundeskanzlers Alfred Gusenbauer des SPÖ-Chefs Werner Faymann an den „sehr geehrten Herausgeber“ der „Kronen Zeitung“. In diesem Brief, der auch die Regierungskoalition erschüttert, teilt die neue rote Doppelspitze nichts weniger als ihre Umkehr in der EU-Politik mit, die sie fortan ganz nach den Wünschen des gegen die EU aufgebrachten Leservolks der „Krone“ gestalten will.

          Das heißt auf dem (natürlich abgedruckten) Briefpapier, dass die Sozialdemokraten bei künftigen europäischen Verträgen für Volksabstimmungen eintreten. Eine Forderung, die der alte „Krone“-Chef seit Monaten in einer vor nichts zurückschreckenden Kampagne ausbreitete, mit unermüdlich gegen die EU-Bonzen hetzenden Titelzeilen und vor allem auch auf seinen berüchtigten, persönlich redigierten Leserbriefseiten, auf denen es mit den Namen und Adressen der Absender nicht so genau zugeht. Nach dem Reuebrief der SPÖ-Spitze feierte die „Krone“ deren Umschwenken zwar als „ersten Erfolg der Widerstandsfront gegen die EU-Demokratie-Blockierer“, und Hans Dichand begrüßte, vorne auf Seite 3, unter seinem Pseudonym Cato die „neuen Freunde“ in seinem Lager: „Gelassen führen wir den Kampf um unser Vaterland Österreich weiter“. Und im dreiseitigen Herzstück des Boulevardblatts stand unter dem großen, fetten Leserbrieftitel „Die EU ist nicht mehr zu retten, der Zerfall hat begonnen . . .“ schon die nächste Runde im Kampagnenjournalismus, der mit dem sozialdemokratischen Versprechen einer Volksabstimmung nicht enden wird.

          Onkel Hans, der Kanzlermacher

          In Wirklichkeit betätigt sich der Herausgeber und Hälfteeigentümer der „Kronen Zeitung“ (die anderen fünfzig Prozent gehören dem deutschen WAZ-Konzern) auch einmal mehr ungeniert als Kanzlermacher. Sein Schützling heißt diesmal Faymann, ist der Infrastrukturminister des Landes und seit zwei Wochen auch geschäftsführender SPÖ-Chef. Durch die Abgabe der Macht in der Partei und durch einen Coup hatte Kanzler Gusenbauer sein Amt gerade noch retten können, aber als der wahre mächtige Macher in der SPÖ gilt jetzt der schon monatelang als „Kronprinz“ titulierte Faymann, der mit dem Kronenzeitungsherausgeber bestens befreundet ist, ihn seit Jahrzehnten „Onkel Hans“ nennt.

          In seinen Jahren als Wiener Wohnbaupolitiker hat sich die Freundschaft gewiss auch noch dadurch vertieft, dass Faymann bei der „Krone“ laufend seitengroße, natürlich von der Stadt bezahlte Inserate in Auftrag gab; eine Art von Medienpolitik, die er auch als Verkehrsminister fortsetzen und ausweiten konnte. Mit seiner freundlich-geschmeidigen Wesensart, aber auch wegen persönlicher Freundschaften und rundum postierter, beruflicher Weggefährten ist der bestens vernetzte Faymann freilich schon lange auch der Medienliebling auf dem restlichen Boulevard, zu dem auch Wolfgang Fellners Zeitung „Österreich“, das von Dichands Schwiegertochter Eva Dichand geführte Gratisblatt „Heute“ und die Magazingruppe „News“ gehören.

          'Kanzler der Krone'

          Die „Kronen Zeitung“ freilich gilt als der Schlüssel seiner Karriere, die ihn spätestens im Herbst, eventuell nach Neuwahlen, ins Kanzleramt führen wird, wie fast alle Kommentatoren des Landes vermuten. „Da wächst ein populistischer ,Kanzler der Krone' heran, mit unabsehbaren Folgen für die Politik des Landes“, schrieb Peter Rabl im „Kurier“ in Verwendung einer trefflichen Bezeichnung der „Neuen Zürcher Zeitung“ und schrieb weiter: „Rascher als erwartet hat der designierte Parteichef Faymann die SPÖ an die Schulter seines alten Freundes Dichand sinken lassen.“ Dass die „Kronen Zeitung“ die Realverfassung des Landes sei, stand kürzlich in der Österreich-Ausgabe der „Zeit“. Alexandra Föderl-Schmid, die Chefredakteuerin des „Standard“, präzisierte nun und nannte Hans Dichand „die übergeordnete Verfassungsinstanz“.

          Exekutive, Legislative und Judikative sollten gleich ihren Platz räumen, schlug sie zwischen Resignation und Zynismus vor: „Dann wäre endgültig klar: ,Onkel Hans' regiert die Republik“. Dass sich Faymann und Gusenbauer - in den Zeitungen wird die rote Doppelspitze derzeit sprachverliebt auch als „Faybauer“ oder „Gusenmann“ bespöttelt - statt demokratischen Grundsätzen nun der „Krone“ unterworfen haben, könne auch als „effizient“ betrachtet werden - hat doch dieses Kleinformat eine Reichweite von 43 Prozent. Was keine Partei mehr erreicht. In der jüngsten Ausgabe des Nachrichtenmagazins „Profil“ werden Gusenbauer und Faymann, der Noch-Kanzler und der Bald-Kanzler, auch mit einer Illustration schlicht als „Die Krone-Prinzen“ dargestellt.

          Politik gegen die 'Krone'?

          Ob man in Österreich gegen die „Kronen Zeitung“ Politik machen kann, ist seit Jahrzehnten die Frage. Das Massenblatt hat drei Millionen Leser, ist in Relation zur Einwohnerzahl des Landes die größte Zeitung der Welt; die deutsche „Bild“ müsste dreißig Millionen Leser haben, um so meinungsbildend agieren zu können wie Dichands „Krone“, die zwischen Tier-Ecken und nackten Busenmädchen immer wieder ihre Themen durchgedrückt hat und unterschwellige Ressentiments gegen Ausländer im Allgemeinen und die „Piefkes“ im Speziellen verbreitet. Politik gegen die Krone? „Ich weiß nicht, ob das geht“, sagte der Wiener Bürgermeister einmal. Zwar muckt nun, ob des auch in der SPÖ umstrittenen Reuebriefs, der EU-Abgeordnete Herbert Bösch auf und sagt: „Ich bin nicht der ,Kronen Zeitung' beigetreten, sondern der Sozialdemokratischen Partei Österreichs.“

          Doch seit Generationen machen Politiker dem „Krone“-Chef ihre Aufwartung, besuchen ihn artig im Pressehaus, bringen ihm kleine Geschenke mit, wie Dichand dieser Tage genüsslich auch über die österreichische Außenministerin verriet. Nur ein Politiker hat einmal gegen den Willen Dichands gehandelt: Wolfgang Schüssel, der seine Mitte-rechts-Regierung im Jahr 2000 gegen Dichands Plan aufstellte. Aber zwei Jahre später, als es zu Neuwahlen kam, schwenkte auch der Bundeskanzler Schüssel plötzlich und überraschend bei einen Tierschutzgesetz um - auch ein beliebtes Kampagnenthema der „Krone“.

          Hans Dichand, der jetzt noch einmal der Kanzlermacher sein möchte, schrieb vor zwölf Jahren ein Buch, im dem er sich selbst als „Im Vorhof der Macht“ stehend beschrieb. Legendär ist seine Einlassung, dass er lieber daheim seinen Hund streichle als politische Macht auszuüben. Anderswo versucht die politische Macht die Medienmacht in den Griff zu kriegen - in Österreich ist es umgekehrt: Politik und Medienmacht sind beinahe schon eins geworden.

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