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Mediokratie in Österreich : Der Onkel Hans, der kann's

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Die „Kronen Zeitung“ freilich gilt als der Schlüssel seiner Karriere, die ihn spätestens im Herbst, eventuell nach Neuwahlen, ins Kanzleramt führen wird, wie fast alle Kommentatoren des Landes vermuten. „Da wächst ein populistischer ,Kanzler der Krone' heran, mit unabsehbaren Folgen für die Politik des Landes“, schrieb Peter Rabl im „Kurier“ in Verwendung einer trefflichen Bezeichnung der „Neuen Zürcher Zeitung“ und schrieb weiter: „Rascher als erwartet hat der designierte Parteichef Faymann die SPÖ an die Schulter seines alten Freundes Dichand sinken lassen.“ Dass die „Kronen Zeitung“ die Realverfassung des Landes sei, stand kürzlich in der Österreich-Ausgabe der „Zeit“. Alexandra Föderl-Schmid, die Chefredakteuerin des „Standard“, präzisierte nun und nannte Hans Dichand „die übergeordnete Verfassungsinstanz“.

Exekutive, Legislative und Judikative sollten gleich ihren Platz räumen, schlug sie zwischen Resignation und Zynismus vor: „Dann wäre endgültig klar: ,Onkel Hans' regiert die Republik“. Dass sich Faymann und Gusenbauer - in den Zeitungen wird die rote Doppelspitze derzeit sprachverliebt auch als „Faybauer“ oder „Gusenmann“ bespöttelt - statt demokratischen Grundsätzen nun der „Krone“ unterworfen haben, könne auch als „effizient“ betrachtet werden - hat doch dieses Kleinformat eine Reichweite von 43 Prozent. Was keine Partei mehr erreicht. In der jüngsten Ausgabe des Nachrichtenmagazins „Profil“ werden Gusenbauer und Faymann, der Noch-Kanzler und der Bald-Kanzler, auch mit einer Illustration schlicht als „Die Krone-Prinzen“ dargestellt.

Politik gegen die 'Krone'?

Ob man in Österreich gegen die „Kronen Zeitung“ Politik machen kann, ist seit Jahrzehnten die Frage. Das Massenblatt hat drei Millionen Leser, ist in Relation zur Einwohnerzahl des Landes die größte Zeitung der Welt; die deutsche „Bild“ müsste dreißig Millionen Leser haben, um so meinungsbildend agieren zu können wie Dichands „Krone“, die zwischen Tier-Ecken und nackten Busenmädchen immer wieder ihre Themen durchgedrückt hat und unterschwellige Ressentiments gegen Ausländer im Allgemeinen und die „Piefkes“ im Speziellen verbreitet. Politik gegen die Krone? „Ich weiß nicht, ob das geht“, sagte der Wiener Bürgermeister einmal. Zwar muckt nun, ob des auch in der SPÖ umstrittenen Reuebriefs, der EU-Abgeordnete Herbert Bösch auf und sagt: „Ich bin nicht der ,Kronen Zeitung' beigetreten, sondern der Sozialdemokratischen Partei Österreichs.“

Doch seit Generationen machen Politiker dem „Krone“-Chef ihre Aufwartung, besuchen ihn artig im Pressehaus, bringen ihm kleine Geschenke mit, wie Dichand dieser Tage genüsslich auch über die österreichische Außenministerin verriet. Nur ein Politiker hat einmal gegen den Willen Dichands gehandelt: Wolfgang Schüssel, der seine Mitte-rechts-Regierung im Jahr 2000 gegen Dichands Plan aufstellte. Aber zwei Jahre später, als es zu Neuwahlen kam, schwenkte auch der Bundeskanzler Schüssel plötzlich und überraschend bei einen Tierschutzgesetz um - auch ein beliebtes Kampagnenthema der „Krone“.

Hans Dichand, der jetzt noch einmal der Kanzlermacher sein möchte, schrieb vor zwölf Jahren ein Buch, im dem er sich selbst als „Im Vorhof der Macht“ stehend beschrieb. Legendär ist seine Einlassung, dass er lieber daheim seinen Hund streichle als politische Macht auszuüben. Anderswo versucht die politische Macht die Medienmacht in den Griff zu kriegen - in Österreich ist es umgekehrt: Politik und Medienmacht sind beinahe schon eins geworden.

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