https://www.faz.net/-gqz-9922v

Medienzensur : Chinas Regierung duldet im Internet keine Opposition

Mahnwachen und Hupkonzerte: Das Firmengebäude der Nachrichten-Plattform „Toutiao“ Bild: Reuters

Die chinesische Regierung hat eine beliebte News-App vom Netz genommen – angeblich wegen unmoralischer Inhalte. Ob es eine Rolle spielte, dass Staatsmedien bei den personalisierten Inhalten nicht hoch im Kurs standen?

          2 Min.

          Der Internetunternehmer Zhang Yiming stand offenbar unter großem politischen Druck, als er diese Woche folgende Zeilen schrieb: „Die ganze Zeit haben wir übermäßiges Gewicht auf die Technologie gelegt und haben nicht erkannt, dass Technologie dem sozialistischen Kernwertesystem folgen muss und positive Energie verbreiten muss, um den Erfordernissen der Ära gerecht zu werden.“ Damit übte er den Kniefall vor Staats- und Parteichef Xi Jinping, der die „neue Ära“ des chinesischen Sozialismus ausgerufen hat. Zhang versuchte offenbar, von seinem Unternehmen Bytedance weiteren Schaden abzuwenden. Denn Chinas Zensoren haben seine beliebte Newsfeed-App „Toutiao“ für drei Wochen vom Netz genommen und die Witze-App „Neihan Duanzi“ ganz abgeschaltet. Staatsmedien und die Internetaufsichtsbehörde hatten der Plattform „Toutiao“ seit längerem vorgeworfen, unmoralische und pornographische Inhalte zu verbreiten.

          Staatsmedien offenbar nicht hoch im Kurs

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Zhangs Entschuldigungsschreiben enthielt einen Hinweis darauf, was den chinesischen Behörden womöglich auch nicht gefallen hat: Er gelobt, künftig die Kooperation mit den Parteimedien zu verstärken und dafür zu sorgen, dass deren Inhalte stärker verbreitet werden. Beliebt war „Toutiao“ aber gerade deshalb, weil die Plattform den Nutzern mit Hilfe künstlicher Intelligenz nur solche Nachrichteninhalte zeigte, die sie schon in der Vergangenheit interessiert hatten. Bei vielen Nutzern standen die Staatsmedien offenbar nicht hoch im Kurs. Das Unternehmen, so Zhang, sei seiner Verantwortung nicht gerecht geworden, Nutzer mit Informationen zu versorgen, von denen eine positive Energie ausgehe.

          Zhangs offener Brief sei ein Beleg für die „große Spannung, die derzeit in China zwischen technologischer Innovation und Wirtschaftsreformen auf der einen und der Dringlichkeit der politischen Kontrolle auf der anderen Seite“ bestehe, schreibt der Medienwissenschaftler David Bandurski von der Universität Hongkong auf der Website des China Media Project. Neben explizit politischen Inhalten gehen die Zensoren immer stärker gegen Seichtes und Populäres vor, das nicht auf Parteilinie liegt.

          Das zeigt auch die Abschaltung der Plattform „Neihan Duanzi“, die schmutzige Witze und satirische Videos verbreitete. Mehrere hundert enttäuschte Anhänger der App verabredeten sich am Mittwoch und Donnerstag zu Protestaktionen. Bei einer Kerzen-Mahnwache trugen sie die App zu Grabe, und auf dem Parkplatz der Medienaufsichtsbehörde veranstalteten sie ein Hupkonzert. Die Aktion dürfte die Sicherheitsbehörden in Alarmstimmung versetzen. Auf Gruppen, die sich über das Internet zu gemeinsamem Handeln verabreden, reagieren sie stets besonders allergisch.

          Wenig Trost boten den Nutzern die Worte des Bytedance-Vorstandsvorsitzenden Zhang, der erklärte: „Unser Produkt hat sich in die falsche Richtung entwickelt und war wohl mit den sozialistischen Kernwerten nicht vereinbar.“ Im Stile einer klassische Selbstkritik gestand er ein, dass die tiefere Ursache der Probleme von Toutiao darin bestehe, dass das Unternehmen die von Xi Jinping erdachten „Vier Bewusstseins“ nicht verinnerlicht habe. Deshalb werde man nun alle Mitarbeiter in diesen vier Arten von Bewusstsein schulen und zudem 4000 Leute zusätzlich zur Kontrolle der Inhalte einstellen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Protest gegen die PiS vor dem Verfassungsgericht in Warschau am 31. August

          Polen und die EU : Die wachsende Gefahr des Polexits

          Die nationalkonservative PiS-Regierung will Polen wohl nicht aus der EU führen. Aber sie nimmt das Risiko mutwillig in Kauf, weil sie ihre Macht über das Wohl des Landes stellt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.